Neuer Trend Tiny Houses, leben in XXS

Seit einigen Monaten sieht man sie immer wieder. In seinem Facebook-Feed, den Webseiten großer und kleiner Nachrichtenmagazine: Tiny Houses. In den Berichten werden immer wieder Loblieder auf diese Mikro-Häuser gesungen, die wie die perfekte Antwort auf gleich mehrere Probleme unserer Zeit zwischen Wohnungsnot, Urbanisierung und sogar der Konsumgesellschaft als solcher wirken. Doch stellt sich die Frage: Halten die kleinen Häuser, was so viele sich davon versprechen? Der folgende Artikel analysiert es.

Was ist ein Tiny House?

So plötzlich, wie der Trend aufgetaucht ist, ist klar, dass mancher noch nicht davon gehört hat. Also, Tiny Houses, auf Deutsch winzige Häuser, sind Immobilien, bei denen der Name Programm ist. Diese Gebäude sind größenmäßig das, was man im Frühjahr häufig auf den Parkplätzen großer Bau- und Gartenmärkte zu sehen bekommt, wo die typischen Holz-Gartenhäuschen stehen.

Allerdings haben Tiny Houses nichts mit Gartenhäuschen zu tun, sondern zunächst mal schierer Not. Schon 2002 hatte sich in den USA aus Architekten und Designern ein Think-Tank namens Small House Society gegründet. Was zunächst nur theoretischer Natur war, wurde schnell Ernst, nachdem Hurrikane Katrina die US-Golfküste 2005 verwüstet hatte. Danach war nur eines notwendig: So schnell so viele neue Dächer wie möglich für die abertausenden Notleidenden und Obdachlosen errichten.

Hier kam das Tiny House gerade recht. Die Idee sah etwas vor, das so im Autobau schon seit der Ära Henry Fords praktiziert wird: Fließbandmäßig gebaute Mikro-Häuser, die alles mitbringen, was man zum Leben braucht. Gerne auf Rädern, ansonsten per Tieflader transportierbar. Das setzte natürlich der Wohnfläche sehr strenge Grenzen. Per Definitionem rangieren Tiny Houses zwischen 15 und 45m² Wohnfläche, wobei die meisten Hersteller eher die untere Grenze anpeilen.

Mehr als Not-Wohnraum

In der Geschichte lassen sich nach großen Kriegen oder Naturkatastrophen immer wieder solche Mini-Häuser beobachten. Im heutigen Falle ist es jedoch anders gelagert. Denn echte Not spielt dabei 2018 nur eine höchst untergeordnete Rolle. Von den Verfechtern der Tiny Houses werden einige Problemstellungen angeführt, die gleichzeitig angegangen werden:

  • Mit steigendem weltweitem Wohlstand wächst die Zahl derer, die in eigenem Besitz wohnen möchten. Jedoch ist das vielerorts aus Platzmangel auf herkömmliche Weise unmöglich bzw. würde dafür sorgen, dass mit den vorhandenen Flächen viel zu unökonomisch umgegangen wird.
  • Leben wird heute, vor allem mit Hinblick auf den Beruf, zwangsweise immer mobiler. Tiny Houses sollten dieses Problem beseitigen, indem sie nur eine Anhängerkupplung bzw. einen großen Hänger benötigen, um samt Besitzer den Ort zu wechseln.
  • Gerade im Westen wird Wohnraum, vor allem zur Miete, derzeit stellenweise nachgerade unbezahlbar. Das gilt längst nicht mehr nur in einigen wenigen Großstädten, sondern ist ein generelles Problem , weil die Mieten sehr viel stärker stiegen als die Durchschnittsgehälter.
  • Ein ganzes Haus, so zumindest die Tiny-House-Verfechter, ist für viele der heute vorherrschenden oder sich auf bestem Weg dahin befindlichen Lebensentwürfe ein raummäßiger „Overkill“, ähnlich einem großen SUV, das nur seinen Fahrer transportiert.
  • Viele sind der Ansicht, dass der westliche Durchschnittsmensch heute einen überladenen Lebensstil voller überflüssigem Krimskrams fröne. Tiny Houses, so der Glaube, zwingen einen, sich aufs Wesentliche zu beschränken , weil sie schlicht nicht genug Raum für „Plunder“ bieten.

Hinzu kommt, dass einige Verfechter zudem der Ansicht sind, dass regulärer Hausbau in Sachen Materialien und Energetik Verschwendung sei. Weshalb die meisten Tiny Houses auch weitestgehend aus Naturmaterialien bestehen, auch bei Dämmungen.

Was sagt das deutsche Recht?

All die genannten Punkte sind durchaus hehre Ziele, das muss man anerkennen. Doch für alle, die jemals Kontakt mit dem deutschen Baurecht hatten, stellt sich natürlich die Frage: Ist sowas überhaupt als normales Haus erlaubt?

Die vielleicht verblüffende Antwort: Prinzipiell ja. Allerdings muss man dabei unterstreichen, dass das deutsche Baurecht keine Ausnahme für kleinste Häuser macht. Soll bedeuten, auch sie unterliegen dem jeweils gültigen Bebauungsplan, wie jedes „vollwertige“ Haus. Ergo, sofern man eine Baugenehmigung erhält, darf ein Tiny House bestellt werden. Allerdings kann das mancherorts an einer vorgeschriebenen Mindestanzahl von Vollstockwerken scheitern, allerdings wären in diesen Baugebieten dann auch Bungalows untersagt.

Jedoch macht diese Tatsache auch einen Tiny-House-Grundgedanken zunichte, die Mobilität. Sein Häuschen romantisch irgendwo ins Grüne stellen, scheitert zumindest in Deutschland an Anschlusszwängen für die Kanalisation und auch an Gesetzen gegen Wildcampen. Was allerdings bei den auf eigener Achse mobilen Häuschen funktioniert, ist, sie als Wohnwagen anzusehen und zu verwenden, vielen Campingplätzen sind sie damit willkommen. Allerdings kommt dann freilich auch das deutsche Straßenverkehrsrecht hinzu, samt TÜV-Zwang.

Ist das etwas für Familien?

Definitiv nein. Hier muss ganz deutlich unterstrichen werden, dass Tiny Houses, so wie sie heute definiert und angeboten werden, sich nur als Behausung für Singles sowie mit Einschränkungen für Paare eignen. Die Expertenansicht für Familien lautet auf mindestens 90 Quadratmeter, schon deshalb, damit jedes Mitglied einen vollwertigen Rückzugsraum für sich hat. Damit können Tiny Houses definitiv nicht aufwarten. Da gibt es einen Haupt-Raum, der als kombiniertes Koch- und Wohnzimmer fungiert, vielfach eine nur auf Knien betretbare Schlafkoje obendrüber und ein kleines Bad. Das war‘s. Selbst echte Verfechter sagen, dass man sich mit Kindern in den XS-Häusern schnell gegenseitig auf die Füße tritt. Dort sollte man wirklich die 90 Quadratmeter nicht unterschreiten.

Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass die Tiny-House-Freiheit sich in Deutschland nur auf Campingplätze beschränkt, erscheinen hier einige Verwendungszwecke sinnvoll:

  • In Form von Studentenbehausungen. Dazu wäre es prinzipiell nur notwendig, dass eine Kommune gesonderte Flächen vorsieht, auf denen nur Tiny Houses errichtet werden dürfen. Das wäre im Rahmen des kommunalen Baurechts durchaus möglich, scheitert aber beispielsweise in Berlin daran , dass der Senat darin kein adäquates Mittel gegen die Wohnungsnot sieht.
  • Als Dauerbehausung für Singles, die sich vor allem in beruflicher Hinsicht Mobilität bewahren möchten. Es reichen kleinste Grundstücksgrößen und im Zweifelsfall ist ein Tiny House rasch versetzt.
  • Als „Ausziehhaus“ in zweiter Bautiefe hinter einem bestehenden Einfamilienhaus. Im Tiny House könnten Jugendliche einen eigenen Haushalt führen und so nicht nur ein auf sich gestelltes Leben lernen, sondern auch, mit geringerem Raumangebot zurechtzukommen. Insbesondere ob des niedrigen Preises der Häuser im Bereich weniger zehntausend Euro.
  • Als Wochenend- bzw. Ferienhaus für Paare. Entweder in der bereits erwähnten mobilen Variante fürs „Campingplatz-Springen“ oder aber auf einem kleinen Baugrundstück in sehr ländlich-dörflicher Randlage.

Allerdings sei angemerkt, dass die deutsche Rechtsprechung langsam aus ihrem Winterschlaf aufwacht. Wie bei vielen anderen Dingen ist für die kommenden Jahre deshalb mit Gesetzesänderungen zu rechnen.

Ist es wirklich eine Alternative?

Um diese Frage zu beantworten, muss man sich definitiv wegbewegen von den Tiny-House-Artikeln der Internetwelt, die dazu tendieren, die unzweifelhaften Nachteile kleinzureden. Tatsächlich sieht es so aus, dass sich eine oder auch zwei Personen, die keine großen Platzansprüche hegen, durchaus in einem solchen XS-Heim wohlfühlen können. Schließlich enthalten sie in aller Regel ja alles, was es zum Leben braucht.

Der Krux entsteht dadurch, dass man bei sehr vielen anderen Dingen umdenken muss. Der Lagerraum in Tiny Houses ist enorm begrenzt. Das sorgt nicht nur dafür, dass man sich in positiver Weise von Überflüssigem trennen muss, sondern eben auch dafür, viel häufiger einkaufen zu müssen, weil kein Raum für Vorräte ist. Man muss sich bei der Garderobe mitunter schwer einschränken. Platz für Waschmaschine und Trockner gibt es in aller Regel auch nicht, also muss man auch hierfür Alternativen finden. Viele Gäste sollte man auch nicht empfangen müssen.

Tiny Houses können für manche modernen Probleme und Lebensentwürfe die Antwort sein. Aber eine Universallösung durch Gesundschrumpfen sind sie entgegen der landläufigen Darstellung nicht, denn die geringe Größe erfordert sehr viele Kompromisse, die viele nicht eingehen können oder schlicht auch nicht möchten.

 

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