Podiumsdiskussion für Erstwähler Politik trifft Wirklichkeit

Joshua Ogah (20) floh aus Nigeria. In Bayreuth macht er eine Ausbildung zum Pflegekrafthelfer. Foto: Christina Holzinger

BAYREUTH. Inhaltslose Monologe, auswendig gelernte Antworten – die Podiumsdiskussion des Stadt- und Kreisjugendrings drohte langweilig zu werden. Doch beim Thema Migration konfrontierte Moderator Frank Schmälzle die Direktkandidaten mit der Realität und sorgte nicht nur für einen Gänsehautmoment, sondern auch parteiübergreifende Solidarität.

Thomas Rausch (AfD) geht nach der Debatte auf den jungen Nigerianer Joshua Ogah zu – sucht fernab des Trubels das Gespräch. Ogah bekam vor einigen Monaten Post vom Ausländeramt Bayreuth. Das Amt teilte ihm mit, dass der 20-Jährige nicht in Deutschland bleiben dürfe. Und das, obwohl Ogah eine Ausbildung macht, viele Freunde hat und gut deutsch spricht.

Für Ogah ist die Angst vor der Abschiebung zur Normalität geworden. Seit sieben Monaten wartet er jeden Tag darauf, dass die Polizei ihn abholt und zum Flughafen bringt. „Das Leben ist einfach so: Es gibt schönes und weniger schönes. Ich weiß aber, dass da immer ein helles Licht am Ende eines jeden Tunnels ist.“ Der AfD-Politiker hört sich die Geschichte des jungen Mannes an, nickt immer wieder. „Ich finde es schade, dass ein so gut integrierter Mensch wie Sie abgeschoben wird“, sagt der Politiker. Er klingt aufrichtig, ehrlich betroffen. Der junge Nigerianer bedankt sich bei ihm.

Als er im Jahr 2015 aus Nigeria floh, wusste er nicht, dass sein Weg in Bayreuth enden würde. „Ich hatte keine Ahnung wie Deutschland aussieht“, sagt Ogah. Für ihn ging es nicht um Geld oder schöne Landschaften – sondern ums Überleben. Sein Vater war ein politischer Aktivist und wurde ermordet, weil ihm Kritiker vorwarfen für Streit zwischen den Regierungsparteien gesorgt zu haben. Sie brannten nicht nur das Haus nieder und töteten Ogahs Vater, sondern wollten auch den damals 15-Jährigen ermorden. In Italien angekommen hörte er eine Rede von Angela Merkel. „Frau Merkel sagte, dass ich nach Deutschland kommen darf, deshalb bin ich gekommen.“ Dort machte er zunächst seinen Hauptschulabschluss, ging dann an die Hauswirtschaftsschule. Doch die musste er leider abbrechen, da er die Kosten nicht alleine stemmen konnte.

Ausbildung beim BRK

Seither macht er beim Bayerischen Roten Kreuz eine Ausbildung zum Pflegekrafthelfer. Auch das muss er aus eigener Tasche finanzieren. „Ich habe keinen Aufenthaltstitel, deshalb kriege ich auch kein Bafög“, sagt er. Obwohl seine Arbeitstage lang und körperlich fordernd sind, ist er zufrieden mit seiner Arbeit. „Ich komme aus einem Land, in dem es keine Pflege für Alte und Kranke gibt“, sagt er. Als Kind musste er mit ansehen, wie seine Großeltern in ihren Betten lagen, ohne dass sich jemand um sie gekümmert hat.

Um nicht abgeschoben zu werden hat Ogah während der Debatte alles auf eine Karte gesetzt und den Politikern seine Geschichte erzählt. Auf dem Podium und im Publikum ist es still, während Ogah mit stockender Stimme von seinem Weg nach Deutschland erzählt. Die Kandidaten sind sichtlich betroffen – damit haben sie wohl nicht gerechnet. Gudrun Brendel-Fischer (CSU), die als einzige auf dem Podium bereits ein Mandat hat, hat ihm sofort ihre Hilfe zugesichert. „Ich kämpfe gerne für Menschen wie Joshua“, sagt sie. Sie hoffe, dass sie die Abschiebung verhindern kann.

Bei den anderen Themen wie Umwelt, Mobilität sowie Politik für Jugendliche herrschte nicht so viel Tatendrang. Eine AfD-Direktkandidat, der sich gegen Wirtschaftsflüchtlinge ausspricht, ein SPD-Kandidat, der die Bühne für Selfies nutzt, eine FDP-Kandidatin, die gegen kostenlose Bus- und Bahntickets ist, weil sie als Radfahrerin so für den kostenlosen Nahverkehr anderer Bürger mitzahlen müsste. Und dazwischen eine CSU-Kandidatin, die sich darüber beklagt, nur nach den Misserfolgen ihrer Partei befragt zu werden. Wer vor der Podiumsdiskussion nicht wusste, wen er wählen sollte, war hinterher auch nicht wirklich schlauer. Gerade Linken-Kandidat Sebastian Sommerer nutzte seine Sprechzeit für einstudierte Monologe und Sticheleien gegen den AfD-Kandidaten Rausch.

Das sagten die Erstwähler zur Debatte:

Jonas Jung, 18 Jahre: „Die Veranstaltung war sehr informativ. Ich bin mir noch nicht sicher, wen ich wählen werde, aber eine grobe Richtung habe ich schon im Kopf. Bei solchen Diskussionen versuche ich, die Sympathien für den ein oder anderen Kandidaten auszublenden und mich ausschließlich auf die Inhalte der Partei zu konzentrieren. Ich werde mich jetzt noch mehr mit dem Thema Politik auseinandersetzen und mich besser informieren."  Lau

Karlotta Riegel, 18 Jahre und Schwester Ida Riegel, 23 Jahre: "Außerhalb der Veranstaltung gibt es nur wenig Informationsfluss für Erstwähler, weshalb wir den Abend gut und wichtig finden. Gut gefallen hat uns der direkte Vergleich zwischen den Parteien und der persönliche Kontakt zu den verschiedenen Kandidaten. Wir waren uns beide schon vorher sicher, dass wir die Grünen wählen werden und diese Veranstaltung hat uns darin bestätigt." Lau

Daniel Pazak, 23 Jahre: "Es war interessant, die unterschiedlichen Positionen zu hören. Ich wusste aber schon vorher, wen ich wählen werde und das hat sich nach der Diskussion auch nicht geändert." van

 
 

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