Medizinische Versorgung Ärzte fordern Gesundheitsgipfel für Oberfranken

Symbolfoto: Jacob Lund/Adobe Stock

BAYREUTH. Ärzte und Pfleger sind in Oberfrankens Kliniken begehrt wie nie. Hausärzte verschwinden aus den Dörfern. Nachfolger finden sich kaum. Die medizinische Versorgung auf dem Land ist eine Dauerbaustelle. Konzepte, um diese Probleme zu lösen, liegen bereits in den Schubladen von Ärzten und Klinikchefs.

„Deutschland fehlt ein medizinischer Masterplan, wie er in anderen Ländern üblich ist“, sagt Johannes Brachmann, medizinischer Geschäftsführer des Regiomed Klinikverbunds. Nahezu jeder Landkreis und jede Kommune gehe bisher ihren eigenen Weg.

Gesundheitszentren sollen Ärztemangel beseitigen

„Medizinische Leistungen sollten in größeren Krankenhäusern gebündelt werden“, fordert Andreas Schmid, Juniorprofessor für Gesundheitsmanagement an der Universität Bayreuth. In seiner jüngsten Studie plädiert er für sogenannte Intersektorale Gesundheitszentren (IGZ). Diese sollen helfen, den Ärztemangel zu beseitigen und gleichzeitig Klinikträgern und Krankenkassen Geld zu sparen. Ambulante und stationäre Behandlung sollen dort besser verzahnt werden. Behandeln sollen im IGZ Ärzte aus der Umgebung – zusätzlich zu ihren Sprechzeiten. Angehende Mediziner könnten direkt in der neuen Einrichtung eine eigene Praxis eröffnen.

Die Kassenärzte reagieren reserviert auf diese Idee. „Es bleibt jedem Arzt selbst überlassen, ob und wie sehr er sich in einem IGZ einbringt“, teilt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KVB) auf Anfrage mit. Je nachdem wie sehr einzelne Ärzte in Praxis- und Bereitschaftsdienst eingebunden seien, könnten sie sich zusätzlich an einem IGZ beteiligen. Das derzeitige Krankenhauskonzept ist laut KVB veraltet und müsse auf jeden Fall neu organisiert werden.

Gleichwertige medizinische Versorgung in allen Landesteilen

„Gerade an der Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Versorgung besteht erhebliches Potenzial“, sagt Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml auf Anfrage unserer Zeitung. Das Ministerium hat Oberfrankens Krankenhäuser mit 450 Millionen Euro gefördert. Mit diesem Geld sei bisher das Sana Klinikum in Hof saniert, die Kliniken in Münchberg und Kulmbach erweitert worden, und das Krankenhaus in Bamberg habe einen vierten Bettenturm erhalten. Die Zukunft der medizinischen Versorgung im Freistaat liegt in den Händen eines Landesgremiums, das Huml 2015 ins Leben gerufen hat. Die Expertenrunde soll „eine gleichwertige medizinische Versorgung in allen Landesteilen gewährleisten“, teilte die Ministerin mit.

Oberfränkische Klinikärzte, die eine Neuordnung des Gesundheitssystems unmittelbar beträfe, sehen jedoch noch Nachbesserungsbedarf. Johannes Brachmann stimmt zwar zu, dass kleine Kliniken durch Fachärztemangel und steigende gesetzliche Vorgaben nicht zu halten seien, entgegnet aber: „Durch das IGZ-Konzept könnte medizinische Qualität verloren gehen.“ Der Experte erwartet, dass die Einsparpotenziale nicht so groß sind, wie sich der Bayreuther Wissenschaftler Schmid erhofft. Die Reduzierung eines Hauses auf eine bestimmte Größe sei keine Garantie, dass dieses keine finanziellen Verluste mehr einfahre. Zudem müssten alle Patienten, auch ältere Menschen, längere Wege in Kauf nehmen.

Konzepte müssen vereinheitlicht werden

„Kleinere Krankenhäuser werden zwischen steigenden qualitativen und finanziellen Anforderungen aufgerieben“, sagt Gesundheitswissenschaftler Andreas Schmid. Diese Häuser hätten wegen des demografischen Wandels und der sinkenden Bevölkerungszahlen in Oberfranken keine Möglichkeit, langfristig zu überleben. Deshalb rät er kleineren Kliniken, auf teure Operationssäle und Spezialgeräte zu verzichten. Der Schwerpunkt müsse auf der ambulanten Behandlung liegen. Patienten dürften das IGZ noch am Tag der Einlieferung wieder verlassen. Ältere Menschen hingegen, die betreut werden müssten, sollten zur Beobachtung im IGZ bleiben. „Wer keine Angehörigen in der Nähe hat, wird dort für ein paar Tage betreut.“

Regiomed habe laut Brachmann eine eigene Strategie entwickelt, um kleine Standorte zu halten. „Wir spezialisieren diese Kliniken auf bestimmte medizinische Bereiche.“ So habe die Klinik in Neustadt bei Coburg mit ihren zurzeit 73 Betten schon kurz vor dem Aus gestanden. Als Regiomed die Einrichtung vor einigen Jahren übernommen hat, habe der Klinikverbund die Fachbereiche Orthopädie und Innere Medizin kontinuierlich ausgebaut. Damit sei die Zukunft des Hauses bis mindestens 2022 gesichert. Allerdings moniert Brachmann, dass alle Konzepte vereinheitlicht werden müssten. Er fordert: „Wir brauchen einen Gesundheitsgipfel für Oberfranken, bei dem sich alle Experten der Region an einen Tisch setzen.“ Die Diskussion müsse in einem medizinischen Versorgungskonzept für den Regierungsbezirk münden.

Strikte Grenze zwischen niedergelassenen Ärzten und Kliniken

„Das ist eine gute Idee, die ich sehr befürworte“, schließt sich Wolfgang Kick, ärztlicher Leiter der Kliniken Hochfranken in Münchberg und Naila, der Forderung an. Wichtig sei es jedoch, Politiker mit an den Tisch zu holen, um die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Diese müssten sich auch für eine Neuordnung des ärztlichen Vergütungssystems einsetzen. Bisher verlaufe die Grenze zwischen dem Verdienst eines niedergelassenen Arztes und eines an einem Klinikum angestellten Mediziners sehr strikt. „Krankenhäuser und niedergelassene Fachärzte konkurrieren miteinander.“ Verschärft werde dieser Umstand durch das Schwinden der Hausarztpraxen.

Martin Schmid, Geschäftsführer des Klinikums Fichtelgebirge, steht dem IGZ-Konzept skeptisch gegenüber. „Ich bewerte die Idee kritisch.“ Er schätzt, dass dadurch nicht die Patienten, sondern die Hausärzte gewinnen würden. Das kleinste Haus des Klinikums Fichtelgebirge verfügt über 145 Betten und würde, falls es zu einem IGZ umgebaut wird, einige Leistungen einbüßen. Doch die Kliniken in Selb und Marktredwitz, deren Betrieb jährlich vom Landkreis mit 3,5 Millionen Euro am Laufen gehalten wird, zu verkleinern, plant Schmid nicht: „Unsere Operationssäle sind zu 90 Prozent ausgelastet.“

 

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