Interview mit Piotr Beczala Lohengrin: Der doppelte Erlöser

Piotr Beczala als Lohengrin. Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

BAYREUTH. Ein Häuschen im Grünen und die Titelpartie der Neuproduktion in der Tasche – so lässt sich’s leben. Piotr Beczala war plötzlich in einer komfortablen Verhandlungssituation. Jetzt genießt er den Sommer in Bayreuth und seinen Erfolg als Lohengrin.

Herr Beczala, war es denn wirklich überraschend für Sie, dass der Anruf aus Bayreuth kam, um hier den Lohengrin zu singen?

Piotr Beczala: Ehrliche Antwort?

Ja, bitte.

Beczala: Nein. Überraschend für mich war, dass das letztendlich machbar wurde. Ich habe ja schon vor drei Jahren hier mit Christian Thielemann eine Arbeitsprobe mit Blick auf diese Produktion gehabt. Dresden sollte für mich und Anna Netrebko eine Art Generalprobe für die Festspielpremiere sein. Dann hat sich das irgendwie verkompliziert. Als ich dann aus der Produktion raus war, habe ich sofort andere Konzerte reingeschoben. Als dann Christian Thielemann angerufen hat, war es von meiner Seite fast unmöglich, da ich in dieser Zeit sieben Konzerte zugesagt hatte. Einige mussten abgesagt werden. Zwischen Generalprobe und der Premiere habe ich aber doch noch ein Konzert gesungen. Also, so ganz überrascht war ich nicht, denn ich war in permanentem Kontakt mit Christian Thielemann.

Was musste Thielemann tun, um Sie zur Zusage zu bewegen?

Beczala: In künstlerischer Hinsicht brauchte er mich nicht groß überreden. Wir haben in anderthalb Tagen 60 SMS ausgetauscht. Er hatte immer gesagt: Das ist Bayreuth! Klar, für ihn als Wagner-Dirigent ist das das Universum. Für mich ist es ein großartiges Abenteuer. Ich nehme das sehr ernst und es gibt ja kaum etwas Besseres, als bei einer Festspieleröffnung eine Hauptrolle mit diesen tollen Kollegen und ihm zu singen. Ich habe dann meine Agentin angerufen und wir haben anderthalb Stunden diskutiert, was möglich ist. Sie hat sich bereit erklärt, das Ganze auf der Intendantenebene zu klären. Ich habe gesagt, ich werde sicher nicht von mir aus absagen. Ich hatte ja Verträge.

Sie waren mit Blick auf Bayreuth plötzlich in einer starken Verhandlungsposition.

Beczala: Ich habe gesagt, dass mir die Festspiele für diese Zeit ein Haus zu Verfügung stellen sollen. Es war die Bedingung für meine Frau, dass wir hier schön wohnen können. Ein bisschen ruhiger und nicht im Hotel. Da haben wir uns auf das Festspielhaus verlassen.

Und jetzt wohnen Sie in einem schönen Häuschen im Grünen?

Beczala: Das ist total super, wir sind ganz glücklich.

Die Erwartungen an Sie waren ja sehr hoch. Spürten Sie den Druck, als Sie hier angekommen waren?

Beczala: Ich habe mir keinen großen Stress gemacht. Ich wusste, ich kam hierher als doppelter Erlöser, als Lohengrin und als ich. Das war wirklich sehr schön.

Rückblickend würden Sie also sagen, die Entscheidung war richtig. Sind Sie jetzt erleichtert?

Beczala: Sicher war Druck von außen da. Aber ich kann damit umgehen. Ich habe schon Schlimmeres erlebt. Ich bin mal wenige Stunden vor Beginn in eine Live-Übertragung an der Metropolitan Opera in New York eingesprungen. In Bayreuth hatten wir ja noch fast drei Wochen bis zur Premiere. Das waren fast ideale Bedingungen. Ich wurde hier als Einspringer betrachtet, obwohl ich keiner war, denn ich war ja die ursprüngliche Besetzung. Das ist ein bisschen kompliziert.

Wissen Sie, warum Sie es zwischendurch nicht mehr waren?

Beczala: Da sind Sachen, die ich nicht weiß.

Wie ist das Gefühl jetzt, den Sommer in Bayreuth zu verbringen?

Beczala: Großartig. Alles ist hier fokussiert auf Wagner. Man trifft in der Kantine alle Kollegen aus „Tristan“, „Parsifal“ und den anderen Stücken. Das hat schon eine schöne Atmosphäre. Ich kenne ja fast alle Kollegen.

Der Opernbetrieb ist ja ein Internationaler. Was halten Sie von der aktuellen politischen Entwicklung in Polen?

Beczala: Als Kosmopolit finde ich, dass die Leute die Entwicklung unterschätzen. Die Neubesetzung des Obersten Gerichts ist eine gefährliche Sache. Derzeit wird in Polen versucht, die Geschichte umzuschreiben. Im Moment wiederholt sich, was in Polen schon einmal der Fall war. Die Jungen kapieren das nicht und die Älteren sind frustriert. Die Verdienste von Lech Walesa werden vergessen gemacht. Diese Situation macht mich sehr traurig.

 

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