"Hitler sah in Wieland einen Idealsohn"

Vor 50 Jahren ist Wieland Wagner gestorben, der Erneuerer der Bayreuther Festspiele. Seine Tochter Nike Wagner bewundert ihn. Sie weiß aber auch um seine nie bewältigte Vergangenheit als Günstling Hitlers.

Nike Wagner (71), Urenkelin von Richard Wagner, hatte ein besonders enges Verhältnis zu ihrem Vater, dem früheren Bayreuther Festspielchef Wieland Wagner (1917-1966). Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur beschreibt sie einen getriebenen Künstler, der seinen Kindern viele Freiheiten ließ, aber auch ein dunkles Geheimnis in sich trug.   

Wenn Sie an Ihren Vater zurückdenken, welche Bilder kommen Ihnen da als Erstes in den Sinn?

Nike Wagner: Da gibt es zwei Serien. Einmal die offizielle – Wieland Wagner als der Bühnenkünstler und Erneuerer von Bayreuth - und dann der Privatmensch, der Vater. Eine bunte Flut von Bildern.

Was zum Beispiel?

Wagner: Ich sehe, wie er an seinem langen Schreibtisch Entwürfe macht, zeichnet, Kunstbücher aufschlägt. Oder ich sehe ihn vor dem eisernen Vorhang, wie er sich spöttisch lächelnd vor dem buhenden Publikum verbeugt.

War er ein guter Vater?

Wagner: Er war großartig, auch großartig ungerecht. Er war liebevoll, versetzte aber auch in Angst und Schrecken durch seine Wutausbrüche. Ich hatte Glück, ich war leicht und beweglich und lustig und habe seiner depressiven Natur vielleicht gut getan.

Wie muss man sich das vorstellen: eine Kindheit im Haus Wahnfried, dem Domizil Richard Wagners?

Wagner: Wahnfried war im April 1945 zu großen Teilen zerbombt worden, dadurch waren wir befreit von Pietät und Ahnen-Andacht. Mein Vater hat die Villa zur Gartenseite hin umgestalten können, es zog die Moderne ein - hohe Fenster, viel Licht, ein italienisch anmutender Garten. Die Kindheit war frei und fabelhaft, von Musik und Kunst durchzogen.

Wann wurde Ihnen klar: Meine Familie ist etwas Besonderes?

Wagner: Da gab es einen präzisen Moment. Eines Tages sagte jemand zu uns Kindern in Bayreuth: «Ihr meint wohl, weil ihr die Wagners seid, seid ihr was Besseres!» Mit diesem Satz ist mir einiges klar geworden.

Hatten Sie normalen Kontakt zu anderen Kindern aus Bayreuth?

Wagner: Bevor wir als Halbwüchsige ins Internat verfrachtet wurden, haben wir ein normales Kleinstadt-Leben geführt. Mit dem Unterschied: mit Schulfreundinnen und Groupies immer im Festspielhaus unterwegs.

Das gab keinen Ärger?

Wagner: Überhaupt nicht, das Festspielhaus war damals ein offenes Haus, ein Spielgelände, ein Abenteuer. Wir sind herumgeklettert im Orchestergraben und auf den Hängebrücken. Keiner hat nachgefragt oder hingeschaut. Ich sehe mich noch auf den Feuerleitern hochklettern auf die heiße Pappe, oben auf dem Dach. Paradiesische Zeiten.

Haben Sie Ihren Vater auch bei der Arbeit erlebt?

Wagner: Ja, von klein auf. Zuhause mit meiner Mutter beim Erarbeiten des Inszenierungs-Konzeptes, bei den Soloproben mit den Sängern oder am Regiepult. Sehr gern hatte ich auch die Pressekonferenzen, da musste er Rede und Antwort stehen und den Altwagnerianern seine Inszenierungen erklären, das war faszinierend. Er war polemisch sehr begabt, hat glänzend geantwortet, sarkastisch, schlagfertig, ironisch, aber auch ernst.

Er allein gegen alle - diese Rolle ist Ihnen ja auch nicht fremd.

Wagner: Naja, so wild war das bei mir nicht. Aber es gibt schon Prägungen, die man übernimmt – oder Beispiele von Mut und Souveränität. Wieland Wagners Persönlichkeit ist aber nur zu verstehen, wenn man seine Jugend hinzunimmt – seine Bestimmung als «Erbe», die frühe Vaterlosigkeit, die übergroße Bindung an die Mutter Winifred, die ihn und seine Geschwister in ihre Bewunderung für Hitler hineingerissen hat. Und später, mit Neubayreuth, hatte er den Bruder neben sich, Wolfgang, mit gleichen Rechten, Wagner zu inszenieren, aber ohne künstlerisches Profil. Es ist kein Wunder, dass er so früh gestorben ist. 

Meinen Sie, er ist daran zerbrochen?

Wagner: Zumindest waren die familiären Spannungen und Belastungen gewaltig. Es fing damit an, dass sich die eigene Mutter mit dem Rücken zu seinen Bühnenbildern in die Loge gesetzt hat. Natürlich tut das weh. Nach außen hin hat er immer den gegeben, der damit spielt, der das elegant auffängt. Aber jeder Künstler liebt den Erfolg.

Diesen Erfolg hat er aber doch auch erlebt.

Wagner: Ja, nach ein paar Jahren hatte er das Spiel gewonnen. Er hat seinen Erfolg durchaus erlebt, und nicht nur mit Wagner in Bayreuth. Auch durch seine Inszenierungen von anderen Komponisten an anderen Bühnen - Gluck, Beethoven, Verdi, Bizet, Orff, Alban Berg. Die Theaterwelt war schockiert von seinem plötzlichen frühen Tod.

Wie belastend war die Erinnerung an die NS-Zeit? Er war als junger Mann ja eine Art Günstling Hitlers.

Wagner: Ich war 21, als er starb, und damit zu jung, um ihn darüber zu befragen. Als Kinder erlebten wir einen, der sich vom Dritten Reich distanzierte: öffentlich, ästhetisch und privat. Er baute eine Mauer im gemeinsamen Garten gegen seine Mutter, die nicht aufhörte, ihre alten Nazis zum Tee zu empfangen. Heute weiß ich natürlich: Ja, er wurde begünstigt von Hitler. Durch Geschenke und Sympathiebezeugungen, die dem zukünftigen Bayreuth-Erben galten.

Was gefiel Hitler so an ihm?

Wagner: Hitler war Wagnerianer und hat in dem bildnerisch begabten Wagnerenkel wohl eine Art Idealsohn gesehen. Schließlich war er selber einmal Maler gewesen... Wieland war apolitisch in seiner Jugend, wie viele Künstler. Und dazu kam, ganz fatal, dass die Mutter den künftigen «Führer» so früh und so positiv in die Familie aufnahm. Da konnte man als junger Mann kein Widerständler mehr werden. Man muss das auch in der Zeit sehen, luftdicht eingekreist von Ideologie. Wer nicht draußen war oder über «Kontakte» verfügte, war drin. Die Frage ist vielmehr: Wie ist Wieland Wagner da rausgekommen? Wie hat er das verarbeitet?

Gab es da später Schuldgefühle bei ihm?

Wagner: Bruder Wolfgang war im Krieg, wurde verwundet, kam in die Charité, und damit war's abgetan. Aber der andere, der begünstigt und vom Militärdienst befreit worden war – wie mag der das genommen haben? Ich denke, dass bei ihm sehr wohl Schuldgefühle vorhanden waren, aber die fraßen sich nach innen. Irgendwie war er ja auch Kriegsgewinnler....

Weil er nach dem Krieg zum Zuge kam?

Wagner: Ja - er konnte seine Traumposition Bayreuth besetzen. Wäre die Mutter nicht bekennende Nationalsozialistin gewesen und damit nicht mehr tragbar für einen so prominenten öffentlichen Posten, hätte er noch lange warten können auf sein «Erbe». Winifred hat ihn lange überlebt, sie war, was das betrifft, eine Queen Elizabeth.

Hat er denn mal darüber gesprochen, dass die Vergangenheit an ihm nagte?

Wagner: Nach dem Krieg war er politisch sehr wach. Als einer, der sich gegen seine Vereinnahmung nicht gewehrt hatte, konnte er darüber nicht wirklich sprechen. Scham macht stumm. Aber dass Erkenntnisprozesse in ihm abgelaufen sind, ließ sich an seiner künstlerischen Arbeit ablesen. Auf der Bühne ist ihm der Widerstand gelungen.

Das Gespräch führte Christoph Driessen, dpa

ZUR PERSON: Nike Wagner (71), geboren 1945, wuchs mitten im Bayreuther Festspielbetrieb auf. Nach dem frühen Tod ihres Vaters Wieland übernahm dessen jüngerer Bruder Wolfgang die alleinige Festspielleitung, und Nike Wagner kam nie zum Zuge. Stattdessen war sie von 2004 bis 2013 künstlerische Leiterin des Kunstfestes Weimar «pèlerinages». Seit 2014 ist sie Intendantin und Geschäftsführerin des Beethovenfestes Bonn.

Mehr zum 50. Todestag von Wieland Wagner:

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Kommentar: Gedenken nach Gutsherrnart

Alles zu den Bayreuther Festspielen finden Sie hier.

 

 

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