Kammermusiksaal Neue Musik braucht Zeit

In sich versunken aber hoch konzentriert schlug Pianistin Elisaveta Blumina sanfte Töne nach Valentin Silvestrov an. Foto: Andreas Harbach

BAYREUTH. Das Festival Zeit für neue Musik trägt es schon im Namen: Es braucht Zeit, um sich mit neuer Musik vertraut zu machen. Viele Werke der Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts sind anders als die von Bach, Mozart und Beethoven. Sie brechen mit Traditionen, denn im Vordergrund liegt das Gefühl, nicht die Ästhetik des vermeintlich Schönen. Zeitgenössische Pianisten wollen genau das ihrem Publikum übermitteln: das Gefühl.

Manchmal bedarf es bei neuer Musik der Erläuterung. Die Pianisten Elisaveta Blumina, Wolfgang Döberlein und Moritz Eggert erzählen auf ihren Konzerten deshalb die Geschichten hinter der Musik, die sie spielen. Die teils dramatischen Schicksale der Komponisten zum Beispiel. Die waren am Samstag ein Thema auf dem Festival Zeit für neue Musik im Kammermusiksaal der Firma Steingraeber.

Pianist Wolfgang Döberlein nahm sich Zeit und erklärte Viktor Ullmanns Musik zu „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“. Nach Worten Döberleins vollendete Ullmann das Werk 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt. Kurz danach wurde er nach Ausschwitz deportiert und von den Nazis ermordet.

Aufwühlend-rasante und verstörende aber auch langsame und innehaltende Klänge kommen dabei vom Klavier. Ralf Hocke liest währenddessen Zeilen von Rilke: „Fremde Hütten sitzen durstig am versumpften Brunnen“. Zuvor vertonten beide „Zwanzig Blicke auf das Jesuskind“ von Oliver Messiaen in gleicher Weise. In diesem Werk wird Jesus Christus aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet: vom Kreuze aus, vom Blick des Vaters, des Sterns und der Weihnacht selbst.

Elisaveta Blumina überzeugte mit sanften und leisen Tönen. Die Pianistin aus Russland präsentierte zwei Fugen ihres Lieblingskomponisten Mieczyslaw Weinberg und überbot sich selbst im Pianissimo bei Valentin Silvestro: „Bitte wundern Sie sich nicht. Ich muss so leise spielen. Das steht so in den Noten.“

Moritz Eggert eröffnete um 22.30 Uhr den letzten Konzertabschnitt des Abends und setzte unter anderem sein Hämmerklavier-Zyklus fort. Der Pianist aus Heidelberg ist bereits bei Aufführung Nummer 26. seines eigenen Werkes angelangt, das mit klanglichen Überraschungen gespickt ist. Egal ob es der Klavierdeckel ist, der zugeschlagen wird oder die Mundharmonikaeinwürfe – alles ist erlaubt. Manchmal setzt sich der Pianist auch beherzt auf die Klaviatur.


Das Festival Zeit für neue Musik Bayreuth überrascht mit Musik abseits des Mainstream. Am kommenden Wochenende geht es weiter. Dann spielt am Freitag, 29. März, ab 19.30 Uhr das Ensemble Musica Viva in der Besetzung Schlagzeug, Flöte, Gesang und Klavier im Steingraeber Kammermusiksaal. Am Samstag kommt das Merlin Ensemble Wien, ebenfalls um 19.30 Uhr, in den Kammermusiksaal. Das Trio spielt unter anderem Werke von Till Alexander Körber und Thomas Daniel Schlee auf Violine, Violoncello und Klavier.

 

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