Interview mit Katharina Wagner "Wir sprechen über neue Pläne"

Katharina Wagner. Foto: Bayreuther Festspiele

BAYREUTH. Die Bayreuther Festspiele 2018 gehen am Mittwoch zu Ende. Wir sprachen mit der Festspielleiterin Katharina Wagner über das Kultpotenzial des neuen „Lohengrin“ und Christian Thielemann.

Die Festspielzeit geht am Mittwoch zu Ende. Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft werfen. Nächstes Jahr gibt’s einen neuen „Tannhäuser“, mit Gergiev als Dirigent und Tobias Kratzer als Regisseur. Wie sind Sie denn auf den gekommen?

Katharina Wagner: Tobias Kratzer hat innerhalb der letzten Jahre mehrere hochinteressante Opern-Produktionen gemacht, unter anderem die „Meistersinger“ in Karlsruhe, die ich sehr gelungen fand. Ich habe natürlich auch noch anderes von ihm gesehen und war danach überzeugt, dass er für Bayreuth der Richtige ist. Vor kurzem erst war er als Regisseur für den International Opera Award 2018 nominiert. Das hat unsere Wahl zusätzlich bestätigt.

Und die fiel ja bereits 2014.

Wagner: Ja, er war damals schon ein spannender Regisseur und hat seitdem eine Vielzahl von Inszenierungen gemacht, die ihn als sensiblen, inspirierten und wichtigen Künstler ausweisen.

Was beim aktuellen „Lohengrin“ etwas schwieriger war, da Yuval Sharon für Alvis Hermanis zu einem Zeitpunkt einsprang, da Neo Rauch mit seinem Bühnenbild bereits ziemlich weit war. Wie waren Sie mit dem Ergebnis zufrieden? Ein bisschen Improvisation war ja schon dabei.

Wagner: Nun ja, was heißt Improvisation? Man muss das schon unterscheiden von einer Situation, in der womöglich jemand einen Tag vor Probenbeginn einspringt. Dies war hier nicht der Fall, es gab ausreichend Vorbereitungszeit. Die drei (Yuval Sharon, Rosa Loy und Neo Rauch, Anm. der Red.) haben sich im Team zusammengesetzt, miteinander gesprochen und konzeptionell gearbeitet und ganz bestimmt dabei auch einiges gegenüber dem Ursprünglichen verändert. Die drei haben sich äußerst ernsthaft und lange mit dem „Lohengrin“ auseinandergesetzt.

Wo zum Beispiel hat sich denn noch etwas geändert?

Wagner: Abgesehen von manchen kleineren Details konzipierte Yuval Sharon beispielsweise den Aspekt, die Geschichte Elsas als eine Geschichte ihrer allmählichen Emanzipation zu zeigen – etwas, das die Inszenierung in starkem Maße prägt.

Der „Lohengrin“ könnte das Zeug zur neuen Kultproduktion haben...

Wagner: Die Inszenierung kam beim Publikum sehr gut an und wir sind auch sehr zufrieden.

Warum war der „Lohengrin“ dann für heuer schon nach zwei Wochen abgespielt?

Wagner: Das hängt zum einen damit zusammen, dass Christian Thielemann „Lohengrin“ und „Tristan“ dirigiert, und da müssen Sie allein aus rein physischen Gründen zwei Tage Abstand dazwischen haben. Zum anderen lag es an den Terminen der Sänger. Aufgrund von Sänger-An- und -Abwesenheiten hatten wir zunächst den „Lohengrin“ und erst dann folgte sozusagen die „Tristan“-Serie.

Das gab’s vor zehn, 20 Jahren auch noch nicht. Wenn ein Sänger andere Termine woanders hatte, dann hat er in Bayreuth nicht gesungen. Merken Sie die Konkurrenz anderer Festivals?

Wagner: Wissen Sie, mir ist wichtig, dass wir hier optimale Besetzungen haben, insofern nehmen wir auch Rücksicht auf anderweitige Verpflichtungen von Sängern. Es wird tatsächlich überall viel Wagner gespielt, und da muss man sehen, dass man sich allgemein und im Speziellen terminlich arrangiert. Die Terminfindung muss immer zugunsten einer bestmöglichen Besetzung sein. Dass das dann im Spielplan nicht immer bequem und gefällig liegt – keine Frage. Aber die Qualität ist für mich das Entscheidende.

Wir hatten dieses Jahr Plácido Domingo als Dirigenten erlebt, wir werden nächstes Jahr Anna Netrebko als Elsa erleben, einen Weltstar.

Wagner: Da muss ich gleich mal einhaken. Sowohl Frau Netrebko als auch Frau Harteros sind Weltstars und vor allem großartige Sängerinnen.

Was entgegnen Sie Kritikern, die derlei als Eventisierung der Festspiele bezeichnen?

Wagner: Würden wir nur oberflächlich einen bekannten Namen an den anderen reihen, wäre die Frage berechtigt. Aber die bestmögliche Besetzung für eine Aufführung zu gewinnen, hat mit Eventisierung nichts zu tun. Wir hatten in diesem Jahr beispielsweise den König Marke mit René Pape und mit Georg Zeppenfeld besetzt, beide sind hervorragende Sänger. Und es freut mich natürlich, dass beide hier singen. Genauso verhält es sich mit Anja Harteros und Anna Netrebko. Für mich zählen bei der Besetzung ausschließlich die künstlerische Leistung und Qualität.

Es gibt einen Trend zu mehr Aufführungsterminen pro Saison. Wie sehen Sie das?

Wagner: Wenn die Termine so gelegt sind, dass die Qualität nicht darunter leidet, finde ich das gut, denn – die Nachfrage ist da.

2026 feiert die Opernwelt 150 Jahre Bayreuther Festspiele. Wie optimistisch sind Sie, dass bis dahin das Festspielhaus fertig renoviert ist?

Wagner: Das ist natürlich das Ziel und ich wünsche mir, dass das gelingt. Aber es bleibt natürlich bei allem Optimismus eine schwierige und komplizierte Angelegenheit, weil wir nur zwischen den Spielzeiten sanieren können. Eine detailliertere Einschätzung können Sie von Holger von Berg bekommen (geschäftsführender Direktor, Anm. der Red.), weil er die Bauangelegenheit betreut. Von meiner Seite aus kann ich nur hoffen, dass es 2026 so sein wird.

Und die Planungen können ja auch schnell über den Haufen geworfen werden, wie wir bei der Bayreuther Stadthalle sehen.

Wagner: Ich hatte bei den bisher ausgeführten Bauabschnitten immer den Eindruck, dass sie sehr seriös durchgeführt wurden. Das war alles gründlich und genau geplant, wir waren stets im Zeitplan. Es ist sehr viel Sensibilität für die Aufgabe vorhanden, gerade weil in Deutschland in den vergangenen Jahren so viele Bauprojekte problematisch waren. Bei uns lief das bislang sowohl hinsichtlich der Kosten als auch vonseiten der Planung erfreulich unproblematisch.

Die Festspiele haben für eine Extra-Produktion, den „Verschwundenen Hochzeiter“, ja schon mal eine neue Spielstätte gewählt, den Reichshof. Was ist denn für nächstes Jahr mit dem Schriftsteller Feridun Zaimoglu geplant? Der arbeitet ja bereits an einem neuen Stück für Bayreuth.

Wagner: Genau. Er arbeitet zusammen mit Günter Senkel an einem Stück über Siegfried Wagner. Unsere Grundüberlegung war jedenfalls, dass er sich mit der komplexen Persönlichkeit Siegfried Wagners auseinandersetzen soll. Und das tut er gerade. Er beschäftigt sich sehr intensiv mit Siegfried Wagner, und es ist schon jetzt eine Freude, ihm zuzuhören, wenn er über ihn spricht.

Sind Sie auf ihn gekommen?

Wagner: Ja, zusammen mit Frau Maintz, der Kuratorin von „Diskurs Bayreuth“.

Warum haben Sie sich für ihn entschieden?

Wagner: Er ist meiner Ansicht nach ein Autor, der auch schwierige Stoffe bearbeiten kann. Und der, wie soll ich sagen, diese schwierigen und manchmal vielleicht auch sperrigen Stoffe lebendig zu machen versteht. Insgesamt ist er wirklich ein faszinierender Künstler.

Wird das Musiktheater oder Sprechtheater?

Wagner: Das Stück ist zunächst als Sprechtheater konzipiert, es kann aber noch Musik dazukommen. Das übrigens ist auch das Schöne an Herrn Zaimoglu, dass er nach eigenen Worten mit seinem Text eine Vorlage gibt, die dann auf der Bühne noch entwickelt werden kann. Er ist keiner, der akribisch an dem festhält, was er geschrieben hat. Er weiß den Probenprozess sehr zu schätzen, was ich toll finde. Er steckt voller Energie, er will etwas.

Gibt es schon einen Plan, wo gespielt wird?

Wagner: Auf alle Fälle – in Bayreuth (lacht).

Wie waren Sie denn mit dem Reichshof zufrieden?

Wagner: Sehr zufrieden. Ich fand den „Reichshof“ als Spielstätte ausgezeichnet. Ich habe ohnehin eine besondere Beziehung zu diesem Ort, denn wie die meisten Bayreuther bin ich quasi damit aufgewachsen, als er noch als Kino diente. Insofern besaß der Ort allein schon einen emotionalen Bonus. Objektiv gesprochen war ich sehr zufrieden, weil es mit dem, was darin gespielt wurde, wunderbar harmonierte. An sich ist dieser ganze Raum schon wie ein Bühnenbild.

Ich komme noch mal auf Becała zurück. Ein Lohengrin mit schöner Stimme und schöner Gestalt. Das passt doch einfach. Warum also erst Alagna, der sich schon kurz nach seiner Vertragsunterzeichnung skeptisch zeigte, warum nicht sofort Becała, der in Dresden mit Thielemann ja dann auch einen hervorragenden Lohengrin gezeigt hat?

Wagner: Wissen Sie, wir können alle nicht beurteilen, wie Herr Alagna den Lohengrin gesungen haben würde. Stimmlich hätte er auf jeden Fall die Voraussetzungen besessen, ebenfalls ein sehr guter Lohengrin zu sein. Man muss sich immer für eine Option entscheiden, auch wenn es manchmal mehrere hervorragende Optionen gibt.

Aber da häuften sich ja die Warnsignale. Da war sein von Skepsis gegenüber Wagner geprägtes Interview in der „Opernwelt“...

Wagner: So skeptisch kann er ja gegenüber der Partie dann doch nicht gewesen sein, sonst hätte er sicherlich den Vertrag nicht unterschrieben.

Man wollte ihm zwei Korrepetitoren zur Seite stellen, um den schwierigen Text zu bewältigen, er wollte die nicht. Ist das nicht der Zeitpunkt, sich Sorgen zu machen?

Wagner: Da er mit der Partie debütiert hätte, war dies von uns lediglich ein Angebot. Aber soviel ich weiß, studiert er seine Partien immer allein. Deshalb war das für uns kein Grund zur Besorgnis. Das ist nicht ungewöhnlich.

Dann wiederum ging die Geschichte mit Becała ja sehr schnell über die Bühne. Schon nach ein paar Tagen der Krise entstieg er dem Nachen. Wer hat ihn überzeugt?

Wagner: Das Ganze muss man mal entemotionalisieren. Beispielsweise könnte ich heute Nachmittag einen Anruf bekommen, dass jemand ausfällt, weil er krank ist. Dann ist es ein normaler Vorgang, dass man sich mit dem künstlerischen Betriebsdirektor zusammensetzt und schaut, wer dafür infrage kommt. Als wir die Mitteilung von der Agentur Herrn Alagnas bekamen, haben wir sofort begonnen, nach einem adäquaten Ersatz zu suchen. Herr Weber, der künstlerische Betriebsdirektor, und ich sind schnell zu dem Ergebnis gekommen, dass Herr Beczała die beste Lösung wäre. Dies haben wir dann Herrn Thielemann als verantwortlichem Dirigenten für „Lohengrin“ unterbreitet. Er hat unseren Vorschlag angenommen. Daraufhin haben wir mit der Agentur Herrn Beczałas gesprochen, Christian Thielemann hat ihn zusätzlich kontaktiert, und so kam es, wie es kam. Zum Glück.

Neo Rauchs Bilder sind mächtig. Was haben diese Bilder bei Ihnen angerichtet?

Wagner: Es ist in dieser Produktion so, als ob Neo-Rauch-Bilder lebendig werden. Das hat eine ungeheure Sogwirkung, das hat einen im positiven Sinne hineingezogen. Vielleicht aufgrund der Farbwahl, ganz sicher auch aufgrund der vielen liebevoll gemalten Details, in denen man sich wunderbar verlieren kann.

Christian Thielemann hat zugegeben, dass er den „Lohengrin“ noch nie so dirigiert habe wie unter dem Eindruck von Neo Rauch. Ohnehin hat er jetzt seinen Wagner-Kanon in Bayreuth erfüllt. Muss man sich Sorgen machen, dass er mit Bayreuth aufhört, dass er sagt, ich muss nicht wie Felix Mottl während des „Tristan“ vom Pult kippen?

Wagner: Wir sprechen schon über neue Pläne, deshalb glaube ich nicht, dass er die Absicht hat, Bayreuth zu verlassen.

 

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