Lernen mit Weltmeister Tango für Spätberufene

Tanz, Verführung, Leidenschaft: Vivian Arenas und Tango-Weltmeister Carlos Pareda. Foto: privat

BAYREUTH. Der Weg zum Tango führt über Buenos Aires. Oder auch über Bayreuth: Dort, in der Zamirhalle, gibt ein echter Weltmeister Unterricht und bringt Gewissheiten ins Wanken. Er ist kein Argentinier, er ist Kolumbianer. Und er interpretiert Tango bei weitem nicht so streng, wie das Klischee es will.

Die Tanzschule, in der Carlo Paredes vortanzt, doziert und führt, heißt „Blanco y Negro“ und nennt sich „Die argentinische Tanzschule“. Das kann man so einfach nicht stehen lassen. Einerseits, weil es schwarz und weiß nicht so wirklich trifft, bei genauerem Hinsehen zumindest: Carlos Paredes und seine Partnerin Vivian lassen beim Tanz Zwischentöne zu. Und: eine argentinische Tanzschule ist „Blanco y Negro“ auch nicht, schon eher eine südamerikanische oder argentinisch-kolumbianische. Denn Paredes ist Kolumbianer.

Der einzige Argentinier in der Zamirhalle heißt Oscar Giménez, schaut zu und gibt Auskünfte. Er hat die Schule gegründet, nach seinem Berufsleben. Warum er das noch unternommen hat: Auch das ist es wert, erzählt zu werden. Denn einerseits liebt Oscar Giménez den Tango, wie es sich für einen Argentinier gehört. Andererseits hat er den Tango nicht gerade mit der Muttermilch eingesogen. Er lernte ihn erst in den 80er Jahren kennen. Und das auch noch in Deutschland, wohin er mit einem Stipendium gekommen war. Man stelle sich einen Oberfranken vor, der erst weit weg von Zuhause, beispielsweise auf dem Qingdao International Beer Festival in China, seine Liebe zum Bier entdeckt. Dann hat man annähernd einen Eindruck davon, welch langen Weg Giménez zum Tango zurücklegen musste.

Kann Tango uncool sein?

„Tango, das war die Musik der Eltern“, sagt er und zuckt mit den Schultern. Was man gut übersetzen kann mit: und wer findet schon die Musik der Eltern cool? Gimenéz spielte also erst einmal in Bands, Gitarre und Bass. Er lernte seine spätere Frau kennen, eine Tschechin. Die beiden spielten mit in einer Theatergruppe. Und irgendwann auch mal in einem Stück, für das es nicht schlecht wäre, wenn die Schauspieler wenigstens so tun könnten, als beherrschten sie so etwas wie Tango. Irgendwann so hat es angefangen, zwei Jahre später war es dann so weit. „Ich war dem Tango verfallen“, sagt Giménez. Er und seine Frau, „wir sind beide Tango-Junkies“.

Das mit dem Export von Leidenschaft ist so eine Sache. In Augsburg, Nürnberg, Würzburg und Regensburg funktioniert es gut, sagt Giménez. In Bayreuth lässt sich’s zögerlicher an, dorthin ist Giménez Tango-Schule erst jüngst gekommen. Die Kurse halten seine Lehrer in der Zamirhalle ab. Zur Zeit tun das Carlos Paredes und Vivian Arenas. Carlos Paredes holte beim großen Finale in Buenos Aires 2006 den Weltmeistertitel, als erster Nicht-Argentinier, wie Giménez erzählt. Tango und Argentinien, das ist wie Wagner und Bayreuth. Aber Wagner gibt es eben mittlerweile auch anderswo, und das in höchster Qualität. Beim Tango scheint sich ähnlich Revolutionäres abzuspielen. Für Giménez gibt es einen weiteren Grund, auf Kolumbianer zu setzen. „Die sind warmherzig und fröhlich, und sie tragen die Nase nicht oben“, sagt der Argentinier Giménez. „Nicht so wie die Argentinier.“

Anzug nur fürs Turnier

Tatsächlich wirkt Carlos Paredes grundentspannt. Er lacht oft, trägt keinen Anzug, sondern eher Schlabberklamotten. Hauptsache bequem. Überhaupt sieht er es nicht gar so eng. Er kommt vom Breakdance, tanzte Salsa und Zuma und anderes und findet offenbar alles auch irgendwie gut. Tango ist dennoch anders – „da finde ich meinen Fluss“. Den unterbricht er ungern. Zwei Paare sind gerade da, eine einzelne Frau. Paredes unterbricht nur selten, erklärt kurz etwas in kehligem Englisch mit etwas Deutsch darin,

Vivian Arenas ist seine aktuelle Tanzpartnerin und sagt, beim Tango verbinde sie etwas „Spezielles“. So etwas wie – Verständnis ohne Worte. Das ist es wohl auch, was Paredes unter „Fluss“ versteht. Dieses Eintauchen von ihm, von ihr, in der Musik, in aller Selbstverständlichkeit. Für ihn ist das keine strenge Angelegenheit von Bewegungsabläufen, kein Drill. Es ist eine Sache das Stands, des Moments, der inneren Mitte. Wenn da alles passt: „Dann kann es magisch werden“, sagt er. Und zeigt mit Vivian, wie das ausschauen kann, mit Fußarbeit, zu schnell, um ihr mit den Augen zu folgen.

Magie und Trick und noch viel mehr

Das mag man als Magie bezeichnen, oder als Trick. Man kann es auch als heilsam ansehen. Eine Dreiviertelstunde lang hat er mit Beate Weiss geübt. Und die sagt: „Der ist so liebenswürdig und entspannt, da entspannt man sich gleich selber. Das ist wie Therapie.“ Man kann Argentinier sein, man muss es aber nicht. Man kann streng dreinblicken, aber auch einfach seinen Spaß haben. Und das offenbar auch ohne das Bewegungstalent eines Weltmeisters. Insofern wäre Tango tatsächlich auch etwas für Spätberufene.

INFO: Anfänger können am 14. Januar, Tango kennenlernen, in einem Einführungskurs. Details hier!

 

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