Oberfranken und der Brexit Viele Sorgen, aber keine Hysterie

Symbolfoto: dpa

KULMBACH/ BAD STAFFELSTEIN/NEUSES. Wie geht die oberfränkische Wirtschaft mit dem EU-Ausstieg der Briten um? Für ein Selber Unternehmen ist Großbritannien ein ganz wichtiger Markt.

Großbritannien ist für Christian Heinrich Sandler, Vorstandschef des Vliesstoffherstellers Sandler AG (Schwarzenbach an der Saale), ein wichtiger Absatzmarkt. Das Land sei aufgrund seiner relativ geringen Inlandsproduktion von Vliesstoffen auf Importe insbesondere aus Europa angewiesen.

Durch die Verschlechterung des Wechselkurses Pfund zu Euro sei der Wettbewerb aus dem Dollarraum intensiver geworden. Was erhofft sich Sandler von den Brexit-Verhandlungen? „Wir erhoffen uns einen geregelten Austritt und niedrige Zölle.“ Und seine Befürchtungen? „Wir befürchten nicht kalkulierbare Risiken wie zum Beispiel eine Verteuerung oder Verknappung der Transportkapazitäten.“

Für den Kulmbacher Gewürzehersteller Raps spielt Großbritannien derzeit „eher eine untergeordnete Rolle“, sagt Geschäftsführer Florian Knell, der aber auch darauf hinweist, dass das Land für Europa insgesamt ein wichtiger Absatzmarkt sei.

Ohne Importe nicht überlebensfähig

Beeinträchtigungen der Geschäfte spürt Raps nicht, einige wenige Kunden wollten jedoch wissen, wie sich das Unternehmen verhalten würde, wenn ein harter Brexit käme. So oder so. Knell geht davon aus, dass „sinnvolle, zu managende Prozesse entstehen“, die einen Handel auch in Zukunft ermöglich. „Schließlich wachsen in England kaum Gewürze, weder Anis noch Zimt.“

Das Land sei wie viele andere Staaten ohne Importe schon in kürzester Zeit nicht überlebensfähig. Es könne passieren, dass die britischen Konsumenten die Leittragenden werden. Knell: „Persönlich sehe ich den Rückfall in die nationale Interessenspolitik als das eigentliche Problem.“

Auch für die Bayreuther Brauerei Maisel spielt Großbritannien eine eher untergeordnete Rolle, sagt Exportleiter Michael Götz. „Wir exportieren in viele weitere Länder inner- und außerhalb der EU.“ Für die Zukunft wünscht sich Götz, dass die Ausfuhrprozesse nicht aufwendiger werden und die Geschäftsbeziehungen weiterhin unkompliziert laufen. Sollte durch den Brexit das Pfund im Vergleich zum Euro deutlich abgewertet werden, „käme es zu einer Verteuerung unserer Produkte in Großbritannien, was sicherlich verkaufshemmend wirken würde“.

Hoffen auf ein vernünftiges Abkommen

Für den Porzellanhersteller Rosenthal in Selb ist das Vereinigte Königreich ein wichtiger Markt. „Großbritannien gehört zu den Top-Ten-Märkten der Rosenthal GmbH in Europa mit Umsatz-Schwerpunkt bei unseren Marken Rosenthal und Thomas, sagt Geschäftsführer Gianluca Colonna. Aktuell spürt das Unternehmen noch keine nennenswerten Auswirkungen, „aber natürlich verfolgen wir die Verhandlungen mit Spannung und wollen uns so gut es geht vorbereiten“.

Colonna hofft nun auf ein vernünftiges Abkommen mit der EU, das die zusätzlichen Zollaufwände und Regulierungen effizient regelt, zum Beispiel wäre ein Freihandelsabkommen zwischen beiden Partnern von Vorteil. Mit einem harten Brexit verbunden wären wohl Umsatzeinbußen durch höhere Preise und Kosten, etwa beim Zoll. Alles wäre dann komplizierter und würde die Marke deutlich weniger attraktiv machen.

Für die Bayreuther Porzellanfabrik Walküre hat Großbritannien nur geringe Bedeutung. Geschäftsführer Wolfgang Meyer hofft auf pragmatische und praxistaugliche Lösungen „anstatt weiteres Säbelrasseln“. Seine Prognose: Schlussendlich wird es einen Kompromiss und keinen harten Ausstieg geben.

Die Direktexporte des Bad Staffelsteiner Autobatterie-Herstellers Moll nach Großbritannien liegen „in überschaubarer Größe“, sagt Geschäftsführende Gesellschafterin Gertrud Moll-Möhrstedt auf Anfrage unserer Zeitung. Insofern sei der dortige Markt von geringerer Bedeutung. Betroffen wären allerdings auch indirekte Exporte, da Großbritannien ein wichtiger Exportmarkt für die deutsche Automobilindustrie sei.

Was macht der Bleilieferant?

Auf der Lieferantenseite wäre Moll tangiert beim Bezug von Rohstoffen. „Unser englischer Bleilieferant selbst erwartet eine Lösung in und nach der angestrebten Übergangszeit.“

Auswirkungen auf die London Metal Exchange, dem Handelsplatz für den Moll-Hauptrohstoff Blei, gäbe es durch die dann wegfallende Zulassung der Clearinghäuser, die betroffen wären wie Banken. Die Moll-Chefin hofft, dass das Unterhaus die vorliegende Vereinbarung absegnet und die Briten im gemeinsamen Binnenmarkt bleiben. „Das Chaos, das bei einem ungeordneten Ausstieg entstehen würde, mag ich mir lieber nicht vorstellen.“

Der Autozulieferer Dr. Schneider (Kronach-Neuses) hat in Großbritannien Geschäftsbeziehungen mit Jaguar Landrover, Mini, Vauxhall und Bentley und analysiert: „Derzeit ist eine Veränderung abzusehen.“ Das Produktionsvolumen der britischen Fahrzeuge sei um bis zu 20 Prozent zurückgegangen. „Die Entwicklung des Pfundes hat „direkte Auswirkungen auf unsere Kunden und damit für uns als Produzenten im Euroraum, da unsere Produkte teurer werden.“ Ein weiteres Thema könnten die Mitarbeiter sein, „die mit europäischem Pass für uns in England arbeiten“.

Dr. Schneider reagiere weiterhin abwartend. Ziel sei es, die englischen Kunden nicht zu verlieren und die Versorgung ohne Unterbrechung aufrecht zu erhalten. „Je nachdem, welche Hürden in Zukunft auf uns zukommen, müssen wir entscheiden, welche Schritte wir einleiten“, macht Dr.-Schneider-Chef Parag Shah deutlich.

 

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