Interview mit Nora Gomringer ,,Liebesbriefe lese ich als E-Mails"

Sie ist eine deutsch-schweizerische Lyrikerin, leitet in Bamberg das Künstlerhaus Villa Concordia und eine der wichtigsten Vertreterinnen der Gegenwartsliteratur. Nora Gomringer ist am Donnerstag am Uni-Campus Bayreuth beim DLD zu Gast. Foto: dpa

BAYREUTH. Unternehmer, Blogger, Künstler: Sie alle sind am Donnerstag bei der Digital-Konferenz auf dem Uni-Campus in Bayreuth. Die 38-jährige Lyrikerin Nora Gomringer, Bachmann-Preisträgerin und Direktorin des Bamberger Künstlerhauses Villa Concordia, wird dort sprechen. Im Kurier-Gespräch vergleicht sie die Folgen der Digitalisierung auf die Literatur mit jenen der Fotografie auf die Malerei.

Die Digitalisierung verändert unser aller Leben. Können Sie sich ein Leben ohne Smartphone und Internet noch vorstellen?

Nora Gomringer: Denkbar ist es, aber abzulehnen ist es auch. Wir dürfen – nicht nur was das Netz angeht – nicht aus der Warte des Privilegs unserer Welt denken. Für viele Menschen an sehr abgeschiedenen Orten bedeutet das Internet und sein demokratisierter „Zauberstab“ Smartphone einen Zugang zu Bildung und „großer Welt“. Ich finde es schon heikel, wenn Gefangene so gar keinen Zugang zum Netz erhalten über Jahre.

Sie sind eine vielfach ausgezeichnete Lyrikerin und Schriftstellerin, Bachmann-Preisträgerin und jetzt selbst Jury-Mitglied. Haben Sie den Eindruck, dass die Digitalisierung auch zunehmend ein Thema in der Gegenwartsliteratur ist?

Gomringer: Die Buchbranche ist den Entwicklungen genauso unterworfen wie alle anderen Branchen. Und ja, die Digitalisierung verändert die Art wie wir Bücher entstehen lassen, wie Märkte erschlossen, Innovationen umgesetzt werden. In der Literatur passiert das, was die Fotografie am Beginn des 20. Jahrhunderts als Krise in der Malerei ausgelöst hat. Die Menschen sehen anders, begegnen sich auf anderen Wegen, stellen Kontakte her, die transkontinental Verbindungen schaffen. Vielleicht lieben wir sogar anders als noch vor 60 Jahren, auf jeden Fall denken wir anders übereinander nach. Das alles sind große Themen in der Literatur und sie brechen sich Bahn in der Sprache, die sich eben auch digitalisiert, schnell wird, ungenau oder hyperpräzise, ironisch und pathetisch zugleich.

Schreiben Sie erst einen Text und überlegen dann, wie sie ihn verbreiten? Oder ist es umgekehrt?

Gomringer: Das Medium bestimmt die Form.

Finden Sie es altmodisch, wenn ich mir heutzutage noch Bücher auf Papier kaufe?

Gomringer: Was? Nein! Ich lebe davon! Absolut buchstäblich. Meine E-Book-Verkaufszahlen sind so niedrig, das macht fast keinen Sinn. Meine Bücher aber sind so schön und wertig gestaltet. Diese Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, die dann letztlich für die Ansehnlichkeit eines poetischen Werkes sorgen, die ist es, die mich noch länger am Schreiben hält.

Wir geben immer mehr Daten von uns freiwillig preis. Wie kritisch sehen Sie es, dass Google, Facebook und Co. daraus ein Geschäft machen?

Gomringer: Ich finde es – sagen wir mal – nicht unfair. Ich bekomme auch viel von diesen Riesenkonzernen und vermeine in etwa zu wissen, worauf ich mich einlasse, wenn ich beim großen Spiel mitmache. Ich kenne Länder und habe dort gelebt, wo man unseren Umgang mit Datensicherheit bigott findet. Was wollen, aber nix geben – wo gibt es denn so was, fragt man dort.

Ist es in Zeiten des Internets schwieriger für Sie geworden, das Urheberrecht an Ihren Texten zu schützen?

Gomringer: Mitunter ja.

Wie wichtig ist es Ihnen als Autorin, in den sozialen Netzwerken präsent zu sein?

Gomringer: Sehr, sehr wichtig.

Was und wie (Tablet, Smartphone, Desktop, auf Papier) lesen Sie am liebsten und warum?

Gomringer: Ich lese wenig und dann gerne auf Papier, wenn es um Literarisches geht. Nutz- und Gebrauchstexte, auch Artikel gerne auf meinem Smartphone. Zeitung – wenn ich dazu komme – gerne auf Papier. Liebesbriefe gerne als E-Mails. Papierbriefe bedrücken mich oft. Sie sind wie das Mahnen der eigenen Eltern: Nimm mich ernst, beantworte mich, ich bin wichtig.


Das sind die weiteren Gäste

Digitalisierung schlägt Urbanisierung“ – darüber spricht Dorothee Bär, die Staatsministerin für Digitales im Bundeskanzleramt, gleich zu Beginn der DLD Campus-Konferenz im Audimax der Universität Bayreuth. Der Deutschlandchef des chinesischen Leihfahrrad-Anbieters Mobike, Jimmy Cliff, wird über die Zukunft unserer Städte und Mobilität diskutieren. Auch Blogger und Buchautor („Das Internet muss weg!“) Schlecky Silberstein hat sich für DLD Campus Bayreuth angekündigt.

Eingeladen sind außerdem Patrick Boos (Managing Director, Baur), Angelika Kambeck (Head of Group HR, Klöckner & Co), Alexander Kotouc (Head of Product Management, BMW i) und Alexander Del Toro Barba (Head of Research & Product, Visual Vest). Die israelische Autorin Lizzie Doron, Yifan David Li (CEO Hesai) und der Journalist und Blogger Jeff Jarvis werden kommen. Es sprechen Iris Plöger (BDI), Stefan Mennerich (Mediendirektor FC Bayern), Stefan Winners  (Vorstandsmitglied Hubert Burda Media, Digital Business) sowie Yasmin Weiß vom Nuremberg Institute of Technology. Die Universität Bayreuth vertreten Stefan Schwarzinger (Lebensmittelanalyse), Ricarda Bouncken (Unternehmenskultur), Gilbert Fridgen (Blockchain) und der Uni-Präsident Stefan Leible. Und Richard Browning (Gravity Industries), Erfinder und Unternehmer, hebt auf dem Campus mit seinem selbst gebauten Düsenanzug ab.

Tickets erhältlich unter http://www.dld-conference.com/DLDCampusBayreuth

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