Jugendstudie "Gott spielt kaum noch eine Rolle"

Wenn er Seminare in Bayreuth hält, übernachtet Tom Zwaenepoel in der Lohmühle. Foto: Andreas Harbach

BAYREUTH. Was bewegt die Jugend von heute? Wie ist ihr Verhältnis zum Glauben? Warum sind die sozialen Medien so beliebt? Darüber hat sich Gymnasiallehrer und Uni-Dozent Tom Zwaenepoel Gedanken gemacht. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Tom Zwaenepoel liebt Krimis. Der Deutschlehrer aus Belgien hat an den Universitäten Gent und Bayreuth studiert. Seine Doktorarbeit schrieb er über "Derrick". Daraus wurde schließlich das Buch "Dem guten Wahrheitsfinder auf der Spur" über Kriminalromane und Fernsehkrimis. Dass Horst Tappert als Kommissar Derrick und Herbert Reinecker als Drehbuchautor das Bild Deutschlands in der Welt mit dieser TV-Serie nachhaltig prägten, davon ist Zwaenepoel zutiefst überzeugt.

Der Niederländisch-Dozent an der Universität Bayreuth hat jedoch noch eine andere Leidenschaft. Er interessiert sich für Päpste und die Geschichte der katholischen Kirche. Über den Vatikan und die Kirchenoberhäupter wie Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus verfasste er bereits mehrere Bücher.

Jugendliche suchen nach Antworten

In seinem neuesten, 261 Seiten umfassenden Werk widmet sich Zwaenepoel jedoch der Jugend und untersucht die Rolle, die der Glaube in ihrem Leben spielt. "Ich möchte jungen Menschen dabei helfen, ihre Lebensfragen zu beantworten", sagt der Gymnasiallehrer, der seit 1996 für das Sprachenzentrum der Uni Bayreuth arbeitet.

In seiner Jugendstudie, die nicht repräsentativ ist, befragte er rund 300 junge Erwachsene im Alter von 17 bis 30 Jahren. Dabei ging es um große Lebensfragen nach Glück, Liebe, Glaube und Freiheit. Auch um Freundschaft, Angst und gesellschaftliches Engagement drehten sich seine Fragen, wie er im Gespräch mit dieser Zeitung vor kurzem berichtet.

"Der Anlass war für mich die Jugendsynode in Rom", sagt Zwaenepoel. "Da merkte ich, das diese Themen für die Jugend von großer Bedeutung sind." Darüber hinaus ließ er Vertreter von Schulbehörden, Religionslehrer, Bischöfe und Jugendbewegungen zu Wort kommen.

Denn junge Menschen, so Zwaenepoel, suchten nach Antworten. Glück bedeute für manche, dass ihre Grundbedürfnisse befriedigt sind. "Je mehr Freiheiten wir haben, desto größer ist unsere Stress, weil wir Angst haben, eine falsche Entscheidung zu treffen." Unter Freiheit verstünden die jungen Teilnehmer seiner Studie überwiegend, "das tun zu können, was sie wollen".

Wer sich aber an keine Regeln halte und keine Werte habe, dem fehle das Verantwortungsgefühl für andere. Die sogenannten sozialen Medien führten in Wahrheit dazu, dass die echten Freunde immer weniger würden. Wenn Beiträge häufig kommentiert oder positiv bewertet würden, werde dies mit Wertschätzung verwechselt.

"In einer Welt der Superlative wird das Oberflächliche übersteigert", sagt Zwaenepoel, der seinem Buch deshalb den Titel "Darf es ein wenig mehr sein?" gegeben hat. Die Sehnsucht nach Lob und Bestätigung, nach Bedeutung und Zugehörigkeit werde zu stark in den sozialen Medien gesucht statt in einem Freundeskreis im wahren Leben, sagt Zwaenepoel.

Nicht in eine Rolle zwängen

Eine weitere Erkenntnis aus seiner Stichprobe: "Jugendliche wollen sein, wie sie sind und nicht wie sie sein sollen." Zu viele Eltern würden von ihren Kindern erwarten, dass sie ihre eigenen Träume erfüllen und das verwirklichen, was sie selbst gern getan hätten.

Statt Geborgenheit und Vertrauen in der Familie zu erleben, werde ihnen die Bedeutung von Geld und Immobilien und des eigenen Ansehens vermittelt. "Die Angst vor dem Scheitern ist groß, weil damit das ganze Selbstbewusstsein weg ist." Die jungen Menschen hätten zudem häufig Angst vor dem Islam und Fremden. Groß sei die Furcht davor, dass andere ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen könnten.

Dabei zeige sich, dass sie wenig wüssten über andere Religionen und oftmals Klischees bedienten. "Die christlichen Wurzeln werden betont, aber ohne dass dies mit einer christlichen Lebensweise einhergeht." Denn die meisten Befragten hielten Religion für etwas Weltfremdes, eine Flucht aus der Wirklichkeit.

"Viele denken: Um die Welt zu retten, braucht es keinen Gott." Lieber würden sie sich selbst für eine bessere Welt einsetzen wollen. Doch die Hoffnung, tatsächlich etwas ändern zu können, sei gering. "Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer", stellt der Geisteswissenschaftler zudem fest. "Belgien ist ein gespaltenes Land."

König Philippe nimmt sich Zeit

Womöglich ist das der Grund dafür, warum der Autor am 21. November mit dem belgischen König Philippe sprechen durfte. Kurze Zeit, nachdem Zwaenepoels Buch Ende September erschienen war, erhielt er eine Einladung des Königshauses. Der König wollte offenbar wissen, wie die heutige Jugend tickt.

Deren Weltbild folge überwiegend rationalen Kriterien, fand der Belgier heraus. "Gott spielt für sie kaum eine Rolle." Die christliche Werteordnung würden sie weitgehend akzeptieren, für ihren Glauben aber nicht in der Öffentlichkeit einstehen. In Westflandern gebe es eine hohe Selbstmordrate unter Jugendlichen, schildert Zwaenepoel. "Hier hat die Gesellschaft versagt."

Der 48-Jährige hält das für eine beunruhigende Entwicklung. "Für mich ist der Glaube ein Weg zum Glück", sagt Zwaenepoel und zitiert die päpstlichen Worte: "Wer glaubt, ist nie allein." Jugendliche bräuchten heute "wahrhaftige Vorbilder", um den rechtspopulistischen Strömungen in der Gesellschaft zu widerstehen.

Lehrer, Dozenten und Professoren könnten diese Vorbilder sein. Menschen, die kritische denken und Position beziehen und zu Diskussionen einladen. "Was ich sage, muss ich selbst tun und danach leben. Nur dann können junge Menschen Vertrauen fassen."

 

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