Kulmbacher Auswanderer Eine Ode an Saskatchewan

KULMBACH/SASKATOON. 2019 jährt sich Konrad Haderleins größte Entscheidung zum 60. Mal. Der Kulmbacher wanderte 1959 nach Kanada aus und startete dort eine beachtliche Karriere. Er war zwar weniger ein Erfinder in dem klassischen Sinne, denn er hat nicht etwa ein neues technisches Produkt hervorgebracht. Doch er war ein Meister der Erzähltechnik. Mit seiner Kreativität hat er in den Weiten des Westens, in der Prärie von Saskatchewan, etwas erschaffen, das dort bis heute nachhallt. Zahlreiche Gedichte gehören zu Haderleins Werk. Außerdem musste sich der Literaturprofessor und Poet in seinem Leben immer wieder selbst neu erfinden.

Haderlein suchte einen innovativen Weg, seine große Liebe für die neue Heimat auszudrücken. Er wählte die Sprache und verfasste Liebeserklärungen in Reimform. Ein Gedichtband mit dem deutschen Titel "Saskatchewan klingt gut" erschien 1986. Band zwei seiner Gedichte aus der Prärie folgte 1990. Der Poet wählt lebendige Bilder, um die herrliche Landschaft zu beschreiben, in die es ihn einst verschlagen hatte.

Im Alter von 27 Jahren kehrte er seiner Kulmbacher Heimat den Rücken. Die große weite Welt bot ihm offenbar mehr als es Oberfranken konnte. Dort sollte er eigentlich Brauer werden. Als er das Markgraf-Georg-Friedrich-Gymnasium verließ, zog es ihn jedoch nicht an den Gärbottich, sondern zu den Geisteswissenschaften.

Horizonterweiterung

Konrad Haderlein studierte in Erlangen Philosophie und promovierte anschließend dort. Es war ihm wichtig, seinen Horizont zu erweitern. Nicht nur geistig, sondern offenbar auch hinsichtlich der Landschaft.

"Nirgendwo sonst scheinen das Wasser blauer, der Sonnenuntergang intensiver, der Horizont weiter und der Himmel unendlicher als hier", schreibt die Tourismusbehörde von Saskatchewan heute ganz im Sinne Haderleins. "Über 100.000 Seen und zahlreiche tosende Flüsse, riesige Waldflächen im Norden und farbenprächtige Hochebenen mit hügeligen Graslandschaften im Süden der Provinz bieten eine phantastische Kulisse."

Als armer Einwanderer schlug sich Haderlein zuerst mit Gelegenheitsjobs durch, ehe er an die akademische Karriere anknüpfte. Er brachte sich selbst Englisch bei, lernte zahlreiche weitere Sprachen und lehrte Deutsch. An der Universität Saskatchewan wurde er Professor der vergleichenden Literaturwissenschaft und war dort von 1964 bis 1999 tätig. Sein Schwerpunkt waren mittelalterliche Texte. Mit Frau und Sohn lebte er zunächst in der Stadt Saskatoon.

In der Einsamkeit auf seinem Landsitz, den er 1980 gekauft hat, verfasste Konrad Haderlein dann das Werk "Saskatchewan klingt gut", eine Ode an die neue Heimat. Im Vorwort des Gedichtbandes schreibt Armin Arnold: "Wenn einmal ein gewisses Maß an politischer Hoffnungslosigkeit erreicht ist, bleibt als Ausweg nur eines: sich distanzieren. Haderlein kehrte der Stadt und dem, für was sie stand, den Rücken und begab sich in den großen Raum der Prärie. Eines machte ihm dort niemand streitig: Zeit und Milieu für seine Sprache. Auf der Weite des scheinbar grenzenlosen Grasmeers nimmt vieles andere Proportionen an; vor den leeren, einsamen Flächen schrumpft auch das Böse, wird klein und grotesk. Vor dem schrankenlosen Horizont beginnt man in größeren Zeiteinheiten zu denken - das Augenblickliche verliert an Bedeutung. Ein Blick in die Zukunft bleibt auch hier alles andere als tröstlich, aber Ärger und Empörung über die Gegenwart wandeln sich zu Ironie, Skepsis, Einsicht."

Stilistische Grundhaltung geändert

Von 1959 an habe Haderlein seine stilistische Grundhaltung nach und nach geändert, schreibt Armin Arnold. Erst sei seine Sprache noch choralhaft, getragen, habe oft weihevollen, fast sakralen Klang. Haderlein sei zu intelligent und zu intellektuell für eine unbeschwert gefühlsgeladene Lyrik. Er amüsiere sich über seine eigenen Gefühle und Gesten schon in dem Augenblick, in dem er sie in Worte fassen will. "So wird, besonders gegen Ende der Gedichte, durch Ironie verfremdet, oft laut gespottet, oft nur diskret geschmunzelt."

Der Stil werde lockerer, aber das Sozialkritische nehme mehr Platz ein, heißt es im Vorwort. "Von seinem Standort auf der Prärie aus verfolgt er mit Besorgnis den wuchernden Krebs der Betonstädte, der Autobahnen, der gigantischen Hühner- und Schweinsfabriken um sich herum."

Mit souveräner Beherrschung der Sprache und ihrer feinsten Nuancen sei Konrad Haderlein ein Dichter mit seiner eigenen Form, seiner eigenen Thematik und auf seinem eigenen, einzigartigen Platz.

Er trug gern Cowboyhut und hatte einen dichten weißen Vollbart. Haderlein war bekannt. Nicht nur als Professor und Poet, sondern auch als Bienenzüchter. Als einer der erfahrensten Imker in Kanadas Westen verkaufte er den selbst geernteten Honig regelmäßig auf dem Bauernmarkt von Saskatoon, schreibt die Zeitung The Globe and Mail.

Seiner alten Heimat Kulmbach hat er in den 70er Jahren noch einen Besuch abgestattet. Doch bald kehrte er wieder nach Saskatchewan zurück. Denn dort hatte er sich und sein Leben ganz neu erfunden. Konrad Haderlein starb 2012 im Alter von 80 Jahren an einem Schlaganfall.

Ironie war sein beliebtes Stilmittel. Passend dazu hat er wenige Jahre vor seinem Tod ein Gedicht verfasst:

Death - To the Poet

(Tod - An den Dichter)

look at you scribbling in your hovel

(schau dich an, wie du in deiner Bude kritzelst)

instead of scraping with your shovel

(anstatt mit der deiner Schaufel zu kratzen)

i’m on my way with dirge and hearses

(ich bin auf dem Weg mit Grabgesang und Leichenwagen)

one puny stroke and no more verses.

(ein mickriger Schlag und keine Verse mehr.)

 

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