Prozess gegen Pädophilen Kinderporno im Papierkorb

Eine solche elektronische Fußfessel war bereits angeordnet: Nun fand die Justiz einen Weg, einen gefährlichen Pädophilen nicht entlassen zu müssen. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa-Archiv

BAYREUTH. Sechs Jahre sitzt ein Pädophiler für Kindesmissbrauch. Das Ende der Haft naht. Die Justiz ordnet an, dem Mann eine elektronische Fußfessel zu verpassen. Die Polizei feilt an einem Überwachungsplan. Dann wirft der Mann im Gefängnis Papierschnipsel in den Papierkorb, die alles ändern.

Die Schnipsel werden im November 2017 von zwei Strafgefangenen der sozialtherapeutischen Abteilung für Sexualstraftäter aus dem Müll gefischt. Zusammengesetzt ergeben sie eine Seite, auf der eine üble Geschichte steht: Vom Missbrauch, von der Penetration einer Elfjährigen. Nicht lange danach, im März 2018, sagt der Mann, der die Geschichte zum Zweck der Selbstbefriedigung geschrieben hat, am Tag seiner Haftentlassung: „Ich habe Angst vor mir selbst. Ich kann nicht garantieren, dass nichts passiert.“

Der Paragraf 120 des bayerischen Vollzugsgesetzes macht es möglich: Freiwillig bleibt der 64-Jährige im Gefängnis. Was ihm Angst macht: Er will es nicht wieder tun, er will diesmal nicht in die Sicherungsverwahrung.

Hundertfacher Kindesmissbrauch

Diese Maßnahme gegen gefährliche Straftäter wurde diskutiert, als der Mann im September 2012 vom Landgericht Nürnberg/Fürth wegen Hundertfachen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde. Zwei seiner Nichten und die Enkelin seines Chefs waren über Jahre hinweg seine Opfer. Doch verhängt wurde die Verwahrung damals nicht.

Der Pädophile, so ließ es der Erlanger Psychiater Thomas Wenske am Montag im Prozess um die Papierschnipsel anklingen, hätte damals in ein psychiatrisches Krankenhaus gehört. Die Sozialtherapie der Abteilung für Sexualstraftäter im Gefängnis reichte nämlich nicht aus, die als psychische Erkrankung eingestufte Pädophilie zu therapieren.

Zum Glück erreichte die Sozialtherapie dies: die Einsicht des Mannes in seine eigene Gefährlichkeit, mündend in dem Entschluss, freiwillig hinter Gitter zu bleiben.

Das und die Papierschnipsel aus dem Gefängnismüll gaben der Bayreuther Justiz nun die Gelegenheit, Versäumnisse nachzuholen: Der 64-Jährige wurde wegen Verbreitung kinderpornografischer Schriften angeklagt, zugleich erließ das Landgericht einen einstweiligen Unterbringungsbefehl im Bezirkskrankenhaus.

Laut Gutachter „außerordentlich gefährlich“

In der Verhandlung ergaben sich rechtliche Probleme und die Frage: Verbreitet jemand, der eine eklige Schrift zerreißt und in den Papierkorb wirft, diese Schrift? Oder will er sie nicht vielmehr verschwinden lassen?

Einer der Männer, der die Schnipsel aus dem Papierkorb fischte, sagte betont cool aus, der Inhalt der Schnipsel habe ihn nicht interessiert. Eine Sozialtherapeutin berichtete, es habe nicht lange gedauert, die großen Schnipsel zusammenzusetzen. Und der Angeklagte selbst meinte, sicherer wäre es wohl gewesen, das Schriftstück ganz klein zu machen und im Klo hinunterzuspülen.

Hintergrund: Der Mann wünscht sich, im Bezirkskrankenhaus zu bleiben. Dafür braucht er aber eine Anordnung der Großen Strafkammer. Und für diese Anordnung braucht das Gericht eine entsprechende Straftat. Die gab der Verteidiger Johannes Driendl, dem Wunsch seines Mandanten entsprechend, in einer Erklärung zu: Der Angeklagte habe es billigend in Kauf genommen, dass jemand die nachlässig zerrissene Geschichte findet und leicht zusammenkleben kann.

Spezielle Therapie notwendig

Neben der Straftat brauchte das Gericht aber noch etwas anders. Das lieferte Psychiater Wenske, der den Angeklagten nicht nur als psychisch krank und vermindert schuldfähig, sondern auch als „außerordentlich gefährlich“ einstufte. Der Pädophile brauche spezielle Therapie, wie sie nur ein Bezirkskrankenhaus leisten könne. Und gegebenenfalls auch eine hormonelle Behandlung zur Triebdämpfung.

So gab es ein Urteil zur Zufriedenheit aller: Die Strafkammer verhängte ein Jahr und drei Monate Haft für die Verbreitung von Kinderpornoinhalten – was aber nicht das Wichtigste ist: Den Anträgen von Staatsanwalt Stefan Hoffmann und Verteidiger Driendl folgend, ordnete das Gericht gleichzeitig die Unterbringung des Mannes in der Psychiatrie an.

So braucht die Justiz den Mann nicht freizulassen. Und der Angeklagte, der sich nach den Worten seines Verteidigers während der Ermittlungen selbst als „tickende Zeitbombe“ bezeichnet hatte, kann daran arbeiten, einigermaßen therapiert vielleicht einmal in ein Wohnheim umzuziehen. Und nicht in die Sicherungsverwahrung zu müssen.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Passwort vergessen?
  2. * = Pflichtfeld
Sie haben noch keinen Benutzer-Zugang? Jetzt registrieren!

Wenn Sie einen Kommentar verfassen, so wird dieser unter Ihrem Klarnamen, also dem von Ihnen angegebenen Vor- und Nachnamen veröffentlicht. Sollte Ihr Kommentar nicht sofort erscheinen, bitten wir Sie um etwas Geduld. Wir behalten uns vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen. Bitte beachten Sie hierzu auch unsere Netiquette.

loading