Medikament hilft Psychisch krank in der "Vandalenzelle"

Foto: Archiv, Karl Heinz Lammel

BAYREUTH. Die Strafkammer des Landgerichts hat einen psychisch kranken Mann für eine im Gefängnis begangene Straftatenserie freigesprochen. Das Gericht ordnete gegen den 27-jährigen Äthiopier zudem die Unterbringung im psychiatrischen Krankenhaus an – und setzte diese Maßnahme zur Bewährung aus. Grund ist ein wirksames Medikament.

Haldol heißt das Neuroleptikum, das die halluzinatorische und paranoide Schizophrenie des Mannes in Griff bekommen hat. Das Haldol ist laut dem Erlanger Gerichtspsychiater Thomas Wenske eines der ältesten und wirksamsten Psychopharmaka und habe den Vorteil, dass es weltweit verbreitet sei und fast überall billig zu bekommen ist. Ein Vorteil für den Äthiopier, dessen Asylantrag in Deutschland abgelehnt wurde: Irgendwann steht für den Mann die Abschiebung an.

Das Haldol bekam der Äthiopier in der psychiatrischen Abteilung des Gefängniskrankenhauses in Straubing. Das war für ihn die Endstation eines langen Irrweges durch bayerische Gefängnisse. Hier landete er aufgrund einer Gewalttat, die er im Sommer 2014 in Nürnberg gegen einen Landsmann beging. Zwei Jahre und neun Monate Haft bekam er und kam ins Bayreuther Gefängnis. Hier schlug er im September 2016 einem Mithäftling eine Eisenstange gegen den Kopf und wurde zu weiteren 14 Monaten verurteilt.

Während seiner Haftzeit – erst in Bayreuth, dann wieder in Nürnberg, dann im Gefängnis in Amberg – waren spezielle Sicherungstrupps seine ständigen Begleiter. Aus der Beweisaufnahme im Prozess beim Landgericht in Bayreuth ergab sich, dass der Äthiopier ein extremer „Problemhäftling“ war: Aggressiv, beleidigend, widerständig. Mit Frauen sprach er überhaupt nicht. Im Gefängnis in Amberg brauchte ein Arzt zur Untersuchung eine „Spuckwand“ zwischen sich und dem renitenten Häftling. Der Mann warf mit Essen, schüttete Wasser gegen Polizisten, war Dauergast in der sogenannten „vandalensicheren Zelle“.

Schlag mit dem Schrubber

Vor allem zwei Vorfälle verhandelte das Landgericht: Im August 2018 schlug der 27-Jährige einem Bayreuther Justizbediensteten einen Schrubber auf den Kopf. Und in der JVA Amberg zerschlug er ein Fenster, griff sich eine Glasscherbe, hielt sie – die Hand mit Klopapier geschützt – wie einen Dolch und bedrohte Spezialisten der Sicherungsgruppe mit den Worten: „Kommt nur rein, ich steche euch alle ab.“

Die Ausraster sind allesamt mit der psychischen Erkrankung erklärbar, sagte Psychiater Wenske in seinem Gutachten. Wenske konnte nicht ausschließen, dass der Mann vermutlich sogar befehlende Stimmen im Kopf hörte. Der Psychiater berichtete, der Mann habe Wahnvorstellungen gehabt, habe sich als „König Äthiopiens“ bezeichnet und sei ohne Flugzeug frei wie ein Vogel aus seiner Heimat nach Deutschland geflogen.

Laut Wenske ist der Schuldunfähige gefährlich, aber nur dann, wenn er seine Medikamente nicht nimmt. Erst in etwa fünf Jahren könne versucht werden, das Haldol abzusetzen, um dann zu sehen, ob die Schizophrenie weg ist.

Staatsanwältin Janina Leinhäupl beantragte die Unterbringung, sein Verteidiger Stephan Schultheis sah die Voraussetzungen nicht gegeben.

Das Gericht unter Vorsitz von Bernhard Heim verknüpfte die Bewährung mit strengen Auflagen: Einmal in der Woche muss der Verurteilte sich beim Bewährungshelfer melden und nachweisen, dass er seine Medikamente zuverlässig einnimmt.

 

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