Kampf gegen die Nazis und gegen die Bayreuther Legende: Ausstellung über Franz Wilhelm Beidler Wagners verdrängter Enkel

Eine Familie wie die Merowinger: Das Richard-Wagner-Museum zeigt vom 12. Juli an in der  Stadtbibliothek (RW 21) eine  Ausstellung über Franz Wilhelm Beidler, den verdrängten und vergessenen ersten Enkel Richard und Cosima Wagners. Seine Geschichte zeigt, wie hart der Kampf um den Grünen Hügel geführt wurde.

Hitler hatte sich gerade erst die Macht erschlichen, von den Fackelzügen zur Feier des heillosen Tages im Januar 1933 hatte jeder vernommen. Doch noch schienen Widerworte möglich. Ein Mann, der seine Kindheit in Bayreuth, genauer: in Colmdorf verbracht hatte, sagte dem braunen Regime und der „Bayreuther Legende“ gleichermaßen den Kampf an. Sein Name: Franz Wilhelm Beidler, der erste Enkel Richard Wagners, Sohn des Dirigenten Franz Beidler und seiner Frau Isolde, der illegitimen Tochter von Richard und Cosima Wagner.

Auf der „Deutschen Welle“ hielt eben dieser Beidler am 13. Februar 1933 einen über alle Sender ausgestrahlten Gedenkvortrag über seinen Großvater, die ihn bei den neuen Machthabern mächtig unbeliebt machen musste. Er verteidigte Wagner gegen die Vereinnahmung durch die Nazis. „Es war ein Wagemut“, schrieb er einige Zeit später an Thomas Mann, „denn der Vortrag war scharf antibayreutherisch und betont antinationalsozialistisch.“

Zehn Tage nach seinem Vortrag setzten die Nationalsozialisten die Leitung der „Deutschen Welle“ ab. Nun konnte Beidler davon ausgehen, dass Hitlers Schergen auch ihn im Visier haben würden, zumal sie den Reichstagsbrand am 27. Februar als Vorwand nutzten, viele ihrer politischen Gegner in Konzentrationslager zu bringen. Am 21. März schließlich folgte der Tag von Potsdam, von den Nationalsozialisten als Versöhnung zwischen dem alten Preußen und dem Nationalsozialismus inszeniert, und in der Lindenoper wurden zur Feier des Tages „Die Meistersinger“ gespielt.

Ein paar Monate später verabschiedete sich Beidler ins Exil. Verdrängt aus Bayreuth, verdrängt aus Deutschland, verjagt von den braunen Verbündeten von Haus Wahnfried: Für Kenner der Familie musste es seltsam wirken, wie der Sohn auf andere Art das Schicksal seiner Eltern teilte.

Das Richard-Wagner-Museum wird die Geschichte des ersten Wagner-Enkels vom 12. Juli an in einer Sonderausstellung in den Räumen der Stadtbibliothek (RW 21) erzählen. Es ist eine Geschichte, die zu den dramatischen Kapiteln in der Familiensaga der Wagners gehört. Die Vorgeschichte reicht zurück ins Jahr 1864, als Richard Wagner dem Dirigenten Hans von Bülow die Frau ausspannte: Cosima, die am 10. April 1865 Isolde das Leben schenkte. Was den wahren Vater Wagner noch Jahre später rührte, wie eine Notiz zur Kompositionsskizze der „Götterdämmerung“ erkennen lässt: „So geschehen und geschlossen an jenem Tage, da mir vor 7 Jahren mein Soldchen geboren wurde.“

Isolde, das Soldchen: Sie war Wagners Tochter. Was Cosima 1914 in einem aufsehenerregenden Gerichtsprozess bestritt, um Isolde und ihren Mann Franz Philipp Beidler aus Bayreuth zu verdrängen. Die beiden gefährdeten die Stellung ihres Sohnes Siegfried, zumal sie – im Gegensatz zu Siegfried – bereits einen Nachkommen hatten: eben Franz Wilhelm, geboren 1901 (siehe unser Feature „Bayreuther Passionsspiele“). Der Prozess endete mit einer Niederlage Isoldes und führte zum endgültigen Bruch zwischen Wahnfried und den Beidlers; auch der Enkel war hinfort in Bayreuth nicht mehr wohl gelitten.

Franz Wilhelm Beidler zog zunächst nach Berlin und arbeitete in den 20er Jahren vergangenen Jahrhunderts im Kulturministerium der Weimarer Republik. Am 15. August 1933 zog er mit seiner jüdischen Frau Ellen Gottschalk nach Frankreich und ein Jahr später in die Schweiz, wo er als Sekretär des Schweizer Schriftstellerverbandes arbeitete. Zu Bayreuth, der Familie Wagner und den Festspielen nahm er als Publizist immer wieder kritisch Stellung.

Was dazu führte, dass er, der Enkel des Meisters, nach dem braunen Spuk tatsächlich als neuer, unbelasteter Festspielchef gehandelt wurde. Beidler konnte sich das auch gut vorstellen. Er wollte den Neuanfang einleiten und dachte an die Umwandlung der Festspiele in eine Stiftung, mit Thomas Mann, seinem Verbündeten aus den Tagen des Exils, als Ehrenpräsident des Stiftungsrats. Doch der lehnte höflich aber bestimmt ab. Und nach der Entnazifizierung Winifreds ließen die US-Behörden auch den Plan einer Enteignung der Familie Wagner fallen.

Beidler war wieder draußen. Diesmal endgültig. Die Festspiele besuchte er nicht mehr. Mit Winifred aber nahm er noch einmal Kontakt auf, wie sich seine Tochter Dagny erinnert, und das mit einem Humor, der wohl eine eine hinterkünftige Anspielung auf Winifreds Freundschaft zu Hitler enthält. „Hallo Wini“, sagte Beidler, „nach tausend Jahren melde ich mich.“

INFO: Die Ausstellung beruht auf einer Kooperation des Stadtarchivs Zürich mit der Stadt Bayreuth. Sie wurde im Rahmen der Züricher Festspiele 2013 zum Thema „Treibhaus Wagner“ erstmals gezeigt. Als Lektüre empfiehlt sich das aufschluss- und detailreiche Buch der Ausstellungsmacherinnen Verena Naegele Sibylle Ehrismann: „Die Beidlers – Im Schatten des Wagner-Clans“, 330 Seiten, Zürich: Verlag Rüffer & Rrub, 2013. ISBN 978-3-907625-66-8, 29,80 Euro.

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