Neue Heimat in Weidenberg Vertriebene schnell integriert

WEIDENBERG. Wie verlief die Integration der vertriebenen Gablonzer Glasmacher nach dem Krieg in Weidenberg? Auch mit dieser Frage befassen sich Zeitzeugeninterviews für einen Film über die ab 1950 gebaute Werkssiedlung. 

Fünf Zeitzeugen interviewte Brigitte Hadlich aus Weidenberg erstmals für den Streifen, zwei oder drei weitere Gespräche sollen folgen. Finanziert wird das Vorhaben durch das Programm „Demokratie leben“ des Bundesfamilienministeriums, die Mittel werden über das Landratsamt Bayreuth vergeben. Geschnitten wird der Film mit Hilfe von Enno Treutler.

„Wir machen ein modernes Format mit einer spannenden Erzählung“, berichtet Hadlich über das Projekt. Der Streifen mit einer Länge von einer Stunde soll ab Frühjahr fertig sein, dann kann er in Schulen gezeigt werden. Spezielle Clips mit Aussagen der Zeitzeugen könnten später das neue Glasmuseum in Warmensteinach oder die ins Auge gefasste Geschichtswerkstatt im Bernt-Haus bereichern. 

Ernst Weber von der gleichnamigen Formen- und Werkzeugschlosserei bringt zum Interview das Original Emailschild seiner früheren Firma mit. Mehrere Scheinwerfer und zwei Kameras sind auf ihm gerichtet, er sitzt zu Hause bei Brigitte und Herbert Hadlich an einem Holztisch vor einer grünen Leinwand. Brigitte Hadlich, die aus einer Glasmacherfamilie stammt und in der Werkssiedlung geboren ist, stellt die Fragen.

Weber ist im Juni 1930 im Landkreis Gablonz geboren, sein Vater war Formenschlosser. „Meine Jugend war recht locker und gut“, berichtet er. Zum Kriegsende 1945 habe es Gerüchte gegeben, „dass wir fort müssen.“ Ein tschechischer Verwalter wurde dann für das Haus und die Werkstatt eingesetzt. Im August 1946 wurde die Familie ausgesiedelt, wie Weber schildert.

Der Sammeltransport in geschlossenen Eisenbahnwaggons zählte rund 1300 Menschen, der Weg ging über Zittau und Dresden Richtung Berlin, endete schließlich in Grimmen (Mecklenburg-Vorpommern) in einem Auffanglager. „Im Fichtelgebirge wird eine Glasindustrie neu aufgebaut“, hieß es, dann zog die Familie nach Goldmühl bei Bad Berneck.

„In Bad Berneck gab es viele verständnisvolle Leute“, erinnert sich Weber. Er spielte Fußball in Goldmühl, fand so schnell Freunde. „Wir wurden gut aufgenommen“, blickt er zurück. 1950 folgte der Umzug nach Weidenberg, der Vater baute auf der sogenannten Novex-Wiese mit Hilfe des US-Marshallplanes ein Haus, in dem dann auch gearbeitet wurde. „Meine Heimat ist Weidenberg geworden“, schildert er. Die Zahl der Beschäftigten in der Werkssiedlung schätzt Weber auf insgesamt 500, auch viele Weidenberger hätten dort Arbeit gefunden. Rund 1000 Gablonzer wurden in der Gemeinde aufgenommen. 

Auch der Zeitzeuge Dieter Piwernetz, Jahrgang 1938, wird interviewt. Es habe schon Neid der Einheimischen gegeben, den Vertriebenen werde durch den Marshallplan Geld reingeschoben, lauten Vorurteile. Doch es habe sich um Kredite gehandelt, die vollständig zurückgezahlt werden mussten.

Als die Werkssiedlung fertig war, seien Betriebe vom Bindlacher Berg oder aus Goldkronach zugezogen, schildert Piwernetz. Auch er besitzt das Original Firmenschild aus Email noch. Kaum war die Familie ins Haus eingezogen, stehen schon Nachbarskinder vor der Tür und fragen ihn: „Spielst Du Fußball?“ Er habe sich am ersten Tag gedacht, „na, das fängt ja schon ganz gut an“.

Seine Integration habe auch durch den Burschenverein „Ehrenkranz“ stattgefunden, dem er 1953 beigetreten ist. Drei Jahre später ist er schon Vorstand. Der Kontakt zu den Einheimischen sei sehr gut gewesen, auch die Festbälle mit den Mädchen hätten dazu beigetragen. 

Josef Hübner, Jahrgang 1932, erinnert sich an schlimme Erlebnisse bei der Vertreibung aus der Nähe von Gablonz. Er berichtet von Schüssen durch Tschechen und „einer Art Todesmarsch“, von dem keiner mehr zurückgekommen sei. 

 

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