Mesner Karl-Heinz Braune Der gute Geist der Kulmbacher Nikolaikirche

KULMBACH. In der Kulmbacher Nikolaikirche sorgt Mesner Karl-Heinz Braune seit 48 Jahren für Weihnachtsstimmung. Dabei hätte er als Katholik das Amt gar nicht ausüben sollen.

Mit langen Schritten geht Karl-Heinz Braune, Mesner in der Nikolaikirche, um den über vier Meter hohen Weihnachtsbaum. Hin und wieder greift er zwischen die Zweige und zupft eine der Strohfiguren oder Stoffschleifen zurecht. „Wie schön meine Kirche doch während der Weihnachtszeit aussieht“, sagt der Mesner. Jede einzelne der über 100 Strohfiguren, die die Nikolaikirche während der Adventszeit schmücken, gehört Karl-Heinz Braune, all die Sterne und Schleifen hat er selbst gebastelt. Etwas anderes wird den Baum während Braunes Dienstzeit nicht schmücken, denn von Weihnachtsbaumkugeln hält er nichts.

Das Christuskind ist in Reparatur

Etwas wehmütig blickt der 72-Jährige in Richtung der leeren Krippe, die unter den Zweigen hervorlugt. Normalerweise liegt dort eine tönerne Christusfigur mit strahlenden blauen Augen und blonden Locken. Für Braune der Inbegriff der Weihnachtszeit. Doch während eines Familiengottesdienstes am Wochenende zuvor stieß jemand gegen die Krippe, die Puppe fiel zum Entsetzen des Mesners aus dem Strohbett und der Arm zerplatzte auf dem harten Kirchenboden. Noch immer haftet der weiße Tonstaub am Boden unter den Zweigen des Weihnachtsbaumes. Derzeit ist das Christuskind in Reparatur, und Braune hofft, dass die Puppe bis Heiligabend wieder in ihrer Krippe liegt.

Weihnachtlich wird es in der Nikolaikirche ab dem 7. Dezember. Dann fährt Braune in den Frankenwald, um den über vier Meter hohen Weihnachtsbaum abzuholen. „In diesem Jahr haben wir den Baum so früh geholt, weil wir schon früh die ersten Weihnachtsfeiern haben“, sagt der Mesner. Die Kerzen werde er jedoch erst am Weihnachtsabend anzünden – „früher nicht“. Dekoriert wird der Baum aber sofort mit Braunes Strohfiguren, Papiersteinen und Stoffschleifen. Vieles vom Christbaumschmuck stammt noch aus Braunes Anfangszeiten als Mesner.

Vor 48 Jahren entschied sich Braune dafür, Mesner in der Nikolaikirche zu werden. Und das, obwohl er katholisch war. „Damals haben sich viele Leute furchtbar darüber aufgeregt“, sagt der 72-Jährige. Für seinen Traumjob wechselte der Kulmbacher sogar die Konfession und wurde evangelisch. Seither kommt er, wann immer er in der Nähe ist, heizt die Kirche, recht die Blätter der Kastanienbäume zusammen und kümmert sich um den Blumenschmuck. Zu seinen Aufgaben gehört es auch, die Besucher zu zählen und das Klingelbeutelgeld auf der Bank einzuzahlen. „Ich habe immer meinen Schlüssel einstecken, um immer nach dem Rechten schauen zu können.“

Man muss schweigen können

Für Braune liegt der Zauber der Nikolaikirche darin, dass sie so klein ist. „ Sie lässt sich gut heizen.“ Die zentrale Lage schätzen nicht nur die Kirchgänger: Immer wieder schlagen Unbekannte die verbleiten Fensterscheiben ein, schüren Feuer in den Gruften oder trinken nachts Alkohol auf dem alten Friedhof. Morgens ist es an ihm, die Scherben aufzukehren. Dennoch macht Braune die Arbeit gerne, gerade weil er so eng in Kontakt mit vielen Menschen ist. „Meine Frau sagt immer, dass ich nie zur Ruhe komme“, sagt der 72-Jährige.

Eine wichtige Fähigkeit muss ein Mesner aus Braunes Sicht haben: „Er muss schweigen können.“ Denn man erlebe zwar vieles, über das Wenigste dürfe man auch reden. Eine lustige Anekdote verrät er trotzdem: In den 1980er Jahren wollte er an einem Samstagnachmittag das Abendmahl vorbereiten und stellte zwei Kelche mit Wein und einen Teller mit Oblaten auf den Altar. Braune ging in die benachbarte Kneipe, trank ein Radler. Als er wieder zurück kam, waren die Kelche leer und die Hostien verschwunden. „Eine Frau hat mir dann erzählt, dass ein Obdachloser Wein und Oblaten geklaut hat“, sagt er.

Statt den Mann anzuzeigen, bat ihn der Pfarrer darum, den Betrunkenen in den Gottesdient zu holen. „Er hat sofort zugegeben, dass er Hunger und Durst hatte und sich eben am gedeckten Altar bedient hat“, sagt Braune. Der Obdachlose folgte Braune in die Kirche und setzte sich in eine der Bänke. Mitten während der Predigt packte er eine Fischkonserve und eine Flasche Rotwein aus – und begann mit dem Mahl. „Der Fisch hat so gestunken, dass die Menschen so weit wie möglich weggerutscht sind.“ Nachdem er mit Fisch und Wein auch noch kleckerte, bat der Pfarrer den Mesner, den Obdachlosen aus der Kirche zu begleiten.

Im Sommer ist Schluss

Bis 6. Januar kümmert sich Braune noch um den Weihnachtsbaum, gießt ihn täglich mit einer Kanne Wasser. Sobald der Baum entsorgt wurde, gönnt sich der 72-Jährige seinen Urlaub. Wie seit 42 Jahren geht es auch in diesem Jahr nach Ägypten, mittlerweile hat er von Alexandria bis Marsa Alam alles gesehen. „Schön ist es da“, sagt er. Von Sommer bis Winter könne man da gut Urlaub machen. Nach 48 Jahren als Mesner wird Braune im Sommer seinen Dienst quittieren. „Einmal muss Schluss sein.“ Bis dahin sucht er noch nach einem Nachfolger. Damit auch in den kommenden Jahren die über 300 Besucher am Heiligen Abend sich über eine liebevoll dekorierte Kirche freuen können.


Info: Mesner gelten als rechte Hand von Priestern und Pfarrern. Sie bereiten Gottesdienste und kirchliche Feiern vor und kümmern sich um das Erscheinungsbild der Kirche.

 

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