Klaus Wührl und Sandy Wolfrum haben noch mal das Beste nach Bayreuth fahren lassen Eine sehr schöne Leich: das letzte Bayreuther Skalpell

„Wissen Sie, was eine schöne Leich ist?" Es passiert so gut wie nie, dass einem gerade verstorbenen Kabarettisten eine Show gewidmet wird und das Publikum eine Minute lang dem Verstorbenen applaudiert. Auch in diesem Sinn war das letzte „Bayreuther Skalpell", das man dem „grand old man" des deutschen Nachkriegskabaretts, also Dieter Hildebrandt gewidmet hat, eine sehr schöne Leich. Noch einmal haben Klaus Wührl und Sandy Wolfrum das Beste nach Bayreuth fahren lassen.

Musik und Sprache, Text und Klang: sie finden an diesem Abend im ausverkauften Saal der Rosenau so zwanglos kreativ zusammen, wie es sich der Kenner und Liebhaber nur wünscht. Mag sein, dass Franziska Wanningers Solo einer oberbayerisch gefrusteten Frau, einer fleischgewordenen, zuweilen wütend bellenden Provokation (die Arme in den Hüften wirken wie angewachsen) nicht jenem politischen Kabarett entspricht, das sich Hildebrandt vorstellte, weil sie den kleinbürgerlichen Blick auf den Kleinbürger und seine Angewohnheiten (Hochzeit!) pflegt. Das ist zwar nicht subtil – aber sehr lustig. Dafür kultiviert Jörg Kaiser (aus Burgthann: das sollte dem Berufsfranken schon alles sagen) scheinbar den garschtigen fränkischen Selbsthass in mundwinkelherabziehender Reinkultur – und widerlegt damit schlagend das kokette Vorurteil der fränkischen Humorlosigkeit, dass der Saal angesichts der alltäglichen Frustrationen, denen ein aufgeweckter Franke im Kleinbürgermilieu so ausgesetzt ist, nur so kracht.

Nächster Schnitt des überaus scharfen Skalpells: Auftritt der Berliner Liedermacher. „Schnaps im Silbersee" sind, auch wenn sie nur im Duo auftreten, einfach perfekt, wenn sie – die Gitarren beherrschen sie so aus dem Effeff wie die Textbehandlung – fröhlich schrammelnd verkünden, dass „unglückliche Liebe das Beste" sei, „was es gibt". Die „Metamorp-Hose" ist auch deshalb geglückt, weil der scheinbar sinnfreie Text elegant ins Politische driftet, und wenn am Ende „Solange die Erde sich dreht" an das klassischste Liedermachergut erinnert, ist es nicht gut, sondern sehr gut. Chapeau für die beiden Herren, deren Bekanntheitsgrad im umgekehrten Verhältnis zu ihrem Supertalent steht. Ist Martin C. Herberg „bekannt"? Er hat viele Fans, verkündet aber auf seiner Homepage, dass er das Geschäft nach einer mehrjährigen Tournee 2016 aufgeben würde. Da sei zuviel Frust im Spiel – wer ihn im Saalbau mit „Paint it black" hört, vernimmt einen unglaublich virtuosen, packenden Höllenritt durch die Gefilde der modernen Gitarrenkunst. Das stand so nicht in Peter Bursches Gitarrenbuch, als man sich von G-Dur nach F-Dur arbeitete... Und nicht weniger virtuos kommt das Trio „Capote" daher, das mit seinem Folkpop, dem Banjo, dem Akkordeon und dem bewusst schnoddrigen Gesang Timo Rennemanns, der so klingt, als läse er die Texte von den Augenlidern innen ab, die Herzen erwärmt.

Kleinkunst? Sie ist manchmal verdammt groß. „Künstlerin war brillant, Zuschauer scheiße": diesen Satz würde die Kunstfigur der Franziska Wanninger manchmal gern in der Zeitung lesen. An diesem wunderschönen Leichenabend bestand dafür – bezieht man ihn allein auf die Künstler – der beste Grund.

 

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