Meinung 100 Jahre Erster Weltkrieg: Nie wieder! Nie wieder?

Bayreuther Soldaten bei der Abfahrt in den Krieg: Noch ahnen sie nicht, welches Grauen sie an der Front erwarten wird. Foto: Adolf Schaupp/Archiv

KOMMENTAR. Heute vor genau 100 Jahren kämpften Menschen, die hier in der Region Haus, Hof und Familie hatten in den letzten Tagen des Ersten Weltkrieges an der fernen Westfront. Neben ihnen in den Stellungen wurden Kameraden von Kugeln, Bomben und Artilleriegeschossen zerfetzt, von Flammenwerfern verbrannt und von Giftgas erstickt. Sie selbst taten Engländern und Franzosen das gleiche an. Am 11. November jährt sich das Ende des Ersten Weltkrieges zum einhundertsten mal. Und es kann nur eine Lehre geben: Nie wieder!

In Bayreuth hatte vor dem Ersten Weltkrieg das 7. Infanterie-Regiment sein zu Hause – etwa 3500 Soldaten stark. Bayreuther, Kulmbacher, Hofer, Hollfelder und Speichersdorfer – aus fast jedem Dorf in Oberfranken war jemand dabei. Mehr als 3000 aus diesem Regiment kehrten aus dem Krieg nicht nach Hause zurück. In den „Erinnerungsblättern deutscher Regimenter“ ist die Geschichte der Einheit aufgeschrieben.

Lesen Sie zum Kommentar:

Wer sie liest, kann nur ahnen, welches Grauen die Soldaten im Krieg erlebten. Wer die Angriffe von Artillerie, Minenwerfern, Fliegerbomben, Flammenwerfern und Gas überlebt hat, wer dabei war, wie sich Menschen gegenseitig im Kugelhagel mit Bajonetten und Messern erstochen und mit Spaten erschlagen haben, der war danach ein anderer.

Vom Ende dieser vier Jahre Hölle auf Erden dauerte es kaum mehr als zwei Jahrzehnte, bis noch viel Schlimmeres über Europa und die Welt kam. Und die Lehre daraus?

Nie wieder! Jetzt endgültig.

Und heute? Zeitzeugen aus dem Ersten Weltkrieg gibt es nicht mehr. Aus dem Zweiten Weltkrieg werden es immer weniger, die uns davor warnen können, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Ignorant und blind beginnen wir, das Friedensprojekt Europa mit Füßen zu treten und für alle Probleme verantwortlich zu machen. Immer mehr Europäer rufen nach einem starken Nationalstaat und nach geschlossenen Grenzen, die uns Sicherheit vorgaukeln sollen. Jetzt ist der Moment, in dem wir anfangen, den Frieden aufs Spiel zu setzen - weil wir ihn für selbstverständlich halten.

Aber wenn wir nicht jeden Tag aufs Neue für ein friedliches Miteinander kämpfen, droht irgendwann der Moment, da wir wieder zu den Waffen greifen und uns dann fragen: Was wurde eigentlich aus „nie wieder“?

moritz.kircher@nordbayerischer-kurier.de

 

1 Kommentar

Kommentieren

  1. Passwort vergessen?
  2. * = Pflichtfeld
Sie haben noch keinen Benutzer-Zugang? Jetzt registrieren!

Wenn Sie einen Kommentar verfassen, so wird dieser unter Ihrem Klarnamen, also dem von Ihnen angegebenen Vor- und Nachnamen veröffentlicht. Sollte Ihr Kommentar nicht sofort erscheinen, bitten wir Sie um etwas Geduld. Wir behalten uns vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen. Bitte beachten Sie hierzu auch unsere Netiquette.

loading