Psychisch Kranke So helfen sich Angehörige selber

Ursula Geßlein leitet seit 16 Jahren den Verein der Angehörigen psychisch Kranker in Bayreuth. Foto: Peter Rauscher

BAYREUTH. Da war immer diese böse Frau in der blauen Jacke. Sie verfolgte das junge Mädchen, beschimpfte es als Schlampe und Schlimmeres. Das Mädchen hatte Angst, traute sich aber nicht, darüber zu sprechen. Den Lehrern fiel auf, dass mit der 13-Jährigen irgendwas nicht stimmte. Ein Psychiater vermutete die Pubertät als Ursache, doch nach einem Angst-Ausbruch in einem Gesprächskreis kam das Mädchen ins Krankenhaus. Diagnose: Schizophrenie.

„Alleine dieses Wort trifft einen wie ein Hammer“, sagt die Mutter. Die Bayreutherin  will ihren Namen nicht öffentlich nennen. Die Familie habe die psychische Erkrankung der Tochter bis heute nicht richtig verkraftet, sagt sie. Sie will vermeiden, dass sie von anderen darauf angesprochen wird. Schizophrenie, da dächten viele doch gleich an Gefahr und Gewalt.

Die Menschen haben keine Ahnung

„Diese Menschen haben aber keine Ahnung“, sagt sie. Auch sie selbst musste erst lernen, mit der neuen Situation und der Krankheit ihrer Tochter umzugehen. Dabei half ihr der Verein der Angehörigen psychisch Kranker (ApK) in Bayreuth.

"Du brauchst Hilfe"

Vor 20 Jahren wurde der Verein gegründet, aus einem Kreis von Angehörigen psychisch Kranker heraus, den damals die Psychotherapeutin Heike Schulz geleitet habe, sagt Ursula Geßlein. Die Bayreutherin leitet den Verein mit heute 33 Mitgliedern seit 16 Jahren. Auch Geßleins  Sohn war mit 18 Jahren an Schizophrenie erkrankt. „Eine Bekannte sagte mir, Du brauchst Hilfe. Sie schickte mich zum Sozialpsychiatrischen Dienst der Diakonie“, erinnert sich Geßlein. „Dort hat man mir sehr geholfen.“  

Man ist völlig ratlos

„Wenn ein Familienmitglied psychisch erkrankt, ist man erst mal völlig ratlos und muss mühsam lernen, wie man damit leben kann“, sagt ein anderes aktives Vereinsmitglied aus dem Landkreis. Auch dieser Name (der Redaktion bekannt) soll nicht veröffentlicht werden, damit die Tochter keinen Ärger mit ihrem Vermieter bekommt. Die Tochter hatte sich nach einem Auslandsaufenthalt plötzlich verändert, mehrfach versucht sich umzubringen.

Stigmatisierung verhindern

Schizophrenie, Psychosen, Depressionen, bipolare Störungen: Es gibt viele psychische Krankheiten. Vorurteile und Ängste in der Bevölkerung gegenüber diesen Kranken abzubauen, Stigmatisierung zu verhindern, hat sich der Bayreuther Verein ebenso wie der Bundes- und die Landesverbände der ApK zum Ziel gesetzt.

Verrückt - na und?

In Bayreuth gibt es deshalb immer am zweiten Samstag im Monat einen offenen Treff im Café Döring mit einem zwanglosen Erfahrungsaustausch, zu dem auch Nicht-Vereinsmitglieder eingeladen sind. Seit einigen Jahren beteiligt sich der Verein in Kooperationen mit anderen Verbänden und dem Bezirkskrankenhaus am Projekt „Verrückt – na und?“ in Schulen. Psychisch Kranke erzählen dort als Experten in eigener Sache ihre Geschichte. „Die Schüler lernen einen offenen Umgang mit dem Thema und dass psychisch Kranke keine Zombis oder sonst eine Gefahr sind“, sagt Geßlein.

Kallert beim Themenabend

Jeden vierten Dienstag im Monat lädt der Verein Mitglieder zu einem Themenabend mit einem Referenten ins Cafe im Brunnenhaus (Brunnenstraße 4) ein – am 27. November spricht dort Prof. Thomas Kallert, Ärztlicher Direktor der psychiatrischen Kliniken des Bezirks Oberfranken. Mal geht es um neue Medikamente, mal um das Thema Grundsicherung, mal beantwortet ein Betreuungsrichter oder ein Notar juristische Fragen.

Alles von der Seele reden

Was der Verein aber vor allem bietet: „Dass man sich als Angehöriger mal alles von der Seele reden und mit anderen Betroffenen austauschen kann“, sagt Geßlein. Und dass man merkt: Ich bin mit meinem Problem nicht allein. „Ich habe die ersten Male geweint, aber es hat mir so gut getan, alles rauszulassen“, sagt die Frau aus Weidenberg.

Keine Termine zu bekommen

Auch praktische Tipps gibt es: Da man als Kassenpatient keine Chance habe, bei niedergelassenen  Psychiatern und Psychotherapeuten in angemessener Zeit Termine zu bekommen, könne in vielen Fällen der Sozialpsychiatrische Dienst in Bayreuth mit seinem kostenlosen  Beratungsangebot weiterhelfen. Es kommt allerdings auch vor, dass sich Angehörige in ihrer Verzweiflung an die Vereinsvorsitzende Ursula Geßlein wenden. Oder, dass im Falle von Fremd- oder Selbstgefährdung die Polizei gerufen werden muss.

Neuer Krisendienst kommt

Eine Besserung der Versorgungssituation verspricht sich der Verein vom neuen psychiatrischen Krisendienst, der gerade auch in Oberfranken mit neuen Planstellen  eingerichtet wird. Dass dieser Krisendienst im bayerischen Psychisch-Kranken-Hilfegesetz verankert wurde, sei auch der Arbeit des Landesverbandes der ApK zu verdanken, sagt Geßlein. Aus der Zusammenarbeit des Landesverbandes mit der psychiatrischen Klinik der TU München entstand außerdem das Projekt „Angehörige informieren Angehörige“ (AiA). Dabei bilden Psychiater und Psychotherapeuten engagierte Vereinsmitglieder zu Psychoedukatoren aus, die dann ihrerseits AiA-Gruppen vor Ort leiten.

Ausbildung zur Psychoedukatorin

Die Bayreutherin mit der schizophrenen Tochter hat sich zu einer solchen Psychoedukatorin ausbilden lassen und bereits Seminare in Bayreuth moderiert. Sie wollte verstehen, was in den Kranken vorgeht und wie man in der Familie mit ihnen sprechen und leben kann. Einmal zeigte sie zuhause ein Lernvideo, in dem ein Fall wie der ihrer Tochter geschildert wurde. Als ihre Tochter das gesehen habe, habe sie zum ersten Mal über ihre Hallizunationen sprechen können. „Jetzt sagt sie mir, wenn sie wieder Stimmen hört. Und manchmal lachen wir gemeinsam drüber.“

Weitere Infos finden Sie hier

 

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