Kommentar Vorstoß von Volvo: Tempo 180, das reicht

Symbolfoto: Uli Deck/dpa

KOMMENTAR. Die Autobahn leer, das Wetter schön, die Sicht gut, die Fahrbahn trocken, das Auto mit den gängigen digitalen Helferlein ziemlich sicher: Ist man da mit Tempo 180 zu langsam unterwegs? Natürlich nicht. Mit Tempo 180 geht es sehr viel flotter von A nach B, als die Navigationssysteme es errechnen. Wer 180 fährt, er-fährt vielleicht nicht täglich, aber doch mit einiger Regelmäßigkeit, dass es trotz aller Voraussicht zu gefährlichen Situationen kommen kann, weil die Geschwindigkeit des von hinten Nahenden unterschätzt wird, weil manche erst nach links ziehen und dann in den Spiegel schauen. Tempo 180: Das reicht schon.

Man muss den Hut ziehen vor einem Autohersteller wie Volvo, wenn dieser nicht nur ankündigt, demnächst alle seine Modelle mit Elektroantrieb anzubieten, sondern alle seine Autos bei 180 Kilometern pro Stunde abzuregeln, um dem selbst gesteckten Ziel näher zu kommen, dass kein Mensch mehr in einem Volvo ums Leben kommen soll. Volvo, die Marke, die in Jahrzehnten ihr Sicherheitsimage sehr sorgsam aufgebaut hat und bis heute pflegt, handelt da sehr konsequent – aber auch mutig. Denn die Schweden – die längst in chinesischer Investorenhand sind – bauen sogenannte Premiumfahrzeuge mit leistungsstarken Motoren und entsprechend hohen Fahrleistungen, zumeist jenseits der Marke 200.

Weniger Tempo macht Elektrofahrzeuge attraktiver

Und doch ist Volvo, streng genommen, gar nicht Vorreiter der Vernunft im Straßenverkehr: Schon in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatten sich die Oberklassen-Hersteller mit Blick auf die immer kraftvolleren Motoren ihrer Gefährte freiwillig selbst verpflichtet. Bei 250 war und ist Schluss; nur Porsche unterschrieb seinerzeit die Selbstbeschränkung nicht. Insofern ist der Vorstoß Volvos nur die konsequente Weiterentwicklung des Gedankens von damals: mehr Sicherheit durch weniger Geschwindigkeit. Das Vorpreschen der Schweden hat dabei auch ganz handfeste ökonomische Gründe: Es spart schlicht Geld in Entwicklung und Produktion, wenn Fahrzeuge nicht auf Tempo 250 plus X ausgelegt sein müssen.

Dazu tritt, dass Volvo stark auf Elektromobilität setzt. Die funktioniert angesichts noch immer begrenzter und vor allem sehr teurer Akku-Kapazitäten aber am besten bei Geschwindigkeiten weit diesseits der 200. Da punkten Elektroautos mit im Vergleich zu den Verbrennern beeindruckenden Fahrleistungen. Es ist die Angleichung der Spitzengeschwindigkeit gewiss auch ein Baustein zur Attraktivität der Stromer.

Volvos Bremsmanöver ohnehin nur in Deutschland zu spüren

Es tut sich etwas auf dem Automarkt – und sogar bei den häufig als unbeweglich gescholtenen Riesen. Die Daimler-Tochter Smart etwa wird ab dem kommenden Jahr nur noch ausschließlich elektrisch angetriebene Kleinwagen anbieten – auch das ein Wagnis, nicht zuletzt angesichts der stolzen Preise, die der Hersteller aufruft: Schlappe 10.000 Euro Aufpreis kann sich nun wirklich nicht jeder leisten. Nicht auszuschließen, dass die Kleinwagen-Marke sich mit diesem scharfen Schwenk aus dem Markt katapultiert. Und doch ist es richtig, in überschaubaren Nischen auch einmal hohes Risiko zu gehen.

Volvos Bremsmanöver ist nur in Deutschland zu spüren, weil es auf allen anderen Märkten der Schweden Tempolimits gibt. Und Daimler wäre auch ohne Smart ein mächtiger Konzern – bliebe das aber ganz sicher nicht ohne überzeugende saubere Antriebe und alternative Mobilitätskonzepte.

 

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