Querschnittlähmung Rollstuhlprojekt soll sensibilisieren

Völlig unbefangen fahren die Neuntklässler des Pegnitzer Gymnasiums mit den Rollstühlen durch die Turnhalle. In dem Projekt „no risk, no fun“ setzen sie sich mit dem Thema Querschnittlähmung auseinander. Foto: Frauke Engelbrecht

Unbefangen stürmen die Neuntklässler auf die aufgereihten Rollstühle in der Turnhalle zu, setzen sich rein, fahren vorwärts, rückwärts, drehen Kreise. „Jugendliche haben keine Hemmungen was den Umgang mit Rollstühlen angeht, das geht eher von der älteren Generation aus“, sagt Holger Kranz, Projektleiter der Deutschen Stiftung für Querschnittslähmung. Zum sechsten Mal führt er am Pegnitzer Gymnasium das Projekt „no risk, no fun“ durch. Die Präventionskampagne soll die Schüler sensibilisieren, Gefahrensituationen zu erkennen und das Leben mit Handicap besser kennenlernen lassen.

„Die jungen Leute sollen sich bei bestimmten Sachen vorher Gedanken machen, was eventuell passieren kann und wie es ist, danach vielleicht im Rollstuhl sitzen zu müssen“, sagt Kranz. Er übt mit den Schülern den Umgang mit dem Rollstuhl, Betroffene sind da und erzählen von ihren Erfahrungen. „Die Jugendlichen nehmen viel mit von diesem Projekt“, hat Kranz festgestellt. „Rollstuhl fahren ist eine hochkomplexe Sportart wie Kunstturnen“, informiert er die Jugendlichen. Und je jünger man ist, desto unvoreingenommener gehe man an die Sache ran.

Starre Achse zwischen den Rädern

Er erklärt die drei Arten von Rollstühlen – den Elektro-, den Krankenhaus- oder Altenpflege- und den Sportrollstuhl. Die einen kann man zusammenfalten und die Fußbretter hoch klappen. Die anderen haben eine starre Achse zwischen den Rädern und sind wesentlich stabiler. „Die kann man auch bei einer Halbseitenlähmung selbst verladen“, erklärt Kranz. Und dann äußert er massive Kritik am deutschen Gesundheitssystem. Bis 16 Jahren werde ein Rollstuhl von der Krankenkasse bezahlt, dann müsse der Betroffene selber zusehen. Zwischen 2500 und 8000 Euro werden da fällig. „Deutschland ist mies im Umgang mit Behinderten“, kritisiert er. Der Staat habe Geld, Techniker und Ressourcen zur Rehabilitation, aber wenn der Bedarf an so einem Gefährt bestehe, heiße es meist „das geht nicht“. Kritik übt er auch an den Sanitätshäusern. „Die haben keine Ahnung, welcher Rollstuhl gut ist“, sagt Kranz. Ein Rollstuhl solle maßangefertigt sein, für Größe, Gewicht und Beckenbreite des Nutzers passen. Von der Krankenkasse werde meist ein Rollstuhl zum Schieben, keiner zum Selberfahren genehmigt. „Das Ganze ist ein krankes System, das die Menschen erst richtig behindert“, schimpft er. Deutschland sei in Europa das schlechteste Inklusionsland. Und: „Architekten bauen lieber Treppen, statt auf Barrierefreiheit zu achten.“

Immer mit dem Greifring im Kontakt

Kranz erklärt das richtige Fahren mit dem Rollstuhl. Gerade und ruhig sitzen, 95 Prozent des Körpergewichts liegen auf den Rädern, beim ersten Anschieben leicht nach vorne lehnen, um ein Rückwärtskippen zu verhindern, nur mit den Armen arbeiten, Ressourcen schonen, den Greifring nicht mit der ganzen Handfläche umschließen, immer Kontakt mit ihm haben und immer gleichstark mit beiden Armen arbeiten. „Das ist schon anstrengend“, stellt Katharina Neukam fest. Die 14-Jährige findet das Projekt gut. „Es ist wichtig, sich damit auseinander zu setzen, man kann immer davon betroffen sein. Ihr Mitschüler Elias Meyer (14) fühlt sich etwas unwohl. Der Gedanke, dass man vorher laufen konnte und auf einmal nicht mehr, sei schon seltsam. Das Thema Rückenmark und Querschnittlähmung ist im Biologie-Lehrplan der Neuntklässler. Lehrerin Martina Fischer hat deshalb das Projekt initiiert. „Wie ist es, wenn man gelähmt ist? Wie ist das auf der Toilette, wie der Alltag? Welche medizinischen Hintergründe gibt es?“, listet sie auf, mit was sich die Schüler auseinandersetzen sollen. Gefahren erkennen, Risiken vermeiden und die Gesundheit schützen, sei das Motto.

Leben wieder im Griff

Günther Mayer hatte 1997 einen Motorradunfall. „Ich dachte, das Leben ist vorbei, als ich erfahren habe, dass ich querschnittgelähmt bin“, erzählt der 49-Jährige. Aber das sei jetzt nicht mehr so. Die Reha habe ihm geholfen zu erkennen, dass er weiter leben will. „Wir kriegen eine drauf, aber wir machen weiter, haben gute und schlechte Tage, so wie jeder andere auch“, so Mayer. Am Anfang sei es schwer gewesen, sagt der ehemalige Bankkaufmann, der dann Rollstuhlbasketballer wurde. Erst hat er selbst gespielt, jetzt ist er Trainer. Im Alltag lebt er selbstständig, genauso wie Andreas Schaffer. Der 32-Jährige Industriemechaniker ist seit einem Autounfall vor elf Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. „Erst war es ein Schock, ich wusste nicht, wie es weitergehen soll“, sagt Schaffer. Aber jetzt hat er sein Leben im Griff. Das sagt auch Markus Legath, der 1997 einen Motorradunfall hatte. Seit dem kann der 45-Jährige nur noch Oberkörper und Arme bewegen, ab dem Bauch ist das Gefühl weg. „Es war wie ein Weltuntergang, ich dachte es ist vorbei“, erinnert er sich. Aber in der Reha habe er gesehen, was andere in seiner Situation können und sich die zum Vorbild genommen.

 

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