Premiere in Bayreuth "Wohnen für Hilfe" mit Clara und Josef

„Wohnen für Hilfe“: Studentin Clara Seitz lebt seit Oktober in einem Zimmer der Wohnung von Josef Grundmüller. Foto: Ralf Münch

BAYREUTH. Größer könnten die Unterschiede zwischen Josef und Clara eigentlich nicht sein. Er isst schon mal Wurst und Fleisch, sie ist Vegetarierin; er ist Rentner, sie Studentin; er fährt Auto, sie Fahrrad. Er ist 79, sie 19 Jahre alt. Trotzdem führen sie eine funktionierende Beziehung, in platonischer Hinsicht. Oder besser gesagt: eine Zweck-Wohngemeinschaft. Das Projekt „Wohnen für Hilfe“ hat Clara Seitz und Josef Grundmüller zusammen geführt. Eine Premiere in Bayreuth.

Zehn Jahre lang stand das kleinste Zimmer seiner Drei-Zimmer-Wohnung leer, seit dem 1. Oktober des vergangenen Jahres bewohnt Chemie-Studentin Clara den Raum. Ihre Mutter hat im Radio vom Projekt Wohnen für Arbeit gehört und ihrer Tochter den Tipp gegeben, sich anzumelden.

Rentner Grundmüller erfuhr über den Kurier von der Möglichkeit, Wohnraum gegen Mithilfe im Haushalt zu vermieten. Auf dem Schreibtisch von Florian Sammet, als Integrationslotse des Bayreuther Sozialamtes für das Projekt verantwortlich, fanden beide Bewerbungen zusammen. „Wir haben zahlreiche Anfragen von Menschen, die ein Zimmer suchen. Aber leider kaum jemanden, der Wohnraum anbietet“, sagt Sammet.

Dabei gebe es viele ältere Menschen, die allein in großen Wohnungen oder Häusern leben, aber nicht bereit seien, ein Zimmer zu vermieten. „Vielleicht befürchten sie, ihre Gewohnheiten ändern zu müssen. Vielleicht fürchten sie sich aber auch vor einem Fremden in ihrem Haus“, sagt Sammet.

Grundmüller musste nicht lange überlegen. Der gehörlose Rentner ist seit Jahrzehnten unter anderem für die Caritas ehrenamtlich aktiv. Er kennt die sozialen Nöte, die viele Menschen in dieser Gesellschaft erleiden. Für ihn war es – „ich habe ein Helfersyndrom“ – keine Frage, ein Zimmer zu vermieten.

Aber nicht ausschließlich, um jemanden zu finden, der die Hausordnung für ihn erledigt, die ihm mit nun 79 Jahren nicht mehr so leicht von der Hand gehe. Das Alleinsein in der Wohnung falle ihm immer schwerer, sagt er. Vor allem nachts, wenn er seine Cochlea-Implantate ablegt und seine Umgebung in völlige Stille versinkt. Dann sei es beruhigend zu wissen, nicht allein in der Wohnung zu sein.

Wenn man bei Grundmüller klingelt, löst das in der Wohnung ein Blitzgewitter aus. Auf diese Art weckt ihn die Mittelfränkin Clara am Morgen. „Wir haben die Abmachung, dass sie morgens zuerst ins Bad geht. Dann schaltet sie das Blitzgewitter an, um mich zu wecken. Während ich im Bad bin, bereitet sie das Frühstück vor“, erklärt Grundmüller den morgendlichen Ablauf. „Dabei reden wir über alle möglichen Themen. Gestritten haben wir uns jedoch noch nie“, ergänzt Clara.

Die Frage, ob sie nicht lieber in eine Wohngemeinschaft gezogen wäre, beantwortet die Chemie-Studentin so: „Dort hätte ich auch Hausarbeiten erledigen und Miete zahlen müssen. Ich bin auch so oft mit anderen Studenten zusammen. Muss also auf nichts verzichten.“

Miete zahlt Untermieterin Clara nicht. Allenfalls Nebenkosten kommen auf sie zu. „Darüber reden wir aber erst, wenn die Jahresabrechnung kommt“, sagt Grundmüller augenzwinkernd. Manchmal essen beide auch zusammen. Immer vegetarisch, wenn Clara kocht. Eine Kostenteilung gibt es nicht. „Mal zahlt Josef, mal zahl ich“, sagt sie.

Sammet freut sich, dass sich endlich ein Pärchen gefunden hat, dass das Projekt lebt. „Wenn jemand Interesse hat, ein Zimmer zu vermieten, kann er mich gerne anrufen“, sagt Grundmüller. „Dann erkläre ich ihm, warum ich hochzufrieden bin, wie es mit Clara läuft.“

 

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