Nachholbedarf Digitalisierung: Neue Computer reichen nicht

Beim Gesundheitsdienstleister Reha-Team ist die Digitalisierung schon fortgeschritten. Chef Gernot Gebauer (links) und sein Mitarbeiter Holger Thauwald führen hier eine Ganganalyse vor, deren Ergebnis eine Einlage sein kann, die im 3-D-Drucker hergestellt wird. Foto: Archiv/Andreas Harbach

BAYREUTH. Der Mittelstand in und um Bayreuth hat Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung, sagt eine Studie der Hypovereinsbank. Allerdings gehen immer mehr Unternehmen die entsprechenden Herausforderungen an.

Es ist eines der Megathemen für die Wirtschaft – die Herausforderungen, aber auch die Chancen der Digitalisierung. Raimund Walter, Leiter des Firmenkundengeschäfts Bayern Nord-Ost bei der Hypovereinsbank, sagt, dass die Unternehmen in Stadt und Landkreis Bayreuth sowie Kulmbach hier ihr Potenzial noch lange nicht ausschöpfen.

Im Schnitt investiere gerade jeder fünfte Mittelständler in die Digitalisierung, sagt Walter und beruft sich auf Zahlen aus dem Mittelstandspanel 2017 der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Demnach haben die regionalen Unternehmen 2016 zwar 40 Millionen Euro in die Digitalisierung gesteckt, was sich zunächst ganz ordentlich anhört. Doch beliefen sich die Gesamt-Investitionen zugleich auf 480 Millionen Euro. Gerade gut acht Prozent der Summe flossen also in die Digitalisierung.

Geschäftsmodell völlig neu denken

Immerhin nehme das Interesse an dem Thema zu, das sei in den Firmenkundengesprächen seiner Mitarbeiter deutlich zu spüren, sagt Walter. Das gelte gerade für attraktive Förderfinanzierungen. Das Problem aus seiner Sicht – wenn Geld ausgegeben wird, dann fließe es zu häufig in die technische Ausstattung: „Digitalisierung bedeutet aber nicht, neue Computer oder für jeden Mitarbeiter ein Handy anzuschaffen. Das ist lediglich eine Voraussetzung.“

Stattdessen gelte es, das eigene Geschäftsmodell infrage zu stellen und eventuell völlig neu zu denken. Viele Unternehmen hätten noch nicht wirklich verstanden, was die Digitalisierung wirklich für sie bedeute. Dabei biete sie die Chance, Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität zu stärken und so auch dem Fachkräftemangel ein Stück weit zu begegnen.

Blauäugig?

Eine Einschätzung, die auch ein Ergebnis einer Umfrage der Handwerkskammer (HWK) für Oberfranken von Mitte des Jahres zu bestätigen scheint. Dort gaben gerade mal sechs Prozent der Befragten an, dass sie die Digitalisierung als Bedrohung für ihren Betrieb sehen. Dass das etwas mit Blauäugigkeit zu tun haben könnte, will Benedikt Helldörfer so nicht stehen lassen. Vielmehr seien manche einfach überfordert und wegen der steigenden Anforderungen an den Datenschutz auch verunsichert, sagt der HWK-Abteilungsleiter.

Gute Auslastung als Problem

Und, so paradox das klingt, auch die boomende Konjunktur könne bei der Digitalisierung ein Hemmschuh sein: „Die Betriebe sind so gut ausgelastet, dass ihnen hier und da die personellen und zeitlichen Ressourcen fehlen, um sich damit zu beschäftigen.“ Wobei man auch sagen müsse, dass unterschiedliche Gewerke unterschiedlich stark betroffen seien.

So sei etwa das Gesundheitshandwerk schon ziemlich weit, der 3-D-Druck von orthopädischen Hilfsmitteln nur ein Beispiel. Auch die Fernwartung etwa bei Heizungsbetrieben oder das sogenannte Smart-Home mit automatisierten Funktionen seien auf dem Vormarsch. Bei einem Frisör sei der Digitalisierungsbedarf dagegen nicht so groß. Immerhin gab in der Umfrage ein Drittel der Befragten an, in den kommenden zwölf Monaten in die Digitalisierung investieren zu wollen.

Wichtiges Kompetenzzentrum

Dennoch sei in den Betrieben bei dem Thema noch spürbar Luft nach oben, doch nehme das Interesse deutlich zu. Hier übernehme auch das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk (KDH) in Bayreuth eine wichtige Rolle, dessen Finanzierung gerade erst für zwei weitere Jahre zugesagt wurde. Doch arbeite diese für ganz Süddeutschland zuständige Einrichtung mit bislang 7200 Projektteilnehmern am Limit, vor allem eine bessere personelle Ausstattung sei wünschenswert.

Thomas Zapf, stellvertretender Leiter des Bereichs Standortpolitik bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Oberfranken (Bayreuth) schätzt, „dass noch ein Drittel unserer Mitgliedsunternehmen echten Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung haben“. Dafür seien aber auch rund 20 Prozent Vorreiter. Was unter anderem bedeute, dass sie mehr als zehn Prozent ihres Investitionsbudgets in die Digitalisierung stecken und mindestens 20 Prozent der Beschäftigten in digitalen Prozessen unterwegs seien.

Engagement von den Kunden getrieben

Dabei sei das Engagement oft von den Kunden getrieben. „Liefert ein Unternehmen an Brose und die wieder an VW, dann haben Sie keine Chance, wenn sie nicht in deren digitalen Prozessen mit drin sind“, nennt Zapf ein Beispiel. Kleineren Unternehmen falle das oft schwerer. Deshalb sei auch zu befürchten, dass die Schere bei der Digitalisierung noch weiter auseinandergeht. Er rät den Firmen: unbedingt die Fördermöglichkeiten wie den Digitalbonus und für einen gesunden Finanzierungsmix auch die derzeit billigen Kredite nutzen.

Niedrige Zinsen nutzen

Das sieht auch HVB-Mann Walter so. Laut dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim finanziert der Mittelstand dank der guten Konjunktur seine Investitionen derzeit fast zu 60 Prozent aus Eigenmitteln, im Bereich Digitalisierung sind es sogar fast 80 Prozent.

Walter gibt zu bedenken, ob es nicht besser sei, sein Unternehmen jetzt, wo die Wirtschaft noch boome, auch mit billigem Fremdkapital fit für die Zukunft zu machen. „Wenn es mal nicht mehr so rund läuft, wird es schwieriger werden, an Kredite zu kommen“, sagt Walter. Außer man habe ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell. Und das hänge wieder damit zusammen, wie weit das Unternehmen schon bei der Digitalisierung ist.

 

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