Kanzlerin in Bayreuth: Wie Merkel wirkt

Ein Auftritt wie eine TV-Show, obwohl sich die Bundeskanzlerin Mühe gab, auf Bayreuth und die Bayreuther einzugehen. Foto: Andreas Harbach

Wer einen Wahlkampfauftritt mit viel Getöse erwartet hatte, den hat Angela Merkel am Donnerstag in Bayreuth enttäuscht. Den allermeisten der rund 1500 Zuschauer vor dem Ehrenhof dürfte der Auftritt der Kanzlerin eher wie eine Fernsehsendung vorgekommen sein. Irgendwie irreal, obwohl die mächtigste Frau der Welt leibhaftig anwesend war. Das hat Gründe und ist ihr Erfolgsrezept.

Die meisten haben Merkel nur auf der Leinwand gesehen. Aus Sicherheitsgründen standen sie einfach zu weit weg. Merkels Kopf wurde eingeblendet, dazu ein Mikrofon und ein himmelblauer Hintergrund – eben alles wie im Fernsehen.

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Und dann diese Rede. Die Kanzlerin kann reden. Spricht frei, liest nicht ab. Das bietet die Möglichkeit, den Bayreuthern in die Augen zu schauen. Merkels Blick richtet sich dorthin, wo die Bürger dicht gedrängt stehen, und damit über die Köpfe der geladenen Gäste hinweg. Und dennoch wirkt es, als blicke die Kanzlerin ins Leere. Vielleicht ist der Abstand zu groß, vielleicht sind die Scheinwerfer zu hell, vielleicht ist die Kanzlerin aber auch einfach nur müde. Ihren Augen fehlt der Ausdruck, mit ihrer Mimik geht die Kanzlerin noch sparsamer um als sowieso schon üblich. Außer der rechten Faust, die hin und wieder auf das Rednerpult hämmert, bewegt sich nicht viel. Und so wollen auch Merkel und die Bayreuther an diesem Abend nicht recht zusammen kommen.

Nur keine Müdigkeit anmerken lassen

Kein Zweifel: Nach zwölf Jahren an der Spitze der Republik ist Merkel Profi genug. Selbst wenn sie müde ist: Die Namen der örtlichen Mandatsträger kommen alle wie aus der Pistole geschossen. Und wie zum Beweis, dass es sie keine 08/15-Rede halten will, schwärmt Merkel von den Festspielen, den Bayreuther Bratwürsten und dem vorbildlichen Umgang der Oberfranken mit den Problemen einer deutschen Randregion. Da tut es auch keinen Abbruch, dass sie den Bezirk einmal als Oberbayern bezeichnet. Die Leute nehmen ihr ab, dass Horst Seehofer und Hans-Peter Friedrich es waren, die selbst die Kanzlerin mit ihrem Gerede von einem oberfränkischen Logenplatz innerhalb des bayerischen Paradieses aus der Fassung gebracht haben.

Oberflächlich statt tiefgründig

Und dennoch: Weite Teile von Merkels Rede wirken austauschbar. Auswendig gelernt. Auch deshalb bringen sie die Zwischenrufe der AfD-Anhänger nicht aus dem Konzept. Und wer aufpasst merkt: Die Sinnzusammenhänge fehlen. Der Wechsel von der Flüchtlingskrise zur Dieselaffäre ist auch dank der fest eingeplanten Applauspausen ein leichter. Die Kanzlerin muss sich nicht mit Überleitungen aufhalten und schafft es, in 40 Minuten möglichst viele Themen zu streifen und doch kein einziges Mal in die Tiefe zu gehen. Wer Konkretes erwartet hatte, der kennt Politiker im Wahlkampfmodus schlecht.

Merkel wirkt

Das alles könnte man Merkel jetzt zur Last legen, die allermeisten Zuhörer werden es aber nicht einmal bemerkt haben. Weil Merkel einfach wirkt – bodenständig. Anders als viele ihrer männlichen Kollegen liegt ihr das Machtgehabe fern, lehnt sie übertriebene Sicherheitsmaßnahmen ab, sucht sie die Nähe zu den Leuten. Gefällt ihr ein Kleid, trägt sie es bei den Festspielen eben mehrmals in Folge. Und rufen die Fotografen auf dem Roten Teppich „Angie, Angie“, gibt sie ein „Jetzt wartet doch mal“ zurück und schüttelt erst einmal den Gastgebern die Hand.

Wen wundert es da, dass sie sich am Donnerstag entgegen den Ratschlägen der Sicherheitsdienste ihren Weg durch die Menge bahnt. Und dabei neben Horst Seehofer nicht nur klein, sondern sogar ein wenig schüchtern wirkt. Merkel zelebriert ihre Macht nicht, sie scheint sich auf ihr Amt nichts einzubilden. Und natürlich spiegelt sich auch das in ihrer Rede wieder.

"Wir" statt "ich"

„Wir“ ist das vorherrschende Wort, Erfolge spricht die Kanzlerin der Allgemeinheit zu, sagt Sätze wie: „Die Humanität, die Sie in den letzten zwei Jahren gezeigt haben, das war ein tolles Stück Deutschland.“ Und dass man die Parteien wählen solle, denen man am ehesten zutraue, die Probleme in Deutschland zu lösen. Dass sie dabei von den Schwestern CDU und CSU spricht, können sich die Leute denken. Noch weniger als sich selbst erwähnt Merkel nur noch die ihre politischen Gegner. Da können die Anhänger der AfD noch so laut plärren.

Nur ganz am Ende wird das „Wir“ zum „Ich“, wird doch noch ersichtlich, dass hinter Merkels Besuch ein politischer Plan steckt. „Seit ich Bundeskanzlerin bin, hat sich die Zahl der Arbeitslosen halbiert“, sagt sie selbstbewusst. Und: „Ich habe keinen Zweifel daran, dass Rot-Rot-Grün nicht gut für Deutschland wäre.“

Ganz bewusst ohne Getöse

Merkel hat einmal gesagt, das Physikstudium habe sie gelehrt, Dinge durch Nachdenken zu lösen. Dass man nicht immer gleich handeln müsse, sondern es oftmals genüge, die Dinge einfach nur lange genug im Kopf zu bewegen. Man kann davon ausgehen, dass sich die Bundeskanzlerin ihren Auftritt in Bayreuth gut überlegt hat. Es war ihre Art von Wahlkampf. Effizient, ganz ohne Getöse. 

thorsten.guetling@nordbayerischer-kurier.de

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