Interview mit Catherine Foster Brünnhilde: Die Kraft des Kusses

Catherine Foster singt die Brünnhilde. Foto: Uwe Arens

BAYREUTH. Wie bleibt die Stimme hell und frisch? Was empfindet die Wunschmaid nach Wotans Kuss? Catherine Foster verrät es im Kurier-Interview.

Frau Foster, Sie haben vor Ihrer Gesangskarriere als Hebamme gearbeitet.

Catherine Foster: Ja, ich habe 257 Babys auf die Welt gebracht.

Vermutlich kann man beim ersten Schrei eines Neugeborenen noch nicht beurteilen, ob das mal eine Wagner-Stimme wird.

Foster: Nö.

Wie kam es zu diesen zwei sehr unterschiedlichen Berufen?

Foster: Das habe ich schon als Kind gewollt. Als Zehnjährige habe ich mich in einem Bild als Krankenschwester und Sängerin gemalt. Ich wusste bereits als Dreijährige, dass ich beides werden wollte. Über meine Hebammentätigkeit habe ich dann meine Gesangslehrerin gefunden. Danach bin ich zum Studium nach Birmingham gegangen.

Ist es von Vorteil, wenn man vor dem Sängerberuf etwas völlig anderes gemacht hat?

Foster: Die Erfahrung als Krankenschwester und Hebamme bringt für mich einen Riesenvorteil mit für das, was ich auf der Bühne bringe. Ich kenne Menschen und habe eine Idee davon, wie ihre Charaktere sind. Ich hatte damals viel mit psychisch Kranken gearbeitet. Man kann sagen: Auf drei dieser Patienten ist meine Elektra aufgebaut. Diese Frauen waren ziemlich verrückt. Wenn ich Elektra singe, sehe ich eine Verbindung zu den Leuten, mit denen ich im Krankenhaus gearbeitet habe. Ich sehe auch eine Verbindung zu Brünnhilde. Ich habe viel Traurigkeit gesehen, viel Hoffnung, viel Dunkelheit, aber auch viel Sonne. Das kann ich mit der Erfahrung aus meinem früheren Beruf auf die Bühne bringen.

Sie rufen also Erinnerungen ab.

Foster: Ich mag Menschen und beobachte sie ständig. Ich habe eine Tochter im Teenager-Alter. Als ich jetzt in der ersten Vorstellung der „Walküre“ auf der Bühne stand, dachte ich: Das ist genauso wie eine Tochter, die bockig zu Papa ist. Sie hat ständig die Hände in der Tasche, egal, was er sagt. In der „Walküre“ ist Brünnhilde ja auch ein 15- bis 18-jähriger Teenager, der beginnt, eine eigene Persönlichkeit zu werden. Gegen Ende in dieser Inszenierung küsst Wotan Brünnhilde. Ihre ersten Gedanken waren wie ein Horror. Wie konnte das passieren? Dann denkt Sie plötzlich: Er kann nicht anders. Wotan hat Brünnhilde von der Kraft der Liebe erzählt. Wotan verkörpert diese Kraft der Liebe. Sie hat plötzlich Verständnis für ihn. Am Ende sagt sie: Es ist okay.

Ist das nicht ein bisschen viel Verständnis? Ein wenig geht die Szene ja in Richtung Missbrauch.

Foster: Es ist kein richtiger Missbrauch. Es bewegt sich an der Grenze. Aber es ist ein Schock für Brünnhilde.

Sie ist entsetzt.

Foster: Am Anfang ja. Aber wie immer in der Beziehung zu Eltern: Man vergibt und versucht zu fragen: Was habe ich gemacht? Brünnhilde macht danach eine Verwandlung durch, während Wotan stehen bleibt, verhaftet in seinen Verträgen.

Brünnhilde wird erwachsen.

Foster: Eigentlich gibt es zwei Küsse in dieser Inszenierung. Der eine macht Brünnhilde zur „gewünschten Braut“, während der zweite Kuss ihr die Gottheit wegnimmt. Wenn wir über den ersten Kuss sprechen, ist mein Gefühl, dass dies zunächst ein Schock für Brünnhilde ist. Im weiteren Verlauf versteht sie aber seine Gefühle und weiß auch, dass ihr nichts mehr passieren kann, und sie verabschiedet sich von ihm. Sie entscheidet sich, ihm zu vergeben. In der späteren emotionalen Entwicklung gibt er den Fluch des Ringes an sie weiter, weil er es nicht mehr zu Ende bringen kann. Wenn Brünnhilde in der „Götterdämmerung“ zurückblickt, erkennt sie, dass Wotan ihr den Fluch übergeben hat. Sie ist nicht glücklich darüber, aber sie singt im Schlussgesang auch davon, dass sie zu Ende bringen wird, wozu Wotan nicht den Mut hatte: die Welt zu retten. Durch den ersten Kuss sieht sie ihren Vater Wotan in neuem Licht und es gibt ihr die Kraft, weiterzugehen und ihn zu verlassen – sie will nicht auf diese Weise bei ihm bleiben und legt sich freien Willens zur Ruhe.

Wie viel von Catherine Foster schwingt in dieser Brünnhilde mit?

Foster: Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich nicht mehr Catherine, dann bin ich Brünnhilde.

Sie verkörpern die Brünnhilde in dieser Castorf-Produktion seit der Premiere im Jahr 2013, nun also im sechsten Jahr.

Foster: Die erste Aufführung in diesem Sommer war meine 50. als Brünnhilde in Bayreuth. Ich finde es schön, dass ich auch im sechsten Jahr wieder als Brünnhilde zurückkommen durfte.

Hat diese Partie nach sechs Jahren Ihre Stimme verändert?

Foster: Ich singe die Brünnhilde insgesamt seit mehr als zehn Jahren. In dieser Zeit ist die Stimme größer und kräftiger geworden, vor allem in der Mittellage. Nachdem ich meine Tochter bekommen habe, hat die Stimme noch etwas zugelegt. Ich denke, dass ich im richtigen Fach singe. 2013 sagte ein Opernbesucher zu mir: Sie sind keine Brünnhilde, sie klingen wie eine junge Frau. Da habe ich gesagt: Danke schön!

Das war ja ein schönes Kompliment.

Foster: Warum soll ich in der „Walküre“ wie eine alte Frau klingen, Brünnhilde ist wirklich ein junges Mädchen. Die erste Sängerin der Brünnhilde war ja von Rossini gekommen. Das war keine riesengroße, dicke Stimme. Ich bin von der Königin der Nacht gekommen, aber viele andere Sängerinnen kommen von der Mezzolage nach oben.

Die Höhe dürfte für Sie also kein Problem sein.

Foster: Nein, das ist mein Vorteil. Meine Stimme liegt höher als viele andere. Natürlich muss man daran arbeiten. Man steht nicht einfach da und singt einen hohen Ton. Abgesehen von den Hojotoho-Rufen ist die Partie der Brünnhilde aber gar nicht so hoch. Das Gefährliche daran ist, dass sich die Stimme von alleine verbreitert, denn man singt zumeist in der Mittellage. Meine Lehrerin sagte einmal zu mir: Du bist kein Mezzo. Das habe ich verstanden.

Sie haben in Ihrem Sopran trotz aller Kraft ja auch etwas Helles.

Foster: Daran arbeite ich. Dieser hellere Klang klingt immer noch jung und frisch. Aber dieser hellere Ton muss erarbeitet werden, der fällt einem nicht einfach zu.

Denken Sie beim Singen der Brünnhilde bisweilen an die Königin der Nacht?

Foster: Nein. Ich denke an eine Pyramide. Man hat unten die dicke Seite und oben den helleren Ton. Diese Pyramide muss immer da sein, egal was man singt.

Sie haben in dieser Bayreuther „Ring“-Produktion unter drei verschiedenen Dirigenten gesungen: Kirill Petrenko, Marek Janowski und Plácido Domingo. War das jeweils eine große Umstellung?

Foster: Jeder der drei Dirigenten bringt ein anderes Gefühl, eine andere Energie mit. Wir müssen immer aufeinander achten. Insgesamt habe ich die Brünnhilde mit 25 verschiedenen Dirigenten gesungen.

 

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