Liedermacherin in Bayreuth Julia Weldon: Schwere und Seifenblasen

Nachdenklichkeit und unerwartete Leichtigkeit: Julia Weldon in Bayreuth. Foto: Andi Weiland/Gesellschaftsbilder

BAYREUTH. Die Bayreuther Dichterin und Journalistin Hilde Marx emigrierte vor 80 Jahren wegen der Nazis in die USA. Ihre Enkelin Julia Weldon (35) kehrte für ein paar Tage in die Heimstadt ihrer Großmutter zurück – und war begeistert. Bayreuth habe sie umgehauen, sagte die New Yorker Liedermacherin.

In Bayreuth hatte Hilde Marx 1931 noch ihr Abitur gemacht, danach begann sie in Berlin ein Studium der Zeitungswissenschaften sowie der Theater- und Kunstgeschichte. Doch nach der so genannten Machtergreifung der Nationalsozialisten spitzte sich die Lage für sie schnell zu. Das gegen Juden gerichtete „Gesetz gegen Überfüllung von deutschen Schulen und Hochschulen“ zwang sie zum Abbruch ihres Studiums. sie arbeitete für Zeitungen, schrieb Gedichte, dazu Texte für jüdische Kabarettisten. 1938 verließ sie Deutschland. Ihre Bücher wurden verboten. Sie ging erst nach Prag, emigrierte wenige Monate später in die USA. Ein Gönner hatte ihr ein Visum besorgt. Ein Bruch in ihrem Leben.

Sie habe sich nie mehr sicher gefühlt. Das sagten ihre Töchter June Kaplan und Aviva Weldon vor zwei Jahren bei einem Besuch in Bayreuth. Einen Teil ihrer Familie ermordeten die Nazis. Dennoch kehrte Hilde Marx nochmals nach Bayreuth zurück, 1967 und 1986. Sie besuchte ihr Elternhaus an der Richard-Wagner-Straße 4. Ihre Eltern hatten dort ein Textilkaufhaus geführt, die Familie lebte im zweiten Stock in einer Wohnung mit zehn Zimmern, umsorgt von Dienstmädchen. Sie erinnerte sich an Bayreuth. Bayreuth aber wollte sich nicht mehr recht an sie erinnern. Für die vertriebene Tochter der Stadt fiel der Empfang kühl aus.

Eine andere Stadt?

Das ist 30 Jahre her, als ein Mensch von damals würde man sich heute in den Straßen der Stadt zurechtfinden und die Stadt doch nicht wiedererkennen. Weil sie von anderen Menschen bewohnt wird, von Menschen mit anderen Erfahrungen. Julia Weldon, Schauspielerin und Songwriterin, kannte die Stadt aus den Erzählungen in ihrer Familie. Ihre Erinnerungen an ihre Großmutter blieben bestenfalls schemenhaft.„Ich kannte meine Großmutter nicht wirklich“, sagte . Sie starb, als ich drei Jahre alt war.“ Gut, dass es von Hilde Marx Fotos gibt. Und so findet sich die Enkelin im Bild der Großmutter wieder: Das Aussehen, meint sie, sei doch ziemlich ähnlich. Nach Bayreuth kam sie jetzt, weil eben Tante und Mutter die Stadt besucht hatten und der Familiengeschichte mit Bayreuth ein neues, helleres Kapitel hinzufügen konnten. Sie hatten Freunde dort gefunden, wo man Hilde Marx die Heimat streitig gemacht hatte.

Geboren in Brooklyn, in Bayreuth auf Spurensuche

Julia Weldon wurde in Brooklyn geboren, wuchs auf in Queens, New York. Mit zwölf begann sie, Gitarre zu spielen, und als sie 15 Jahre alt war, begann sie zu schreiben. „Ich hatte schon immer Songs in meinem Kopf“, sagte sie. „Songs über einen Geist, der in mir wohnt. Ich lebe mit einem Geist. Cool, oder?“

Julia Weldon, "Til the Crying Fades" . via Youtube

Bayreuth muss sie und diesen Geist inspiriert haben. Zwei Wochen lang hielt sich Julia Weldon in Europa auf, allein in Bayreuth habe sie acht Lieder geschrieben, sagt sie zum Abschluss ihrer Reise. Weil es so seltsam war, so befremdend und doch auch so schön. „Dieser ganze Ausflug war auch eine Art Spurensuche. eine Suche nach den Spuren meiner Großmutter.“ Bayreuth habe sie umgehauen, schreibt sie auf ihrem Instagram-Account.

Gastspiel bei "Bayreuth blättert"

Julia Weldon besuchte Wien, gab ein Konzert auch in Bamberg („tolle Stadt, verrückte Nacht“). In der Hauptsache aber hielt sie sich in Bayreuth auf, lauschte den Kirchenglocken, ging über die selben Pflastersteine, über die bereits ihre Großmutter gegangen war. „Sie war hier, und jetzt bin ich hier“, sagte sie. „Ich versuche, sie für mich zum Leben zu erwecken, auf die eine oder andere Art und Weise.“

Es könnte geglückt sein, auf die eine oder andere Weise. Beim Festival „Bayreuth blättert“ war sie dabei, sang bei der Konzertrevue im Iwalewahaus, sich selbst auf Gitarre oder Klavier begleitend: Country, Rock, Balladen, immer berührend, eben wegen ihrer Stimme, die so stark ist und doch brüchig klingen kann. Und vielleicht ist sie in Wahrheit nicht vom Gesicht, nicht vom Talent zum Schreiben her ihrer Großmutter Enkelin, sondern in dieser Mischung. Hilde Marx war, nach allem, was wir wissen, eine Frau, die auf eigenen Füßen stand, die mit 50 im Exil noch kochen lernte und auch nicht verzagte, als sie nicht mehr von ihrer Sprache, ihren Texten leben konnte. Die aber so tief getroffen war, als sie, schon todkrank, von ihrem zweiten Bayreuth-Besuch zurückkehrte.

Atemberaubender Kontrast

Julia Weldon in Bayreuth: eine strahlende, mutige, inspirierende Persönlichkeit. Ihre Lieder sind manchmal traurig, wie regenverhangen. Der Kontrast kann einem den Atem rauben. Etwa vor ein paar Tagen, bei ihrem Konzert in der Sübkültür. Sie sang von „Gravity“, von der Schwere im Herzen, die nichts mit Physik, sondern nur damit zu tun hat, wo man herkommt. Auf einmal stand ein kleines Mädchen vor ihr, pustete Seifenblasen, frei von Schwerkraft schwebten sie durch die Luft vor der Bühne. Schwere und Seifenblasen, an diesem Abend ging das. Fast wäre es zu schön gewesen, um wahr zu sein.

Es war aber so.

 

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