Migrationskonferenz Was sind die Folgen der "Flüchtlingskrise"?

Flüchtlinge kommen am 9. März 2016 in einem Schlauchboot aus der Türkei auf der griechischen Insel Lesbos in der Nähe der Hafenstadt Mitilini (Mytilini) an. Die Migranten haben Europa verändert. Foto: Archiv/dpa

BAYREUTH. Um Migration und Integration in der bayerisch-tschechischen Grenzregion drehte sich am Freitag eine ganztägige Konferenz am Geo-Institut der Universität Bayreuth. Im Fokus stand dabei die „Flüchtlingskrise“ des Jahres 2015 und ihre Folgen.

Wie sind die Medien mit dem Zustrom an Migranten umgegangen? Wie hat sich die Wahrnehmung der Bürger verändert? Warum kam es zu einer Politisierung der Migration?

Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse lieferte dazu Harry Harun Behr, der in Bayreuth über Islamischen Religionsunterricht promoviert hat. Derzeit lehrt er als Professor für Islamische Religionspädagogik an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Aus Befragungen von Lehrkräften und Jugendlichen zeichnet er ein differenziertes Bild von Flüchtlingen. „Den muslimischen Flüchtling gibt es nicht“, sagt Behr. Die meisten in Deutschland lebenden Migranten hätten Diskriminierungserfahrungen gemacht. In Deutschland geborene Menschen mit ausländischen Vorfahren würden auf einmal für die ganze kulturelle Gruppe verantwortlich gemacht. Dabei ließe sich Herkunft nicht auf einen Kulturraum festlegen. „Kulturen sind keine geschlossenen Systeme.“

Politik und Medien erleiden Vertrauensverlust

Auf der anderen Seite hätten die Deutschen das Vertrauen in das politische System verloren. Einen Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung von Flüchtlingen habe die Kölner Silvesternacht bewirkt. Schon Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ sei ein Tabu-Bruch gewesen. „Seitdem wissen wir, dass der Begriff Ethnie rassistisch besetzt ist.“ Vermeintliche Verlierer der Gesellschaft fürchteten sich um eine „kulturelle Identität“, die so gar nicht vorhanden sei. „Migration ist ein Einzelfall im Leben, in der Menschheitsgeschichte die Regel“, stellt Behr fest.

Negatives dominiert in den Berichten

Über die Rolle der Medien in der Darstellung von Ausländern und Flüchtlingen sprachen Fabian Liedl von der Uni Bayreuth und Kurier-Redakteur Peter Engelbrecht. Demnach dominiert Liedl zufolge die Negativberichterstattung. Unterschieden würde nach Statusgruppen: Der Spitzensportler werde besser dargestellt als die Nachfolgegeneration der Gastarbeiter und diese positiver als Muslime aus der Türkei oder aus Entwicklungsländern. Die Medien erlebten seit 2015 einen Vertrauensverlust. Noch 2017 glaubten zwei Drittel der Bürger, es würden falsche Zahlen über Flüchtlinge verbreitet. Gar 42 Prozent stimmten der Aussage zu, am Begriff „Lügenpresse“ sei schon irgendetwas dran. Obwohl nach der Kölner die Berichte über kriminelle Flüchtlinge zunahmen.

Kurier-Reporter Engelbrecht legt dar, dass auch in der Redaktion über die angemessene Art der Berichterstattung diskutiert werde. „Am Anfang der Flüchtlingswelle waren wir wie die meisten im Land überrascht und auch überfordert.“ Orientierung bietet der Pressekodex. Waren die Berichte anfangs eher positiv änderte sich dies, als Vorfälle von Gewalt und Streit in Flüchtlingsunterkünften bekannt wurden. „Wir haben uns bemüht, das zu berichten, was ist“, sagt Engelbrecht. „Sachlich, einigermaßen neutral, über beide Seiten.“