Landesbischof in Pegnitz Vom tiefen Geist der Liebe

Beim Redaktionsbesuch in Pegnitz: Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm spricht über die radikale Liebe Gottes und sexuellen Missbrauch. Foto: Ralf Münch

PEGNITZ. Am zweiten Tag seines Dekanatsbesuchs in Pegnitz stand Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm unserer Zeitung für ein Interview zur Verfügung. Wir sprachen mit ihm über die Sorgen der Geflüchteten, das Leben im Brigittenheim und Missbrauchsfälle in der evangelischen Kirche.

Herr Bedford-Strohm, Sie haben am Mittwoch in Pegnitz Fußball gespielt. Spüren Sie’s in den Knochen?

Heinrich Bedford-Strohm: Ich merk’s schon in meinem Knie und in meinem Oberschenkel. Aber im angemessenen Rahmen. Es tut gut, sich mal gescheit zu bewegen und dann soll man es auch ein bisschen spüren.

Ist denn das Fußballspielen auch dazu gedacht, um Mission zu betreiben? Es haben ja auch Flüchtlinge mitgespielt.

Bedford-Strohm: Nein. Das Spiel hat einfach Spaß gemacht. Wenn wir Flüchtlinge begleiten, geht es zuallererst um den Menschen. Jesus hat so gelebt, dass er die Menschen als Menschen geliebt hat und nicht mit irgendwelchen Hintergedanken. Wenn ein Mensch beeindruckt davon ist, wie Christen mit ihm umgehen und wenn er sich dann für den christlichen Glauben interessiert, bleiben wir ihm die Auskunft darüber natürlich nicht schuldig. 

Ist Deutschland Missionsgebiet?

Bedford-Strohm: Deutschland ist ganz bestimmt Missionsgebiet, aber nicht in dem Sinn, dass man versucht, jemandem etwas überzustülpen, sondern in dem Sinne, dass die wunderbare Botschaft des Evangeliums es verdient, überall gehört zu werden. 

Sie haben ja auch viele Gespräche mit Geflüchteten geführt. Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen? 

Bedford-Strohm: Ich habe Menschen getroffen, die hier sind, die hochintegriert sind und die gut Deutsch gelernt haben. Es ist wichtig, dass sie endlich verlässlich Möglichkeiten haben, Arbeit aufzunehmen. Oft sind es auch die Arbeitgeber, die ausdrücklich wollen, dass sie bei ihnen arbeiten oder eine Ausbildung machen. Das läuft aber im Moment bundesweit sehr unterschiedlich. Daher ist es dringend nötig, dass man hier zu verlässlichen Standards kommt. Damit nicht immer wieder Menschen, die hier gebraucht werden und arbeiten wollen, nur in den Unterkünften rumsitzen müssen und dann manchmal vielleicht auch auf schlechte Gedanken kommen. Aber nicht das tun können, was jeder wollen muss, nämlich, dass sie arbeiten können. 

Wie geben Sie nun Ihre Anliegen weiter?

Bedford-Strohm: Was die Flüchtlinge betrifft, da bin ich in Gesprächen auch mit dem Bayerischen Innenminister, dem Ministerpräsidenten und auch auf Bundesebene. Da fließen meine Beobachtungen vor Ort durchaus direkt mit ein. Insofern sind solche Dekanatsbesuche ungeheuer wichtig. Dabei reden wir aber auch über Dinge, die die Kirche betreffen. Wie kann ein Pfarrer von Verwaltungsarbeiten entlastet werden? Wie kann gewährleistet werden, dass tolle Projekte, die hier in Pegnitz auch mit landeskirchlicher Unterstützung laufen, weitergehen. 

Welche Begegnung wird Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?

Bedford-Strohm: Die mit einem Flüchtling, der gerne arbeiten möchte, aber an ganz vielen Stellen vor Hürden steht. Viele Menschen sind ja schon lange hier und deren Kinder sprechen ja zum Teil besser Deutsch als ihre Heimatsprache. Die Vorstellung, dass die abgeschoben werden in einen Kontext, der immer noch unsicher ist, ist aus meiner Sicht keine Perspektive, die unserem Land guttut und dem gerecht wird, was wir an Werten haben. 

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um mit muslimisch-gläubigen Geflüchteten über den christlichen Glauben zu sprechen?

Bedford-Strohm: Wir sprechen immer über den christlichen Glauben. Das ist kein Thema, das man besonders behandelt. Wir geben natürlich Auskunft über die Motivation, mit der wir leben und mit der wir die Arbeit tun, die wir tun – mit großem Respekt vor den Biografien anderer Menschen. Wir haben in Bayern viele Muslime, die sich haben taufen lassen. Das wird sehr gründlich vorbereitet. Zum Teil wurden sie zu neuen evangelischen Gemeindegliedern, die sich jetzt schon seit Jahren engagieren. Umso unerträglicher ist es, wenn diese Menschen, etwa Iraner, jetzt auf die Abschiebeliste gesetzt werden. Im Iran sind konvertierte Muslime tatsächlich in Gefahr. Da haben wir uns seit langem dafür eingesetzt, dass wir zu einer anderen Regelung kommen. Und das trägt jetzt Früchte. Der Innenminister hat zugesagt, dass bis zu einer Lösung keine vollendeten Tatsachen geschaffen werden. Ich bin dankbar dafür, dass deswegen derzeit niemand abgeschoben wird. 

Sie waren am Mittwoch auch im Brigittenheim. Was ist Ihr Eindruck?

Bedford-Strohm: Ich bin zutiefst beeindruckt von dieser Einrichtung der Diakonie. Ein Punkt ist die Verknüpfung von Kirchengemeinde und Diakonie. Es finden dort Jugendgottesdienste statt, junge Leute feiern Gottesdienst in einem Altenheim. Auch viele andere Veranstaltungen finden dort statt. Gleichzeitig ist das Brigittenheim verwurzelt im Bewusstsein der Menschen in den Gemeinden. Was mich vor allem beeindruckt hat ist der tiefe Geist der Liebe, den ich dort gespürt habe. Ich glaube, das Brigittenheim ist ein Beispiel für das, was ich mir für die ganze Kirche wünsche: Dass wir ausstrahlen, wovon wir sprechen. Wir sprechen von der radikalen Liebe Jesu Christi. Meine Begegnungen mit den Bewohnerinnen haben mich sehr berührt. Ich hatte den spontanen Impuls, hier würde ich gerne bleiben und mitarbeiten im Brigittenheim.

Welche Themen haben Sie dort noch besprochen?

Bedford-Strohm: Es ging auch um die Frage: Wie kann man Pflegekräfte gewinnen. Es gibt ein Projekt mit Menschen von den Philippinen, wo rund 150 000 gut ausgebildete Pflegekräfte arbeitslos sind. Da gibt es das Bemühen, dass man einige von ihnen hierher holt und begleitet, so dass sie hier arbeiten können. 

Was kann die Kirche tun, damit sich mehr Leute für einen Beruf in der Pflege entscheiden?

Bedford-Strohm: Das Wichtigste sind die Arbeitsatmosphäre und die Arbeitsbedingungen. Das ist die beste Grundlage dafür, dass Menschen dort gerne arbeiten.

Das Thema sexueller Missbrauch wird derzeit wieder verstärkt diskutiert. Wie gehen sie dagegen vor?

Bedford-Strohm: Wir wissen, dass wir noch mehr tun müssen und haben für die evangelische Kirche einen Elf-Punkte-Handlungsplan entwickelt, der nun konsequent umgesetzt werden soll. Wir haben aber auch schon einiges erreicht. Etwa im Gebiet der Prävention: So hat beispielsweise die evangelische Jugend in Bayern seit 2002 mittlerweile 77 junge Menschen für Prävention gegen sexuelle Gewalt ausgebildet. Wir sind an dem Thema seit langem dran. Jetzt geht es darum, aus allem, was wir wissen, zu lernen und alle Fälle so aufzuarbeiten, dass wir sehen: Wo gibt es noch Risikofaktoren? Was können wir tun um zu verhindern, dass so etwas passiert? Es ist in unserem eigenen Interesse, dass solche Dinge wahrgenommen und aufgeklärt werden. Denn es gibt keinen tieferen Widerspruch als wenn in einer Institution, die von der radikalen Liebe Gottes spricht, Menschen Erfahrungen machen, die ihr Leben zerstören. Das ist unerträglich. Deshalb werden wir alles tun, um so etwas zu verhindern. 

 

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