Kulmbacher Erfindung Schlothexe trotzt allen Regenwolken

KULMBACH. Die Kulmbacher sind beim Bier seit jeher erfinderisch. Die drehbare Darrhaube, die gläserne Brauerei und neue Geschmackseindrücke stammen aus der heimlichen Hauptstadt.

Martin Ständner ist geübt darin, die Besuchergruppen zum Staunen zu bringen. Wer Zweifel hat, dass Kulmbach die heimliche Hauptstadt des Bieres ist, darf sich vom Fachmann im Bayerischen Brauereimuseum im Mönchshof gern eines Besseren belehren lassen.

Zwar ist der Oberfranke von Natur aus bescheiden. Dass eine ganze Reihe von Errungenschaften rund um das Bierbrauen aus Kulmbach stammt, lässt sich aber schwer verleugnen. Nur eines der vielen Beispiele ist die drehbare Darrhaube, im Volksmund liebevoll "Schlothexe" genannt.

"Die charakteristischen Darrhauben waren früher das Wahrzeichen jeder Mälzerei", sagt Martin Ständner im Gespräch mit dem Kurier. Die Kulmbacher Schlosserei Dörnhöfer hat sich das damals neue System zur Malztrocknung um das Jahr 1900 herum patentieren lassen. Der Clou: Der mechanische Aufsatz auf dem Kamin dreht sich wie ein Wetterhahn immer auf die vom Wind abgewandte Seite. Damit verhindert die Schlothexe, dass Regenwasser durch die Öffnung bis zum darunter liegenden Darrboden dringen kann.

"Wind und Regenwolken ziehen einfach darüber hinweg", sagt der Gästeführer. Die Darrhaube bietet nicht nur Schutz, sondern lässt gleichzeitig den Dampf aus der Mälzerei entweichen.

Von neuerer Technik verdrängt

Weltweit haben Mälzereien die Kulmbacher Schlothexen eingesetzt. In den 50er-Jahren wurden sie dann nach und nach von neuerer Technik verdrängt.

Kulmbach ist sich der Tradition seiner Darrhauben bewusst. Am Grünzug hinter der Dr.-Stammberger-Halle steht ein Industriedenkmal. Es zeigt allen Betrachtern die Kulmbacher Erfindung ganz aus der Nähe.

Patentiert ist nicht nur die Darrhaube, sondern auch das gläserne Brauhaus im Museum. An den durchsichtigen Kesseln und Bottichen lassen sich die handwerklichen Produktionsprozesse genau verfolgen. Die Kulmbacher Lehr- und Versuchsbrauerei im Museum ist als weltweiter Prototyp im Jahr 2001 fertig gestellt worden.

In Kulmbach wurde rund um das Bier schon immer viel getüftelt. Sogar schon in der Hallstattzeit in den Jahren 800 bis 600 vor Christus. Ein paar Kilometer außerhalb Kulmbachs, in der Nähe von Kasendorf, hat 1935 der damalige Stadtschulrat Max Hundt eine sensationelle Entdeckung gemacht. Im Pfarrholz stieß er bei archäologischen Untersuchungen eines Hügelgrabes auf eine Amphore.

Bierbrot als Grundsubstanz

Wie sich herausstellte, diente das Gefäß in der Hallstattzeit der Aufbewahrung von Bier. Denn in der Amphore fanden sich Reste von sogenanntem Bierbrot und von Eichenblättern. Sauerteig aus Getreide ließ sich gut vergären. Die Menschen nutzten dieses Bierbrot früher als Grundsubstanz zur Bierherstellung. Und die Eichenblätter waren vor der Entdeckung des Hopfens die Zutat, um das Bier haltbarer zu machen.

Zwar gelten immer noch die Sumerer und Babylonier in Mesopotamien als die Erfinder des Bieres. Aber in Mitteleuropa waren offenbar die Oberfranken die Ersten. Die Kasendorfer Amphore ist nach Auskunft des Bayerischen Brauereimuseums der älteste Hinweis für das Bierbrauen auf deutschem Boden.

Ganz in der Nähe des Amphoren-Fundortes, in Berndorf bei Thurnau, ist 1842 Carl von Linde zur Welt gekommen. Eine frühere Episode unserer Serie hat sich dem Kältetechnik-Pionier bereits gewidmet. Linde hat mit seiner Eismaschine den Produktionsprozess revolutioniert und deshalb einen Ehrenplatz im Kulmbacher Brauereimuseum erhalten.

In der Tradition der großen und kleinen Kulmbacher Erfindungen arbeitet aktuell auch Sebastian Hacker an seinen Ideen. Der Diplombraumeister der gläsernen Lehr- und Versuchsbrauerei entwickelt zur Freude der Biertrinker immer neue Geschmackserlebnisse nach dem Reinheitsgebot. Dabei bedient er sich nur der vier Grundrohstoffe Wasser, Malz, Hopfen und Hefe.

Rotes Spezialmalz

Hacker hat ein eigenes Stout nach britisch-irischem Vorbild gebraut. Demnächst folgt ein Bock mit Whiskey-Malz, verrät er. Die "Rote Hilde" ist ebenfalls eine von Hackers Kreationen. Es ist ein Bier nach klassischer Pilsner Brauart. "Es ist zigfach gehopft und mit ausgeprägter Bittere", erklärt der Braumeister. Und trotzdem lässt es sich angenehm trinken, weil das rote Spezialmalz eine Harmonie erzeugt.

Das bestätigt Helga Metzel, die Geschäftsführerin der Museen im Kulmbacher Mönchshof und Biersommeliere. „Alle Bierinteressierten haben bei uns viel zu probieren. Denn wir haben uns dem Erhalt und der Pflege der Bierkultur verschrieben.“

Und manchmal kommt den Brauern auch ein Zufall zu Hilfe. Ein Geselle soll einst in einer Kulmbacher Brauerei auf diese Weise den Eisbock erfunden haben. Er hat im Winter nachts die Bierfässer draußen stehen lassen, sagt die Legende. Am kommenden Morgen hatte er die Bescherung: geborstene Fässer und gefrorenes Bier.

Als der erste Ärger verflogen war, erkannten die Brauer, dass sich mitten im Eis ein Bierkonzentrat gebildet hatte. Schwer und süffig war das Gebräu. Und bis heute schmeckt der Eisbock noch genauso.

 

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