Kleiner Stinker, große Liebe

60 Jahre Trabi

Für Tony Schindhelm ist ein Trabant nicht nur irgendein Oldtimer. „Ein Trabant ist ein Familienmitglied“, sagt der 32-Jährige Hobbyschrauber, der zwei Trabi in seiner Garage bei Bischofsgrün stehen hat. Museumsstücke? Nein, Alltagsfahrzeuge. Zum Einkaufen, zum Arzt oder in der Urlaub - der Trabi bringt Schindhelm und seine Familie überall hin, und das obwohl die Rennpappe schon knapp 50 Jahre alt ist. Doch Schindhelm ist nicht der einzige Fan der Ost-Flitzer in Bayreuth.

„Kleiner Stinker“ wurde der Trabant früher genannt. „Das kommt vom Zweitakt-Motor“, erklärt Schindhelm. Das duftet, als würde man hinter einem Mofa herfahren. Und es qualmt blau. „Aber als Trabi-Fahrer riecht man das gern.“ Ein guter Geruchssinn und ein gutes Gehör sind bei diesem Auto generell nützlich, denn so erkennt der Fahrer kleine Wehwehchen. Die beseitigt Schindhelm indes selbst, obwohl er keine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker hat. Etwas handwerkliches Talent genügt.

Wert um das Zehnfache gestiegen

Angefangen hat alles in Sonneberg, Schindhelms Heimatstadt. Mit zwölf Jahren hat er zum ersten Mal seinem Opa beim Schrauben über die Schulter geschaut. Das Auto? Natürlich ein Trabi. Sieben Jahre später hatte er seinen eigenen, gekauft für umgerechnet knapp 300 Euro. Inzwischen sind die Autos wieder das Zehnfache wert. Schindhelms Trabant-Familie wuchs über die Jahre, irgendwann hatte sie zwölf Mitglieder. Und es fiel ihm schwer, sich von neun wieder zu trennen. „Zu einem Trabant hat man immer eine enge Bindung. Sonst würde man ihn nicht fahren“, sagt Schindhelm. Er hat kürzlich ein Haus gekauft und deshalb einige seiner Lieblinge abgegeben.

Aktuell besitzt er noch zwei: einen moderneren roten mit VW-Motor von 1991 und einen 601er von 1967 mit 26 PS. Zu letzterem ist die Bindung noch enger als gewöhnlich: „Eine ältere Dame hat ihn bei einem Autohaus in Saalfeld für einen Corsa in Zahlung gegeben. Der Trabi stand danach Ewigkeiten beim Händler auf dem Hof, und ich war schließlich der Glückspilz, der das Schmuckstück gekauft hat. Und wie es der Zufall will, wurde das Auto am 20. Juni zugelassen - an meinem Geburtstag. Nur nicht im selben Jahr.“

Alles in allem ein günstiges Hobby

Solange man nicht zwölf Autos gleichzeitig hat, ist das Trabifahren ein günstiges Hobby. „Einen Satz Bremsen gibt es schon ab 100 Euro“, sagt Schindhelm. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass sein Ersatzteillager immer gut gefüllt ist. „Meine ganze Scheune ist voll, da brauche ich erst einmal nichts kaufen“, sagt der 32-Jährige. Wenn das Trabifahren etwas kostet, dann Nerven. Der Spitzname Rennpappe kommt nicht von ungefähr. „Obwohl er stabiler ist, als viele denken.“ Und wenn doch etwas kaputt ist, repariert Schindhelm es eben. Stehengeblieben sei er mit einem Trabi noch nie.

Rüdiger Brendel aus Neunkirchen am Main ist zufällig zum Trabi-Verrückten geworden. „Ich wollte etwas haben, was nicht jeder hat. Deshalb habe ich mir einen angesehen - und fand alles furchtbar, von der Optik bis zur Verarbeitung. Ich dachte mir: Sowas Hässliches tacker ich mir nicht ans Bein.“ Dann kam die Probefahrt und Brendel war begeistert. „Es war lustig. Alles hat geklappert“, sagt der 30-Jährige. Dann hat er die hellblaue Kiste mit der lilafarbenen Motorhaube doch gekauft.

Der Trabi wird zersägt

Ein paar Jahre später, er hatte jede Menge Arbeit und Geld in den Trabi gesteckt, musste das Ost-Auto einem Opel Diplomat B weichen. Und Brendel fand eine ungewöhnliche Lösung: „Ich brauchte Platz in der Garage, also habe ich den Trabant in zwei Hälften gesägt“, sagt Brendel. Die Front steht jetzt in seinem Garten, das Heck als Kommode in seinem Wohnzimmer. Vier Jahre lang war er trabilos. Doch die Sehnsucht war zu groß: Inzwischen steht wieder ein 601er in der Deluxe-Variante in Brendels Garage - ein Alltagsauto für den Sommer. Und so lange Platz ist, ist es vor der Säge sicher.

Norbert Abraham aus Creußen war früher Motorradfahrer. Irgendwann hatte er es aber satt, nach Regen immer klitschnass nach Hause zu kommen. Deshalb legte er sich vor zwei Jahren seine Rennpappe zu. Sein Sohn Patrick war sofort begeistert: „Dann kann ich ja auch damit Fahren.“ Doch wie das so ist mit Schätzen, rückte Norbert Abraham nicht heraus. „Dann kauf ich mir selbst einen“, sagte sein Sohn kurzerhand und erweiterte die Familiensammlung auf zwei 601er.

Plüsch-Schmetterling immer mit an Bord

Auf seinen Trabi ist Norbert Abraham besonders stolz: Vor drei Jahren gewann das Auto den ersten Preis bei einer Oldtimer-Ausstellung, alles ist im Originalzustand. Dennoch ist für die beiden klar: Ein Trabi ist auf der Straße zu Hause, nicht im Museum. Sie fahren ihre zwei  Schmuckstücke regelmäßig aus, wie ganz normale Autos. Nur eben, dass sie genau das nicht sind: normal. Sogar der Plüsch-Schmetterling, der früher bei einigen Trabi mitgeliefert wurde, liegt auf der Rückbank. Anschnallen kann er sich aber nicht. Hinten gibt es keine Gurte.

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