Mainleus: Dreharbeiten für Anne-Frank-Film

„Das Tagebuch der Anne Frank“ ist der erste deutsche Kinofilm über Anne Frank. Er kommt am 3. März in die Kinos. Wir sprachen mit Regisseur Hans Steinbichler über die Dreharbeiten in Mainleus im Landkreis Kulmbach, Hauptdarstellerin Lea van Acken und darüber, warum die Geschichte von Anne Frank immer wieder erzählt werden muss.

Anne Franks Tagebuch ist das berühmteste Tagebuch der Welt. Die Geschichte des Mädchens wurde bereits vielfach in Spielfilmen erzählt. Warum also noch ein weiterer Anne Frank-Film?

Hans Steinbichler: Die Antwort ist ziemlich einfach: Sämtliche Verfilmungen, die es bisher gibt, haben einen Aspekt außer Acht gelassen, der im Buch zutiefst verankert ist: Das Erwachsenwerden eines sehr klugen, aber normalen Mädchens, das in der Pubertät steckt und diese in einer extremen Situation erlebt. Ich habe selbst Kinder in dem Alter, auch Mädchen, und ich weiß, was das für die Familie und das Umfeld bedeuten kann. Das heißt, ich konnte dieses Tagebuch einfach extrem gut „lesen“. Das heißt, verstehen, was damit eigentlich gemeint ist. Und dieser Aspekt, dass Anne ein ganz normales Mädchen war, das rückt ihr Leben ins Jetzt und Heute. Jede Familie, alle Eltern und Kinder, können erahnen, was es bedeutet, unter solchen Umständen aufzuwachsen.

Hat Ihr Drehbuchautor Fred Breinersdorfer im Vergleich zur literarischen Vorlage viel verändert?

Steinbichler: Wir wollten in unserem Film den Menschen Anne Frank in den Mittelpunkt stellen, nicht eine Ikone. Wir wollten eine Geschichte erzählen, die zeigt, was für ein Mensch Anne Frank war. Nämlich ein Mensch mit Sehnsüchten, der an der Schwelle zum Erwachsenwerden steht, der von der ersten Liebe und der Zukunft träumt. All das wird mit einem Mal ausgelöscht. Anne und ihre Familie und Mitbewohner des Hinterhauses werden ermordet. Man ist da zwei Stunden mit diesem Mädchen, man mag es und mag es manchmal nicht, aber dann wird dieses Mädchen weggenommen und getötet. Das ist die tragische Wirklichkeit, die dieser Film zeigen muss.

Sie haben an mehreren Orten gedreht, unter anderem in Bayern, im Landkreis Kulmbach auf dem Gelände ehemaligen Kulmbacher Spinnerei in Mainleus. Erinnern Sie sich noch daran?

Steinbichler: Und ob! Wir haben in Mainleus, in unserem Bayern-Teil, all das gedreht, was nach dem Abtransport in Amsterdam passiert ist. Die Deportation nach Auschwitz und das Ankommen im Lager und eben auch diese entwürdigende Behandlung der Frauen, die dort entkleidet und desinfiziert wurden und deren Haare abrasiert wurden. Der Film hatte 43 Drehtage. Es war dennoch zeitweise eine wahre Tour de Force.

Also stellten die Gebäude das KZ Auschwitz dar?

Steinbichler: Wir haben die Räume dieser Industrieanlage für unseren Film genutzt. Es sind reine Innenaufnahmen, dementsprechend ist nicht kenntlich, wo gedreht wurde. Wir haben uns bei der Suche nach einem passenden Drehort auf Nordbayern konzentriert. Dort etwas zu finden schien uns wahrscheinlicher. Wir hatten Locationsscouts mit einem genauen Blick auf brache Industriegelände, die es in Bayern noch gibt.

Wieso haben Sie sich für Lea van Acken als Hauptdarstellerin entschieden?

Steinbichler: Ich habe ein ganz normales Casting gemacht und eine Vorauswahl getroffen. Lea kam in diesem Casting ganz zu Anfang zu uns, und wir haben tatsächlich sofort gewusst, dass sie unsere Anne ist. Dieses Mädchen hat sich trotz Whatsapp-, Facebook-, Youtube-Zeiten etwas bewahrt hat, das unzerstörbar ist. Dieses 16-jährige Mädchen hat eine Haltung, die ihr den Zugang zum Menschen Anne Frank sehr erleichtert hat. Sie ist einfach wundervoll.

Wie fühlte es sich an, die Ereignisse in dem Hinterhaus auf engstem Raum nachzustellen?

Steinbichler: Ganz schrecklich. Alles andere als einfach. Trotzdem habe ich das geradezu forciert. Ich wollte, dass die Schauspieler aufeinander sitzen, dass sie die Hitze oder Kälte des Studios unmittelbar spüren, dass das an ihre Nerven geht. Ich wollte Zustände herstellen, die es ihnen vorstellbar machen, in einem Hinterhaus gefangen zu sein. Eine unfassbare Anstrengung!

Wer soll sich Ihren Film ansehen?

Steinbichler: Dieser Film richtet sich ganz bewusst an ein breites Publikum, gerade auch an ein Jüngeres, das die Geschichte Anne Franks vielleicht noch nicht kennt. Diese Geschichte muss einfach immer wieder erzählt und vor allem gehört werden, auch deswegen habe ich bewusst alles Belehrende vermieden.

Wäre es nicht falsch, vor dem Hintergrund des Zeitgeschehens und dem Erstarken rechter Gruppierungen das Politische zu vernachlässigen?

Steinbichler: Nein, aber das geschieht auch nicht. Denn natürlich erzählen wir auch den historischen Kontext, der Anne und ihre Familie zur Flucht und zum Leben im Hinterhaus zwang. Es wird deutlich, dass Anne und ihre Familie Flüchtlinge sind. Wir erzählen von Menschen mit Zivilcourage, die ihnen geholfen haben, mit dem Risiko, ihr Hab und Gut, ihre Arbeit, ihre Freiheit oder gar ihr Leben zu verlieren.

Wie fielen die ersten Reaktionen auf den Film aus, der kürzlich auf der Berlinale Welturaufführung feierte?

Steinbichler: Die Reaktionen bei der Weltpremiere waren überwältigend, den Film mit knapp 1000 Menschen gemeinsam zu sehen, die sich von Anne Franks Geschichte bewegen ließen und anschließend minutenlang klatschten, war ein unvergessliches Erlebnis. Was Lea van Acken da macht, ist einfach sensationell und da kommt keiner dran vorbei.

Das Gespräch führte Ute Eschenbacher

 

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