Integration braucht Zeit Flüchtlinge fassen nur langsam Fuß

Zana Qadar floh wegen des Krieges im Irak. In Bayreuth fand der junge Mann einen Ausbildungsplatz zum Kraftfahrzeug-Mechaniker. Foto: Archiv/Ronald Wittek

BAYREUTH. Vor drei Jahren hatte die Zuwanderung von Flüchtlingen ihren Höhepunkt erreicht. Inzwischen steht für die regionale Wirtschaft fest: Die Zuwanderer spielen eine wichtige Rolle. Ihr Integration kommt voran – aber nur langsam. Berufliche Qualifikation und die deutsche Sprache sind zwei Hürden, die Zuwanderer nehmen müssen, wenn sie Fuß fassen wollen. 

Die Situation: In der Stadt bezogen im November 465 erwerbsfähige Flüchtlinge Leistungen der Grundsicherung nach SGB II. Dem stehen 196 gegenüber, die im gleichen Monat eine Arbeitsstelle antraten.

„Insgesamt werden es 2018 voraussichtlich 230 werden“, erwartet Barbara Limmer, Sprecherin des Bayreuther Jobcenters. Die Integrationsquote ist nach ihren Worten sehr gut. Viele Zuwanderer müssten aber trotz Arbeit und wegen niedrigen Verdienstes als Aufstocker Unterstützung beantragen.

Das größte Hindernis für erfolgreiche Integration: Die Flüchtlinge beherrschen die deutsche Sprache nicht gut genug. Zudem haben nur wenige eine abgeschlossene Ausbildung. Viele müssten erst einen Sprachkurs besuchen. Ziel müsse es deshalb sein, auch weiterhin Qualifizierungskurse anzubieten, um sprachliche und berufliche Kenntnisse zu vermitteln, so Limmer.

Die Sicht der Handwerkskammer: Hauptgeschäftsführer Thomas Koller sagt, das Handwerk leiste einen großen Beitrag für die Integration. Und zwar deshalb, weil ein überproportional großer Anteil junger Zuwanderer in Arbeit und Ausbildung genommen werde. Dabei seien vor allem die Sprachkenntnisse und die Bleibeperspektive eines Bewerbers maßgeblich.

Koller betont die Bedeutung der „3 plus 2 Regelung“. Die besagt, dass jemand für drei Jahre die Erlaubnis erhält, eine Ausbildung zu absolvieren und danach zwei Jahre im erlernten Beruf arbeiten darf. Nach Angaben der Kammer absolvieren gegenwärtig 200 Zuwanderer eine Ausbildung im Handwerk. Darunter 100 Anfänger vom vergangenen Jahr. Wie der Hauptgeschäftsführer sagt, sind die Zuwanderer für die Ausbildung von Fachkräften wichtig. Nur mit diesen Auszubildenden sei es überhaupt möglich, die Summe der Lehrlinge stabil zu halten. 

Koller stellt aber klar: Den Bedarf an Fachkräften können auch die Zuwanderer nicht decken. Vielmehr sei eine Änderung in der Bildungspolitik nötig. Die berufliche Bildung müsse gestärkt werden. Der Hauptgeschäftsführer räumt ein, dass es mit der Integration seit 2015 hätte besser laufen können. „Wir brauchen klare Regelungen“, bekräftigt er. Das Thema Asyl und die Zuwanderung seien in der Vergangenheit häufig gegeneinander ausgespielt worden. Nun komme es dem Handwerk darauf an, dass das lange geforderte Zuwanderungsgesetz für Fachkräfte endlich auf den Weg gebracht werde.  

Die Sicht von Industrie und Handel: „Die Integration ist auf einem guten Weg“, sagt Gabriele Hohenner, Hauptgeschäftsführerin der IHK Oberfranken. Die Praxis zeige, dass Integration funktioniere und auch in Zukunft funktionieren könne. Menschen, die miteinander arbeiten und gemeinsam Probleme lösen, hätten trotz mancher Missverständnisse in der Regel über kulturelle Grenzen hinweg ein gutes Verhältnis. „Wer sich integrationswillig gezeigt hat, die deutsche Sprache spricht und europäische Werte akzeptiert, konnte in unseren Unternehmen Fuß fassen“, so Hohenner. Im vergangenen Jahr seien durch die Integrationsberatung der IHK 308 Ausbildungs- und 273 Qualifizierungsplätze für Geflüchtete entstanden. Zudem befänden sich 250 junge Menschen mit Fluchthintergrund in Ausbildung. 

Gabriele Hohenner äußert sich auch über die Bedeutung der Geflüchteten für die regionale Wirtschaft: „Wegen der demografischen Entwicklung und der guten Beschäftigungslage ist unsere Wirtschaft auf Arbeitskräfte nicht nur aus dem In-, sondern auch aus dem Ausland angewiesen.“ Der Fachkräftemangel sei ein bestimmendes Thema und werde sich in den nächsten Jahren noch verschärfen. „Dabei können Geflüchtete helfen, die Entwicklung abzumildern“, sagt sie. Hohenner sieht die vergangenen Jahre durchaus kritisch. Nach dem großen Zustrom 2015 habe es lange gedauert, bis das politische Tauziehen endete: „Die Forderungen nach einer nachhaltigen Integrationspolitik, die den Bedürfnissen der Wirtschaft entspricht und für ihre Entwicklung förderlich ist, kamen erst spät zur Umsetzung.“ 

Die Arbeitsagentur Hof-Bayreuth: „Erfreulich ist, dass immer mehr Menschen, die als Flüchtlinge zu uns gekommen sind, Zugang zum Arbeitsmarkt der Region finden. Im vergangenen Jahr gab es diesbezüglich 570 Arbeitsaufnahmen“, so Sebastian Peine, Chef der Agentur für Arbeit Bayreuth-Hof. Wie die Agentur mitteilt, waren in der Zeit von November 2017 bis Oktober 2018 in der Region im Durchschnitt 760 Menschen mit Fluchthintergrund arbeitslos gemeldet, 66 weniger als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Herkunftsländer seien überwiegend Syrien, Irak und Afghanistan. 

Rund drei Viertel der arbeitslosen geflüchteten Menschen in unserer Region seien männlich, rund 60 Prozent sind jünger als 35 Jahre, so Peine. „Eine Integration in den hiesigen Arbeitsmarkt ist nur schrittweise möglich“, erklärt Peine. Auch besaßen im Durchschnitt mehr als 80 Prozent der arbeitslosen Geflüchteten keine abgeschlossene Berufsausbildung. Rund fünf Prozent von ihnen haben im Heimatland eine betriebliche oder schulische Ausbildung abgeschlossen, etwa zehn Prozent haben einen akademischen Abschluss.

„Vorrangiges Ziel ist es, durch Qualifizierung sprachliche und berufliche Kenntnisse zu verbessern, um so die Chancen auf eine Arbeitsaufnahme und die Nachhaltigkeit der Beschäftigungsverhältnisse zu erhöhen“, so der Agenturleiter Peine weiter.

Im Zeitraum August 2017 bis Juli 2018 gab es daher 2250 Eintritte in Qualifizierungs- und Weiterbildungskurse der Arbeitsagentur sowie der Jobcenter. Für durchschnittlich 70 Prozent aller Zuwanderer ist ein Job als Helfer realistisch, für zwölf Prozent erstrecken sich die Vermittlungsbemühungen bereits auf eine Tätigkeit als Fachkraft. Eine Tätigkeit als Spezialist oder Experte kommt für nur etwa vier Prozent in Frage.

Wie die Arbeitsagentur mitteilt, finden Geflüchtete meistens im Bereich der Arbeitnehmerüberlassung einen Job. Aber auch das Verarbeitende Gewerbe, das Gastgewerbe, der Handel, die Kfz-Branche sowie der Dienstleistungsbereich böten Beschäftigung. Die Anstrengungen, Geflüchtete in Arbeit und Brot zu bringen, laufen nicht ins Leere.

Laut Arbeitsagentur nahmen von November 2016 bis Oktober im vergangenen Jahr 830 Zugewanderte eine Arbeit auf. Peine: „Ein Arbeitsplatz ist nicht nur wichtig, um sich eine Existenz aufzubauen, er ist auch ein entscheidender Schritt für die gesellschaftliche Integration.“ 

 

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