Interview mit Alexandra Petersamer Wie auf der FC-Bayern-Ersatzbank

Alexandra Petersamer singt die Rossweisse. Foto: Andreas Harbach

BAYREUTH. Was man als Cover erlebt, während im Bayreuther Festspielhaus die Aufführung läuft, verrät die Mezzosopranistin Alexandra Petersamer im Kurier-Interview.

Frau Petersamer, in Bayreuth hat man ja die Ambition, auch die kleinen Rollen gut zu besetzen. Sie singen heuer die Rossweisse. Worauf kommt es bei dieser Partie an?

Alexandra Petersamer: Die Herausforderung besteht darin, dass Stimmgewalten auf der Bühne sein müssen, obwohl es für Wagnerverhältnisse eine kleine Partie ist. Die Rossweisse hat Stimmausmaße wie die Ortrud. Meistens haben wir in der ersten Pause der Aufführung eine Verständigungsprobe, wo wir das Ganze noch mal durchgehen. Man kann diese Rolle nicht – so wie sie an kleineren Häusern oft besetzt wird – leicht singen. Das hat dann nicht die Kraft, die von diesen Kampffrauen ausgehen soll. Natürlich überlegt man sich, ob man für eine Rossweisse nach Bayreuth kommt, aber es ist genial. Man wird hier auch dafür wertgeschätzt – auch wenn man an anderen Orten die Kundry singt.

Müssen Sie sich als Rossweisse genauso lange einsingen wie bei einer Hauptrolle?

Petersamer: Na klar, sonst tut man sich weh. Denn bei dieser Stimmgewalt, die bei den acht Frauen aufeinanderknallt, gibt man alles. Manchmal ist man beim Einsingen in zehn Minuten auf dem Punkt, wenn man müde ist, braucht man länger. Nach einer „Walküre“ sind wir auch alle ziemlich fertig.

Selbst nach dem kurzen Auftritt?

Petersamer: Ja, es gibt nichts Lyrisches. Als Sieglinde habe ich immer wieder Pausen und kann mich erholen. Auch die Ortrud hat ganz viele Stellen, etwa wenn sie den Telramund verführt, wo sich die Stimme erholen kann. Aber die Walküre powert wirklich durch.

Wie läuft die Probe in der Pause ab?

Petersamer: Der Dirigent ist nicht dabei. Wir proben mit den Assistenten, die wunderbar weitergeben, was in der Probe und der Aufführung vorher passiert ist. Wir wachsen da wieder als Team zusammen und stellen uns auf den Klang ein. Das kann man nicht alleine üben, das geht nur im Ensemble.

Sie sind ja auch Cover für andere Sängerinnen. Was machen Sie während der Aufführung?

Petersamer: Wenn ich merke, dass die Kollegin super drauf ist, dann kann ich mich entspannen. Das kriegt man mit. Meistens hat man ja ein tolles Verhältnis zu den Kolleginnen, die dann singen. Natürlich passt man auf, ob es wackelt. Dann ist man sofort in Hab-Acht-Stellung und singt sich ein. Man ist dann so weit, dass man jederzeit singen könnte. Das erfordert ziemlich viel Energie, weil man dann wieder wartet. Es ist ein ständiges Auf und Ab. Ein bisschen undankbar.

Wo halten Sie sich während der Aufführung auf?

Petersamer: Es gibt ein Assistentenzimmer, da haben wir Monitore. Der eine zeigt den Dirigenten, was toll ist, denn so kann man die Partie nochmals durchgehen. Der andere Monitor zeigt das Bühnenbild.

Muss man die ganze Zeit in diesem Raum sitzen?

Petersamer: Man darf Bescheid geben, wo man sich aufhält. Es muss aber auf dem Festspielgrundstück sein.

Mussten Sie hier mal in einer Aufführung kurzfristig einspringen?

Petersamer: Nein.

Singen Sie sich auch ein, wenn eine Kollegin sagt, Sie ist gut drauf?

Petersamer: Ja. Es gab mal eine Situation, in der ein Sänger auf der Bühne plötzlich Kreislaufprobleme hatte. Dann kam der Anruf und wir haben alle mitgezittert. Bis dann der Kollege, der hätte einspringen sollen, oben war, ging es dem Kollegen auf der Bühne wieder besser und er hat weitergesungen.

Diese Situation ist doch vergleichbar mit der des Ersatztorwarts des FC Bayern München, der jahrelang auf der Bank sitzt und plötzlich Champions League spielen darf.

Petersamer: Ja klar, es ist viel einfacher, wenn man sich auf die Inszenierung einstellen kann und die Kollegen kennt.

Sie müssten ja auch szenisch eingewiesen werden.

Petersamer: Wenn es am Abend passiert, dann steht man auf der Seite. Denn so schnell kann man gar nicht geschminkt werden, wie man einspringen müsste. Man singt dann im schwarzen Kleid vom Notenpult aus. Wenn ein Kollege schon zwei Tage vorher absagt, kann man auch als Einspringer die Kostüme anprobieren. Man geht das Stück mit den Assistenten durch und kann dann wirklich auf der Bühne spielen.

Waren Sie denn hier auch in den Proben dabei?

Petersamer: Ich war dabei, durfte aber nur zuschauen. Man kann hier viel lernen. Manche Stücke habe ich hier erst gelernt und mir so das Wagner-Repertoire erarbeitet. Das ist die tollste Gelegenheit, hier die Kollegen zu erleben, wie sie es machen.

 

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