Kränzle-Interview Koskys Meistersinger "eine der erfüllendsten Arbeiten"

„Es ist in jedem Fall Musik, die niemanden verschrecken wird.“ Johannes Martin Kränzle über seine Vertonungen von Brechts Liebeslyrik. Foto: Andreas Harbach

BAYREUTH. Als Beckmesser verkörpert er eine der wichtigsten Rollen in der „Meistersinger“-Produktion im Festspielhaus. Auch im zweiten Jahr der Inszenierung wurde Johannes Martin Kränzle für seine gesangliche und darstellerische Interpretation gefeiert. Im Kurier-Interview spricht er übers Singen, Schauspielen und Komponieren.

Herr Kränzle, Sie wurden sowohl im Festspielhaus als Beckmesser in den „Meistersingern“ gefeiert als auch nach Ihrem Liederabend im vergangenen Jahr in Haus Wahnfried. Was bedeutet Ihnen mehr?

Johannes Martin Kränzle: Natürlich sind in Bayreuth die Festspiele eine größere Nummer als die Wahnfried-Konzerte, wobei mir das Lied immer wichtig ist. Es ist nur so: Man kann heutzutage als Liedsänger schwer überleben. Eigentlich ist die stabile Einkommensversorgung für einen Sänger die Oper – wenn man dafür die Voraussetzungen hat. Für mich ist beides gleichwertig. Ich würde sagen, dass ich zu 75 Prozent Oper singe, die anderen 25 Prozent aber eisern verteidige, um auch immer wieder Liederabende und Oratorienkonzerte zu machen.

Was reizt Sie am Liedgesang?

Kränzle: Ich versuche regelmäßig, neue Programme zu machen – was ja ein Riesenaufwand ist, denn ich singe die Lieder eines 70- bis 80-Minuten-Soloabends auswendig. Viele Sänger benutzen dabei Noten, aber ich finde, dass diese Unmittelbarkeit viel besser zustande kommt, wenn man auswendig singt.

Unser Rezensent schrieb damals über Ihr Wahnfried-Konzert, dass das kein klassischer Liederabend war, sondern „ein dramaturgisch stimmiges – und das Auditorium sichtlich bewegendes – Musiktheater“.

Kränzle: Ich denke, dass ich das alles auch durchlebe. Es waren teilweise balladeske Lieder dabei, wie etwa die Mahler-Lieder, die so manchen Opernszenen nicht unähnlich sind. Etwa, wenn der Tambourgeselle vor der Hinrichtung steht. Ich versuche aber, keine Schau zu machen, sondern, dass das Gesicht oder der Ausdruck so lebendig ist, dass es dadurch eine Dreidimensionalität bekommt.

Es scheint bei Ihnen das reine Singen vom körperlichen Darstellen nicht zu trennen zu sein.

Kränzle: Ja. Das ist für mich schon eins. Die Musik enthält ja jede Menge Informationen von Gefühlen und Inhalten. Würde man das abkoppeln und nur schöne Töne singen, wäre das für mich eine langweilige Kunst. Das heißt aber auch nicht, deswegen eine Bühnenshow machen zu sollen, die Gestik muss von innen entstehen.

Wenn Sie etwa – wie in den „Meistersingern“ – demütigende Situationen darstellen, lassen Sie da den Zuschauer gleichsam in Ihre Seele blicken oder ist das professionelle Schauspielkunst?

Kränzle: So ganz trennen kann man das nicht. Es ist einfach falsch, ständig seine eigenen Gefühle zur Schau zu stellen. Andererseits wird man es auch nicht trennen können, eigene Erfahrungen in die Rollen einfließen zu lassen. Insofern ist es eine Mischung, wobei es natürlich unter dem professionellen Gesichtspunkt immer wieder herstellbar sein sollte. Das ist dann die Schauspielkunst: dass man es in dem Moment so hinkriegt, wie man es in der letzten Probe hinbekommen hat.

Sie sind ja auch ein begeisterter Theaterbesucher. Was haben Sie sich von den Kollegen vom Schauspiel abgeschaut?

Kränzle: Vielleicht eine Frechheit, die in der Opernszene nicht so da ist, wie man mit Text umgehen kann, wie man mit Zeit umgehen kann. Das kann der Opernsänger natürlich nicht. Eine der tollsten Sachen, die ich letztens gesehen habe, ist das „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ von Gogol als Monolog mit Samuel Finzi.

Wie war es in den Proben mit Barrie Kosky? Musste er viel erklären oder haben Sie es so gemacht, wie Sie es aus früheren Inszenierungen kannten?

Kränzle: Das war ein Geben und Nehmen. Ich konnte sehr viel selber erfinden. Manches haben wir dann auch wieder umgeschmissen. Ich habe versucht, seine Ideen umzusetzen. Manche Szenen mussten neu erfunden werden, weil technische Probleme auftauchten. Etwa, weil Kinder, die noch keine 18 Jahre alt sind, auf keiner Hebebühne fahren dürfen. Da hätte man eine erwachsene Person mitfahren lassen müssen. Aber das macht keinen Sinn. Somit musste diese Szene in der „Schusterstube“ wieder umgebaut werden. Durch diese Umstände haben wir dann wieder Neues erfunden. Diese „Meistersinger“-Inszenierung war eine der erfüllendsten Arbeiten für mich.

Muss man während einer so langen Aufführung wie die der „Meistersinger“ auch mal improvisieren?

Kränzle: Im Kleinen schon, aber in diesem Fall ist das so genau gearbeitet, dass es in jeder Aufführung ähnlich ist. Es ist keine aleatorische Inszenierung. Es gibt ja Regisseure, die sagen: Egal, wie es aussieht – wenn ihr es inhaltlich denkt, dann reicht es mir. In den „Meistersingern“ hier ist alles sehr kleinteilig und präzise gebaut. Es ist klar, wann was stattfindet. Für so ein wuseliges und personenreiches Stück ist es besser, wenn man einen guten Plan hat. Wenn man da zu viel Aleatorik walten lässt, gibt es Chaos.

Sie werden dieses Jahr, und zwar an diesem Dienstag, auch wieder bei einem Konzert in Haus Wahnfried dabei sein, allerdings nicht als Sänger.

Kränzle: Diesmal bin ich als Komponist dabei. Ich habe im Jahr 2016 nach längerer Abstinenz wieder komponiert. Als gebürtiger Augsburger waren mir die Liebesgedichte von Bertolt Brecht vertraut – ganz zarte Lyrik, die man von Brecht gar nicht so vermutet. Ich habe festgestellt, dass diese Gedichte nicht oft vertont wurden, und wenn, dann ging das ein bisschen in die politische Richtung im Stil von Dessau und Eisler. Ich wollte eine lyrische, einfach zugängliche Musik schreiben. Das sind jetzt zehn Gedichte in schlichter Liedform. Ich hatte die Chance, dass das mit Mitgliedern des Frankfurter Museumsorchesters uraufgeführt werden konnte, in der Fassung für Streichorchester. Die Uraufführung hat meine Frau Lena Haselmann gesungen. Sie wird die Lieder auch in Wahnfried singen. Ich habe inzwischen auch eine reduzierte Fassung für Streichquartett und Gesang gemacht. Davon gab es jetzt schon acht Aufführungen.

Haben Sie tonal komponiert?

Kränzle: Im weitesten Sinne. Es hat ein bisschen eine Jazzharmonik und -rhythmik. Teilweise haben die Akkorde auch große Reibungen, was aber bei den Streichern gar nicht scharf klingt. Es ist in jedem Fall Musik, die niemanden verschrecken wird.

Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?

Kränzle: In London werde ich den Alberich singen. Dort wird der „Ring“ bis November viermal komplett gemacht. Es kommen noch ein paar slawische Rollen, zum Beispiel eine Partie in „Jolanta“ und „Boris Godunow“ hinzu. Ich hätte auch große Lust auf neue Rollen, aber oft wird man für dieselben Sachen angefragt. Wenn ein Beckmesser oder Alberich gut läuft, werde ich ständig dafür angefragt. Da muss ich gucken, dass ich stets etwas dazwischenstreue. Ich habe wieder den Eisenstein in München vor mir. Ich freue mich sehr, dass das etwas ganz anderes ist, was der Flexibilität meiner Stimme sehr guttut.


Info: Beim Konzert in Haus Wahnfried am Dienstag, 7. August, um 19.30 Uhr stehen neben den Liedern um Liebe von Johannes Martin Kränzle auch Werke von Mozart und Brahms auf dem Programm.

 

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