Pläne sorgten vor 40 Jahren in Neudrossenfeld für Wirbel Die Schnapsidee vom Atomdorf

Diese Karte aus dem Jahr 1975 zeigt mögliche Standorte von Wiederaufbereitungsanlagen und Atomkraftwerken in Deutschland. Erstellt wurde sie vom Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz. Repro: Ronald Wittek

"Reaktor bei Drossenfeld" - diese Schlagzeile im Nordbayerischen Kurier sorgte vor 40 Jahren für Aufsehen und Protest. Der frühere FDP-Landtagsabgeordnete und Kreisrat Franz Pensel aus Kulmbach hatte in einem Vortrag im Dezember 1975 bei der IHK Oberfranken den Bau eines Hochtemperaturreaktors mit Heliumturbine in der Nähe von Neudrossenfeld gefordert.

Dieser Atomreaktor sollte billigen Strom produzieren, Pensel bezifferte den Preis pro Kilowattstunde auf höchstens 3,5 Pfennige. Und: Der Meiler sollte gleichzeitig 34 000 Wohnungen und 300 Betriebe in Bayreuth und Kulmbach mit Heißwasser versorgen. Diese Komination von Strom und Wärme wäre der erste Versuch in Deutschland gewesen, wurde Pensel zitiert. Der Atommeiler könnte als Demonstrationsobjekt eingestuft werden und mit einer Gesamtförderung von 82 Prozent rechnen. Der Bau sollte 1981 beginnen und 1989 vollendet werden, schwebte Pensel vor. Eile sei geboten, da sich für dieses Projekt bereits Westberlin, Bonn und Ludwigshafen beworben hätten. Für den Standort Neudrossenfeld spreche vor allem, dass dieser zwischen den Städten Bayreuth und Kulmbach gelegene Bereich des Rotmaintals wenig besiedelt sei und der Reaktor ohne schwerwiegende Eingriffe in die Natur verwirklicht werden könnte.

Doch Pensels Vorstoß stieß auf erbitterten Widerstand. Bereits wenige Tage später erschienen zwei Leserbriefe im Nordbayerischen Kurier. Ein Verfasser aus Drossenfeld sprach von einer Unverschämtheit, sich über die Köpfer der Bürger hinweg für ein so schwerwiegendes Projekt einzusetzen. Ein solcher Reaktor wäre "eine Gefahr für die ganze Gegend" und Steuergeldverschwendung. Heinz J. G. Gremer aus Kulmbach warf Pensel in einem zweiten Leserbrief vor, mit dem atomaren Feuer zu spielen. "Wäre es nicht besser, die Pläne für ein Atomkraftwerk aufzugeben und sich auf ein Demonstrationsobjekt mit Sonnenenergie zu konzentrieren?", fragte Gremer damals vorausschauend. In nächster Zeit dürfte ein derartiges Projekt technisch ausgereift und praktisch möglich sein, glaubte er bereits 1975 fest an alternative Energien.

"Es ist eine Ewigkeit her, dass ich mich mit diesem Thema befasst habe. Damals war ich ein junger Familienvater, dem die Sorge um die Zukunft seiner Kinder umgetrieben hat", blickte Gremer zurück. Seine damaligen Unterlagen hat er bis heute in einem Aktenordner aufgehoben. "Letztlich hat sich ein Atomkraftwerk in der Gegend von Neudrossenfeld als sinnlos erwiesen, weil es in näherer und weiterer Umgebung kaum Industrie gab, die große Mengen Strom abnehmen könnte", blickte Gremer zurück.

Die "Bürgerinitiative zur Erhaltung des Rotmaintals" vermutete hinter dem geplanten Stausee zwischen der Schlehenmühle und Creußen einen Zusammenhang mit dem Atommeiler bei Neudrossenfeld. Er könnte während der Sommermonate zur "Niedrigwasseraufhöhung" dienen, hieß es in einem Flugblatt vom November 1976. Und: In einer Aufstellung des Bundesverbandes der Bürgerinitiativen für Umweltschutz über mögliche künftige Standorte für Kernkraftwerke in der Bundesrepublik war auch der Raum Bayreuth aufgeführt. Die Bürgerinitiative fürchtete, dass der Stausee nur vergetäuscht wird, um wie in Wyhl oder Brokdorf ein Atomkraftwerk zu bauen.

Die kritische Haltung der Obrigkeit gegenüber hatte Folgen: Der Staatsschutz der Polizei beobachtete die Bürgerinitiative. "Linke Kräfte" versuchten in die Bürgerinitiative gegen den Rotmainspeicher einzudringen, hieß es im Bericht der Direktion der Landespolizei über den Sicherheitszustand in der Stadt Bayreuth, der dem Stadtrat 1977 vorgelegt wurde. Der damalige SPD-Stadtrat Siegfried Pokorny fürchtete, dass unbescholtende Bürger "plötzlich in irgendwelchen  Polizeiakten landen". Die Angst vor "linken Kräften" war völlig übertrieben, denn die Bürgerinitiative bestand unter anderem aus Bauern, die fürchteten, dass ihre Felder und Wiesen überflutet werden könnten. Mit "Linken" hatten sie nichts am Hut, sie wählten ohnehin die Staatspartei CSU.

 

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