Oberfrankens Geburtsstunde Als Napoleon Bayern schmiedete

Der Herrscher Europas, noch ziemlich zu Beginn seiner Karriere: Napoleon beim Übergang über den Großen St. Bernhard. Gemälde von Jaques Louis David. Bild: Archiv

BAYREUTH/GEFREES. Oberfranken verdankt seine Existenz auch einem Mann, der vor 250 Jahren geboren wurde: Napoleon Bonaparte ordnete Europa neu und verscherbelte die preußische Provinz ans Königreich Bayern. Auch sonst drückte der Kaiser der Franzosen dem Norden Bayerns seinen Stempel auf.

Sehen wollte man den großen Mann schon, ihm zujubeln nicht unbedingt. Vorm Neuen Schloss in Bayreuth hatten sich die Bayreuther versammelt und harrten der Dinge, die da kommen würden. „Die Kaiserin mit ihrer Hofdame sah zum Fenster heraus und wurde von einer Menge Gaffender durch Abnehmen der Hüte begrüßt“, schreibt ein Chronist.

Auch der Gatte von Marie Louise, Tochter des österreichischen Kaisers, sorgte nicht für Stimmung. „Bald danach zeigte sich Napoleon an dem zweiten Fenster, und alles blieb still.“ Ein Franzose, der sich unter die Menge gemischt hatte, versuchte, die Begeisterung anzufachen. Doch in seinen Ruf „Vive l’empereur!“ – „es lebe der Kaiser!“ – fiel kaum jemand ein. „Darüber hätte nun Napoleon selbst fast gelacht“, bemerkte ein Chronist, als sich Napoleon Bonaparte betont amüsiert ins Dunkel seines Gemachs zurückzog.

In Franken der Aufmarsch zur Katastrophe

Es war der 15. Mai 1812, Napoleon sammelte die Truppen der Franzosen für seinen nächsten Feldzug. Eine Woche zuvor war er von Paris aufgebrochen, nun strömten durch die Mitte Europas und auch durch Franken Zehntausende Bewaffnete, um sich am russischen Grenzfluss Njemen für den Angriff auf Russland zu sammeln.

Dieses Abenteuer sollte in ein beispielloses Debakel münden. Das ahnte noch niemand, noch galten die Truppen des Franzosenkaisers als die Herren der Welt. Aber man wusste bereozts sehr wohl, wie die Kriege Napoleons weite Gebiete Europas verheert hatten. Die Menschen in der früheren Markgrafschaft Ansbach-Bayreuth konnten sogar aus eigener Anschauung berichten: Zwischen 1800 und 1815 zogen Hunderttausende Soldaten aus aller Herren Länder durch das heutige Oberfranken.

England war Frankreichs Dauergegner. Auf dem Kontinent kämpfte Frankreich vor allem gegen Österreich, Russland und Preußen, in wechselnden Koalitionen, zwischen 1792 und 1815 gab es nur selten ein Jahr des Friedens. Seit 1800 waren auch die Menschen in Bayreuth und Umgebung direkt davon betroffen. Die Franzosen trieben seinerzeit die Österreicher vor sich her und drängten sie in die Oberpfalz ab. Streitberg, Pegnitz und Kulmbach wurden früh von Einheiten beider Seiten heimgesucht.

Nur noch eine Hälfte Bayerns war von den Österreichern besetzt, die andere von den Franzosen. Am 18. Juni rückten sie in München ein. Und der bayerische Herrscher sah sich genötigt, im immer noch preußischen Bayreuth Zuflucht zu suchen.

„Besondere Erwähnung verdient in diesem Jahre die Anwesenheit des Kurfürsten Maximilian Joseph von Bayern in Bayreuth, der auch hier durch Herablassung und vielfache Wohlthaten in aller Herzen Gefühle des Dankes und der Verehrung zurückliess“, schreibt ein Chronist. Von 11. September 1800 an bis 12. April 1801 wohnte der Kurfürst im Neuen Schloss.

Ein Aufenthalt, der auch bei ihm einen starken Eindruck hinterlassen haben muss. Wir werden Max Joseph später nochmals begegnen. Vorerst genügt es zu wissen, dass am 3. Dezember 1800 in Hohenlinden, vor den Toren Münchens, die Schlacht tobte, die Bayern aus dem Bündnis mit Österreich lösen und den Weg an Napoleons Seite ebnen sollte. Außerdem kam es danach zum Frieden von Luneville - und damit zur großen Flurbereinigung im Reich. Reichsritterschaften, Fürstbistümer, Reichsstädte wurden von den großen Territorien geschluckt. Auch Bamberg. Und bald auch die seinerzeit zu Preußen gehörenden Bayreuth und Ansbach.

Wie Preußen das Fürstentum

1805 führte Napoleon erneut Krieg, wieder gegen die Österreicher. Bei Ulm schlägt er sie vernichtend, die Reste des Habsburger Heeres fluten in „fürchterlicher Unordnung“ zurück, durch das Bayreuther Oberland, durch Wonsees und Altenplos.

In Austerlitz schlägt Napoleon Russen und Österreicher, dann kommen die Preußen dran, die es ob der eklatanten Missachtung ihrer Neutralität nicht bei Protesten bewenden lassen, sondern gegen Napoleon Krieg führen wollen. „Das Vertrauen in die preußischen Truppen, die berühmten Soldaten Friedrichs des Großen, war unbegrenzt“, schreibt ein Chronist.

Half alles nichts, bei Jena und Auerstädt wurde 1806 Napoleon sogar besonders schnell mit seinen Gegnern fertig.

Preußen musste froh sein, nicht von der Landkarte zu verschwinden. aber es wurde bestraft und verkleinert. Die Fürstentümer Bayreuth und Ansbach war es los. 1791 hatte sie der letzte Bayreuther Markgraf Alexander an die hohenzollerschen Verwandten in Berlin abgetreten, um in England einem Leben als Privatier zu frönen. Nach Preußens Niederlage nahm Napoleon die Fürstentümer höchstpersönlich in Besitz.

Diese Aneignung bekam Markgraf Alexander nicht mehr mit, im Januar des Jahres 1806 war er in „Brandenbourgh House“ gestorben. Kurz danach bekriegten einander Frankreich und Österreich erneut, im Jahre 1809. Marschall Junot kam nach Bayreuth, an der Spitze seiner Truppen. Toll anzusehen, das, aber schlecht auszuhalten. Eine „grässliche Nacht“, so heißt es über die dunklen Stunden nach der erneuten Ankunft der Franzosen, es wurde wüst geplündert.

Ein "grausamer Wütherich" in Bayreuth

Die Bayreuther waren nicht gut zu sprechen auf jenen Junot, dessen Karriere so typisch ist fürs revolutionäre Frankreich. Vom Gemeinen war er in den höchsten Dienstgrad aufgestiegen. Ein Hund des Krieges. „Ohne bessere Ausbildung und von den gemeinsten Leidenschaften beseelt, zeigte er sich während seines Aufenthalts in Bayreuth als ein grausamer Wütherich, der keinen guten Eindruck hinterließ.“

Manchmal verschätzte er sich, seine Truppen erlitten bei Bad Berneck und Gefrees eine empfindliche Schlappe, die Österreicher machten Anstalten, Bayreuth einzusacken, aber das war nur vorübergehend. Bald war Junot wieder da und benahm sich erneut schauerlich.

Der Feldmarschall prasste und hurte in unerhörtem Ausmaß, aber eigentlich war alles wie die Jahre zuvor: Soldaten fraßen und soffen die Bürger und Bauern arm, fläzten sich in überfüllte Häuser (Kasernen zur Unterbringung gab es noch nicht), vergewaltigten Frauen, schikanierten die Familien, die sie aufnehmen mussten. Für Tausende von Pferden musste Heu herangeschafft werden. Deserteure schlossen sich zu Banden zusammen und raubten, mit den fremden Soldaten kamen Seuchen. Kurz: die hin- und herziehenden Truppen verschiedener Seiten machten das Land bitterarm.

Die ach so große Zeit der napoleonischen Kriege war für Bayreuth und ganz Franken eine Katastrophe, auch wenn Bauern immer wieder mal Vieh verstecken konnten. Norbert Hübsch vom Historischen Verein für Oberfranken weiß von einer Schlucht nahe der Waldhütte bei Neustädtlein, wo die Bauern Rinder und Ziegen verbargen. „Vor nicht allzu langer Zeit soll man noch die Eisenringe zum Anbinden in den Felsen gesehen haben“, sagt Hübsch.

Die Zeit war aus den Fugen. Die Bayern, zu Beginn noch Verbündete Österreichs, gingen irgendwann auf Napoleons Seite über. Der Korse dankte mit dem Königstitel und Land, das er sich gut bezahlen ließ. Für 25 Millionen Gulden verkaufte er 1810 das Fürstentum an die Bayern.

Die Bayreuther waren froh, es winkten geordnetere Zeiten. Und der Max Joseph, der hatte doch eigentlich einen ganz netten Eindruck gemacht, seinerzeit, als er im Bayreuther Exil weilte, als Gast der Preußen. Voila, von da an war man bayerisch. Man jubelte, man feierte, als die Bayern ihre Besitznahme verkündeten. Es wurde ja auch schließlich besser.

Nur nicht für die Oberfranken, die einrücken mussten. Auch sie mussten mit auf Napoleons Russlandfeldzug, von 1600 Mann des Bayreuther Regiments kamen kaum 200 zurück. Wenn eine Stadt weiß, was es heißt, Spielball zu sein, dann ist es Bayreuth.

Sah Napoleon das

Zweimal war Napoleon in Bayreuth, er machte dort, was man halt so macht als Schlachtenlenker. Paraden nahm er ab, ließ sich von seinen Soldaten – sie liebten ihn entschieden mehr als die Zivilisten – feiern. Vive l’empereur! 1813 hörte man das zuletzt im Hofgarten. Dann zogen sie ab, die Truppen der Franzosen und Bayern, jeder Teil seinem Schicksal entgegen.

Das Desaster seines Russlandfeldzuges hatte Napoleons Herrschaft ins Wanken gebracht, allenthalben zeigten sich Risse in seinem System. Die Bayern verließen Napoleon am 8. Oktober 1813. In der Völkerschlacht von Leipzig von 16. bis 19. Oktober, der größten der bisherigen Geschichte, stand Napoleon einer überlegenen Koalition gegenüber. Die Letzten, die ihn verließen, waren die Sachsen, deren Soldaten mitten im Kampf die Seiten wechselten.

Ab da waren die Gegner Frankreichs nicht mehr zu stoppen. Napoleon dankte 1814 ab. Kehrte nochmals zurück und verlor bei Waterloo final. Dort war es ein Soldat, der früher in Bayreuther Diensten gestanden hatte, der die entscheidende Attacke führte. Wie August Neidhart von Gneisenau die Engländer rettete und Napoleon schlug – das ist eine andere Geschichte.

Legenden über Napoleon

Geblieben sind ein paar Legenden. Dass ein Bayreuther Kaufmann ein Sprengstoffattentat auf Napoleon versucht, die geplante Tat aber verschlafen habe; dass Napoleon bei der Übernachtung im Neuen Schloss dem Hohenzollerschen Hausgespenst, der Weißen Frau, begegnet sei, die ihm das Scheitern seines Russlandfeldzugs prophezeit habe; dass er den wunderschönen Vorhang des Markgräflichen Opernhauses entwendet habe.

Das erste ist zu patriotisch, um wahr zu sein, das Zweite unwahrscheinlich, das Dritte widerlegt. Sicher ist, dass Bayreuth unter dem Königshaus der Wittelsbacher bald Hauptstadt des Mainkreises wurde. Diesen Mainkreis kennen wir heute als Oberfranken, als in aller Vielfalt geeinten Bezirk.


Info: Zahlreiche Orte Oberfrankens weisen Spuren der Napoleonischen Zeit auf. Die Festung von Kronach etwa diente Napoleon als Nachschubbasis für den Feldzug 1806 gegen Preußen. Zu Napoleon in Nordbayern gibt es sogar ein Brettspiel „Napoleon 1806“, zu bestellen u.a. über Facebook bei Shakosgames.

 

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