Lust und Qual im Festspielhaus Warum tut man sich das an?

So manch Besucher fühlt sich vor dem Betreten des Bayreuther Festspielhauses wie vor einer Gipfelbesteigung. Nach der Strapaze kann sich der Eindruck von
Verwandlung einstellen. Foto: Archiv/Ronald Wittek

BAYREUTH. In verschwitzter Kleidung auf unbequemen Sitzen – so setzen sich Sommer für Sommer zigtausende Besucher den Werken Richard Wagners aus. Ein Erlebnisbericht.

Die Parkplätze, sie sind bei dieser Hitze vom Ziel noch ein bisschen weiter entfernt als sonst. Nur die ersten Schritte sind geschwind, man wird von allein langsamer, es ist – als ob man in Marmelade watet. Oben ist man nass, dass wird sich geben, hofft man, wenn man erst mal im Dämmerdunkel des Festspielhauses Platz genommen hat. Man hofft wider besseres Wissen: Nichts wird sich geben. Im guten Fall wird es unbequem. Im schlimmsten eine ausgewachsene Strapaze.

Ein alter Mann schleppt sich die Treppe empor. Dort, wo der Riemen seiner Ledertasche aufs Jackett drückt, nässt der Schweiß dunkel durch den Tweed. Er geht in Zeitlupe. Schritt. Verharren. Schritt. So könnte man sich Hermann Buhl auf den letzten Metern hinauf zum Nanga Parbat vorstellen. Könnte. Lägen zwischen dem eisigen Himalaya-Gipfel und dem Grünen Hügel nicht mindestens 50 Grad Temperaturunterschied.

Warum tut man sich das an?

Vielleicht, weil man irgendwann mal das überirdische Schweben und Flirren des „Lohengrin“-Vorspiels gehört und staunend wahrgenommen hat, wie Gänsehaut über den Körper prickelt. Man ist da schon halb entrückt. Und Irdisch ist ja auch das Folgende nicht. Elsa wird aufs schwerste angeklagt, ihren Bruder soll sie beseitigt haben. Der Tod droht ihr, doch sie verteidigt sich nicht. „Mein armer Bruder“ singt sie, und das kann einen nicht unberührt lassen.

Dort, wo das schweißnasse Hemd die Haut berührt, schimmert sie durch: Fleischfarbenflecktarn.

Zumindest ist man vor den Kopf gestoßen: Sag mal, in welcher Welt lebt die eigentlich? Der Staat lässt nicht locker. Elsa soll sich rechtfertigen , da sie es nicht kann, muss ein Streiter für sie im Gottesgericht einstehen. Der Heerrufer dröhnt immer unbarmherziger: „Der trete vor.“ Niemand will sich das gerade antun. Doch Elsa hat einen Traum: „In lichter Waffen Scheine ein Ritter nahte da, so tugendlicher Reine ich keinen noch ersah.“

Ein Retter wird kommen, das ist so gut geträumt wie unrealistisch wie sicher. Das kann man akzeptieren, man muss es nicht. Vorsicht aber: Wenn man „Lohengrin“ akzeptiert, wenn man sich Wagners Traum, als Künstler ungefragt angenommen zu werden, zu eigen macht – dann ist man schon halb verfallen. Man wäre nur zu gern dabei, die Musik ist grad so schön. Man hat gerade den „Lohengrin“ gehört.

„Parsifals“ Wirkung ist noch mal eine andere. Und dann der „Tristan“... und die komplexe Mythenwelt des „Rings“, mit einem Gott, der sich sein Haus nicht leisten kann, sich gegen das eigene Gesetz versündigt und damit die Welt in den Untergang stürzen wird. Was für eine Welt! Eine Drückerkolonne ist nichts gegen Wagner und seine Verführungskunst. Wenn Traum Wirklichkeit wird – ja, dann wird’s spannend. Mehr noch: Es gibt außer der Gesundheit wenig mehr, was einen mehr angeht.

Es kann natürlich auch anders kommen. Aber eigentlich nur beim ersten Mal. So wie bei Mark Twain etwa; „ich konnte im ’Parsifal’ nichts entdecken, das mit Rhythmus oder Melodie bezeichnet werden kann“, schrieb er 1891. „Wenn dies wegfällt, bleibt nur ein Bild, dem die Farben fehlen.“

Er befand sich auf seiner eigenen Mission: Er wollte die seltsam feudalen Sitten der Europäer studieren und mokierte sich über die Verehrung der Festspielgäste gegenüber höhergestellten Besuchern. Allerdings erwischte es dann auch ihn. „Musik, die einen vor Vergnügen trunken machen kann, Musik, die einen dazu veranlasst, den Stab zu ergreifen und seinen Weg um den halben Globus herumzubetteln, um sie zu hören“, schrieb er über den „Tannhäuser“.

Man nimmt Platz, grüßt links und rechts zu Damen (ach, wie praktisch ist doch ein schulterfreies Abendkleid) und zu Herrschaften, die sich bereits ihrer Anzugjacken entledigen. Dort, wo das schweißnasse Hemd die Haut berührt, schimmert sie durch: Fleischfarbenflecktarn. Da ist das Licht noch gar nicht erloschen, man hat Zeit, sich umzusehen, den Blick zu wenden zur Decke mit den stilisierten Sonnensegeln, das Auge schweifen zu lassen über 1900 Menschen, die schon jetzt Erschöpften sitzend, die Erfahrenen stehend: Man wird schließlich noch lange genug in bedrückender Enge kauern.

Wer den Reiz verspürt, der huste – jetzt. Auch für notwendigste Äußerungen des Körpers wird in wenigen Augenblicken niemand mehr das geringste Verständnis haben. Man hat schon Leute gesehen, die sich ihrer Schuhe entledigen. Das geht mancherorts in Ordnung, eben dort, wo die Nachbarn nicht missbilligend dreinschauen.

Und wenn man sich in solchen Momenten quält, dann fallen einem auf einmal auch wieder die Schweißperlen auf, die sich im Hemdkragen sammeln, um kitzelnd über den Rücken abzuperlen.

Wagner – und das war damals relativ neu, das ist erst seit etwas mehr als hundert Jahren Standard in den Theatern – verlangte Hingabe. Konzentration. Muße.

Das „Lohengrin“-Vorspiel ist berühmt und weithin bekannt, auch bei Menschen, die mit Wagner nichts anfangen können. Dieses wunderbare Stück Musik nämlich begleitet den wunderbaren Tanz Charlie Chaplins mit der Erdkugel im „Großen Diktator“. Chaplin war ein Wagner-Bewunderer und Hitler-Hasser so wie Thomas Mann, der sogar mal sagte, es sei viel Hitler in Wagner. Dass das paradox ist, wusste auch Thomas Mann.

Was er damit sagen wollte: das Element der Verführung ebenso wie das Unverschämte, Rüpelhafte, Anmaßende konnte er in Hitler wie in Wagner entdecken. Sowohl Chaplin wie auch Mann aber konnten das Werk gut vom Menschen, dem Allzumenschlichen, trennen. Der Wunsch nach politischer Sauberkeit und moralischer Unbedenklichkeit muss offenbar kein Argument sein, Wagner nicht zu hören.

Da wir gerade bei den unschönen Seiten Wagners sind: Musik und Drama weisen, bei mangelhafter Hör- und Texterfahrung zumal, mäßige Spannung auf. Wagner beschere wunderbare Momente, für die er die Zuhörer mit grauenvollen halben Stunde bestrafe, soll Rossini mal gesagt haben.

Wie dem auch sei: Für Anfänger kann die Unterredung zwischen Elsa und Ortrud tatsächlich zäh werden. Und wenn man sich in solchen Momenten quält, dann fallen einem auf einmal auch wieder die Schweißperlen auf, die sich im Hemdkragen sammeln, um kitzelnd über den Rücken abzuperlen. Und dann der Rücken, oh Gott, der Rücken: Wer hatte vorher schon gewusst, dass er so viele schmerzempfindliche Stellen hat? Es soll Leute geben, die plagen sich das ganze Stück hindurch, ohne „wunderbare Momente“. Warum tun die sich das an?

So mancher mag zum Grünen Hügel pilgern, weil Hochkultur, in diesem Falle sogar anerkannte Höchstkultur, Ansehen bringt, weil es laut Bordieu „kulturelles Kapital“ ist: Theatererlebnisse, in Gestalt von Programmzetteln, Eintrittskarten und Begleitheften.

Für Japaner, so steht es in einer neuen Studie zu lesen, ist der Besuch einer Wagner-Oper ein Akt der Rebellion: Der linke Sozialrevolutionär Wagner gilt im streng hierarchischen Japan als subversiv.

Manche, so mutmaßt es der Wagnerkenner Sven Friedrich, kommen aus ganz anderen Gründen. Sie zieht an die „Faszination des Großen, des Mythischen, das Fragwürdige auch, das Prekäre, die Prise Hitler. Und: Wagner ist Ersatzreligion in Zeiten der Säkularisierung.“ Na denn. Man kann aber tatsächlich einfach die Musik schön finden, die Geschichte spannend, den Mythos gültig. Alles zusammen – der beste Grund, Wagner zu erleben. Immer und immer wieder.

Man ist, zusammen mit dem Helden, fertig mit den Nerven. Ach, wie traurig. Ach – wie schön.

Man hat dem Gottesdienst beigewohnt, nun ist es Zeit für den Schlusssegen. Lohengrin ist gescheitert, unendliche Trauer zeichnet ihn. „Im Ausbruch heftigen Schmerzes“ (Regieanweisung Wagners) wendet er sich Elsa zu: „O Elsa! Nur ein Jahr an deiner Seite hatt’ ich als Zeuge deines Glücks ersehnt!“ Ob man der Geschichte bis dahin folgten konnte oder wollte – egal: Das Gefühl des Scheiterns, das Ende einer großen Liebe kennt jeder, der lieben kann. Man ist, zusammen mit dem Helden, fertig mit den Nerven. Ach, wie traurig. Ach – wie schön.

Damit ist es tatsächlich vorbei. Für diesen Abend. Denn eigentlich hat man erst angefangen, und man wird nicht mehr zum Ende damit kommen. Weil man über Sätze wie aus dem „Parsifal“ – zum Raum wird hier die Zeit“ – trefflich diskutieren kann. Sogar – eigene Erfahrung – mit Kernphysikern. Ziemlich sicher aber auch deswegen, weil man Zeuge eines Wunders geworden ist. Damit ist nicht die Überraschung gemeint, dass tatsächlich ein Ritter Lohengrin Elsas Traum Folge leistet. Sondern dass sich das Opernhaus selbst verwandelt hat.Und wir uns mit ihm.

Denn eigentlich ist so ein Haus ja nur Mechanik. Seilzüge und Hebebühnen und Kulissen auf der Bühne, Techniker unsichtbar am Werkeln. Auch die Sänger sind nur Menschen, desgleichen die Musiker im mystischen Abgrund. (Man kann das nachher beim Beifall sehen: Einige der Musiker kommen tatsächlich in kurzen Hosen auf die Bühne).

Irgendwann an diesem Abend ist jedoch die Maschinerie mit der Magie des Hauses verschmolzen. Das Haus ist mehr ist als die Summe seiner Teile. Vielleicht aber nur deswegen, weil die Ratio, der nüchterne Verstand, eine Pause einlegt. Das Haus ist ein Gefühlskraftwerk geworden. Auch dank unser, der Zuschauer.

Doch, doch, es ist schon so, dass auch die Sänger auf der Bühne mitbekommen, wie das Publikum gelaunt ist. Zu einem geglückten Opernabend ist ein wohl gestimmtes Publikum nicht weniger wichtig als gestimmte Instrumente. Und so wird man im guten Falle Teil einer Inszenierung, die einen aus dem Alltag herausgesogen hat. Die einen im besten Falle beglückt.

Man trifft sich hernach, irgendwo in der schönen Bayreuther Innenstadt, das erste Bier prickelt belebend auf dem tauben Gaumen. Erfrischung, endlich, erquickender Trunk! Man hätte das auch früher haben können, hätte gleich in einen Biergarten ziehen können. Das wäre dann ein Abend wie viele gewesen.

Ähnliches könnte man übrigens Leute fragen, die gerade vom Berggipfel herabsteigen: Von unten betrachtet sind Berge doch auch ganz schön, wozu also die Mühe auf sich nehmen? Weil unten Sitzenbleiben Spaß macht, Gehen aber Freude. Das eine lässt einen, wo man schon immer war. Das andere bringt einen ganz woanders hin.

Wagner übrigens liebte Berge. Nach allem, was man nicht wissen, wohl aber erfahren kann – zu Recht.

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