Kommentar Verwirrspiel um Ämter von Horst Seehofer

Horst Seehofer bei einem Wahlkampfauftritt in Bayreuth. Archivfoto: Andreas Harbach

Auf „Merkels Männerfriedhof“ mag er auf gar keinen Fall politisch enden, deshalb zockt Horst Seehofer weiter – und badet sein Publikum mal heiß und dann wieder kalt. Als Parteichef will er abtreten, sickert am Sonntag aus engster CSU-Runde durch. Somit würde er es Angela Merkel gleichtun – aber bitte erst nach ihr. Doch darauf folgt sogleich die neue, allgemeine Seehofer’sche Verunsicherung.

BERLIN/MÜNCHEN.

Am Amt des Bundesinnenministers hält er nun doch fest, kommt am Montag die Ernüchterung für alle, die schon mit ihm abgeschlossen hatten, war doch am Vorabend den Medien zu entnehmen, Seehofer werde ohne den Parteivorsitz auch nicht mehr lange Innenminister sein.

Seehofer verspielt Verdienste aus der Vergangenheit

Einem bockigen Buben gleich, wechselt er über Nacht seine Signale. Dabei verspielt er die Verdienste, die er sich in der Vergangenheit erworben hat. Wer holt die CSU aus der Verzweiflung der Nach-Stoiber-Ära und erkämpft noch einmal die absolute Mehrheit? Das gelingt Horst Seehofer in seiner Glanzzeit.

Er glaubt allerdings, nur bestehen zu können, indem er sein Sinnen und Handeln unvorhersehbar macht. Niemand soll ihn packen können. Sein unergründliches Lächeln interpretieren seine Gegner als diabolisch und seine Anhänger, deren Zahl stark abgenommen hat, als raffiniert.

Seehofer grätscht der CSU in den Europwahlkampf

Der Mann, der an so vielen politischen Roulette-Tischen gesessen hat, scheint ein unheilbar Spielsüchtiger zu sein, wenn es um Macht und Einfluss geht. Seiner Ankündigung, jetzt den harten Schnitt zu machen und sich zurückzuziehen, folgt stets die Kehrtwende, das Beharren in den errungenen Ämtern.

Schon schien der Weg frei zu einem glatten Start in den Europa-Wahlkampf, mit frisch aufgestellter Phalanx der CSU, da grätscht Seehofer dazwischen. Es war so schön gedacht: Alle Macht dem Markus Söder, und auf der europäischen Bühne soll es der brave, fleißige, aber unauffällige Manfred Weber richten, der zu keiner Stunde mit nervenaufreibenden Überrumpelungen à la Horst Seehofer aus der Reihe tanzt. Damit wäre das Regieren doch so bequem gewesen, in Berlin und in München – und so langweilig, so ohne Gewitztheit.

Der CSU fehlt die Lockerheit

Ja, der Ministerpräsident aus Franken und die wackere CSU-Landesgruppe in Berlin möchten sich unerschrocken ins Zeug legen und hart angreifen, mit vollem Ernst. Doch Politik muss heutzutage einen erheblichen Unterhaltungswert haben. Dafür mangelt es der CSU-Truppe aber an Talent; es fehlen ihr überzeugendes Geschick und Lockerheit.

Die Politikerinnen und Politiker, die den 69-jährigen Seehofer loswerden möchten, müssen sich allerdings fragen lassen, wie viel Seehofer – also Machttrieb und Karrierelust – in ihnen selber steckt. Nur ja nicht zu spät kommen, wenn die neue Ära anbricht, dann ohne Merkel und ohne Seehofer. Insofern hat der Noch-CSU-Chef und Noch-Bundesinnenminister alle mit den Hufen Scharrenden entlarvt und ihnen noch einmal einen Strich durch die Rechnung gemacht, gleichzeitig aber deren Wut gesteigert. Bei Seehofers Art von Humor kann davon ausgegangen werden, dass er die Situation tierisch genießt.

Theater passt nicht in die Zeit

Der Bürger empfindet darüber jedoch keinerlei Freude. Noch mal eine wochenlange Hängepartie mag sich niemand ausmalen. Das Theater, das seinen Zauber verloren hat, passt nicht in diese Zeit, deren Unwägbarkeiten die ganze Aufmerksamkeit der politisch Verantwortlichen erfordern.

 

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