Kuren damals und heute Bad Berneck: Was von Kneipp geblieben ist

BAD BERNECK. Sein „Bad“ im Namen macht Bad Berneck besonders: Als einzige Kommune im Landkreis Bayreuth darf sich Berneck seit 1950 mit diesem Titel schmücken. Vor 90 Jahren wurde dort die erste Kneippanlage gebaut. Die Fichtelgebirgsstadt ist das einzige Kneippheilbad Nordbayerns, wirbt damit auf Tafeln und benannte ihre Schule nach dem Wasserdoktor. Als Kurstadt glänzte Bad Berneck bis in die 80er Jahre – heute ist ihr der Ruhm der Vergangenheit mitunter eine Bürde.

Die Anfänge

Auf Tafeln im Dendrologischen Garten hat Florian Fraaß von der Touristinfo die Kurgeschichte Bernecks aufgeschrieben. Demnach begann die Kurkarriere 1857 mit der Eröffnung der ersten Molkenkuranstalt. Die Molke wurde aus der Milch der zahlreichen Ziegen gewonnen, die an den Hängen des Ölschnitztales weideten. Hauptbestandteile der Kur waren das Trinken von Molke und Kräutersäften sowie spezielle Bäder. Nach Ende der Ziegenzucht rückte die Luftkur in den Vordergrund.

Die Zahl der Kurgäste stieg rasch: Von knapp 800 im Jahr 1875 auf nahezu 3.000 im Jahr 1908. Ein Waldschwimmbad, das 1895 errichtet wurde, der Bau der neuen Kolonnade (1899), ein neues Kurhaus (1909), ein Wandernetz und Brückenbauten über die Ölschnitz waren sichtbarer Ausdruck des Wandels. Den Grundstein für Veränderungen hatte ein Kurgast gelegt: Der Waldsassener Fabrikant Wilhelm Rother war von Berneck so begeistert, dass er im Ruhestand hierher zog und nach seinem Tod der Stadt seinen umfangreichen Nachlass zur Förderung der Kur hinterließ.

Das Kneippbad

Rothers Wunsch, ein Bad nach den Lehren des Pfarrers Sebastian Kneipps aus Bad Wörishofen in Berneck einzurichten, ging erst einige Jahre später in Erfüllung. Wie der frühere Kurier-Reporter Werner Seelbinder im Stadtanzeiger schrieb, wurde 1926 der Bernecker Kneippverein gegründet. Drei Jahre später begann der Bau des Städtischen Kneippbades in der Maintalstraße - mit Gießräumen, Wassertretbecken, Ruheräumen, Wandelhalle und Praxisräumen für den neu eingestellten Kurarzt. Berneck wurde das fränkische Wörishofen, schreibt Chronist Otto Schoerrig. Der Aufschwung der Kurstadt begann.

Die Blütezeit

1928 überschritt die Zahl der registrierten Übernachtungsgäste erstmals die Zahl von 10.000. Der bis heute nicht wieder erreichte Rekord wurde in der Vorkriegssaison 1938/39 mit fast 23.000 Gästen erreicht. In den Bernecker Fremdenverkehrsprospekten der 40er Jahre sei unter anderem damit geworben worden, dass der „Führer“ mehrere Male im Hotel Bube übernachtet und die frische Bernecker Luft genossen habe, berichtet Florian Fraaß.

Nach dem kriegsbedingten Einbruch ging es in den 50er Jahren rasch wieder aufwärts mit dem Fremdenverkehr in Berneck, das 1950 den Titel „Bad“ erhielt. Rasch wurden wieder fünfstellige Gästezahlen erreicht, ein hohe Niveau hielt sich trotz Schwankungen bis in die 80er Jahre. 1955 errichtete Siemens ein eigenes Kurerholungsheim für Beschäftigte und ihre Familien oberhalb des Dendrologischen Gartens mit 90 Betten, Schwimmbad und Tennisplatz. Weil das Kneippbad in den sechziger Jahren aus allen Nähten platzte, errichtete die Stadt 1971 ein neues Kurmittelhaus in der Maintalstraße.

Der Niedergang

Zwei politische Ereignisse markierten die Zeitenwende für den Kurtourismus in Bad Berneck: Mehrere Gesundheitsreformen und Einsparungen der Sozialversicherungen führten dazu, dass es ambulante Kuren, wie sie in Bad Berneck angeboten werden, auf Kassenrezept praktisch nicht mehr gibt. Dr. Ernst-Jürgen Struck, einziger Kurarzt in Bad Berneck, erinnert sich: „Als ich Mitte der 80er Jahre meine Praxis eröffnete, standen jeden Tag 30, 40 Kurpatienten an meiner Tür. Im gesamten vergangenen Jahr waren es noch drei.“ Obwohl Kneipp-Kuren den Menschen sehr gut täten, genehmigten die Krankenkassen heutzutage kaum noch solche Kuren, sagt er. Zweites Ereignis war der Mauerfall 1989. „Vorher kamen sehr viele Gäste aus Berlin zu uns“, sagt Florian Fraaß. Das habe sich geändert.

Der Wandel

Fremdenverkehr gibt es in Bad Berneck immer noch, aber keinen mehr auf Kurrezept. Die Übernachtungskapazitäten sind auf rund 320 Betten geschrumpft. 2017 registrierte die Touristinfo 7.800 Urlauber und 21.000 Übernachtungen in Bad Berneck. Heute seien die goldenen Zeiten von früher mitunter eine Hypothek, sagt Florian Fraaß - und das nicht nur wegen der Ruine des 2005 geschlossenen Siemensheims. „Anstatt sich Gedanken zu machen, wie es unter den veränderten Bedingungen bei uns vorwärtsgehen kann, vergleichen viele den Tourismus heute mit den Boomzeiten von früher.“ Andere sähen durchaus, dass in Bad Berneck einiges vorwärtsgehe und der Kurpark nach wie vor ein Schmuckstück sei.

Sein Kollege Gerald Jung nennt die alte Kur auf Rezept „ein Auslaufmodell“. Was aber Zukunft habe, sei der Gesundheitstourismus, und hier habe Bad Berneck als Wanderregion und Kneippbad im Fichtelgebirge mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten in der Umgebung sehr viel zu bieten. Dazu müsse man der Stadt allerdings erlauben, mehr Geld in die Hand zu nehmen. Investitionen in den Tourismus seien für einen Ort wie Bad Berneck, der nichts anders habe, eine Pflichtaufgabe, sagt Jung an die Adresse des Landratsamts.

Kneipp heute

Nachdem die Stadt als Konsolidierungsgemeinde immer weniger in der Lage war, das  Kurmittelhaus zu finanzieren, verkaufte sie es 2010 an Johanna Enache-Wigger und ihren Mann Radu Enache. „Das war damals im Alter von 53 Jahren für mich ein Wagnis“, sagt die gebürtige Berneckerin, die 25 Jahre in Bad Kissingen als medizinische und Kneippbademeisterin und Masseurin gearbeitet hatte. Ihr Mann ist Diplomsportlehrer und Physiotherapeut. Zug um Zug hätten sie das Gebäude saniert und umgebaut, heute beschäftigen sie neun Mitarbeiter, berichtet sie. Wirtschaftliches Standbein sei die Physiotherapie für einheimische Kunden, dazu hat das Paar ein medizinisches Fitnessstudio eingerichtet und bietet Fastenkuren und Kneippwochen an.

„Das kommt gut an, dafür haben wir 30 bis 40 Kunden im Jahr, alles Selbstzahler und viele Stammgäste“, sagt Enache-Wigger. Ist Kneipp in Zeiten von Wellness und fernöstlicher Medizin noch ein Modell mit Zukunft? „Auf jeden Fall, denn es ist die bessere Alternative“, sagt Enache-Wigger, die mit 63 Jahren noch nicht ans Aufhören denkt. Eine Nachfolgeregelung hat sie schon im Auge. Dann kann es weitergehen mit Kneipp in Bad Berneck.

Weniger ambulante Kuren

Die Zahl der ambulanten Kuren ist in ganz Deutschland seit Jahren stark rückläufig. Nach Angaben des Bayerischen Heilbäderverbandes sank die Zahl ambulanter Vorsorgeleistungen von knapp 230.000 im Jahr 2000 auf rund 46.000 im Jahr 2015.  Rund 80 Prozent Rückgang gab es in diesem Zeitraum auch in Bayern: von 101.000 Fällen auf knapp 20.000 Fälle. Der Bayerische Heilbäderverband führt dies vor allem auf einen „drastischen Sparkurs“ der Krankenkassen zurück und fordert von der Staatsregierung eine stärkere finanzielle Förderung der Kur- und Heilbäder, konkret: eine Anhebung der Investitionspauschale um fünf Millionen Euro, teilte Verbandsvorsitzender Klaus Holetschek mit, der auch gleichzeitig CSU-Landtagsabgeordneter aus Memmingen ist. Heilbäder und Kurorte seien mit einer Bruttowertschöpfung von 4,5 Milliarden Euro und 100.000 Arbeitsplätzen im ländlichen Raum ein starker Pfeiler des Tourismus und der Gesundheitswirtschaft, wird Holetschek in einer Mitteilung zitiert.

 

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