Insolvenz vor zehn Jahren Rosenthal lässt Krise hinter sich

Mitarbeiter des Porzellanherstellers Rosenthal demonstrieren 2007 gegen den geplanten Stellenabbau. Foto: Marcus Führer/dpa-Archiv

SELB. Klingende Namen aus Selb, die deutsche Porzellantradition jahrzehntelang in die Welt hinaus trugen: Krautheim, Heinrich, Hutschenreuther, Rosenthal. Doch zuletzt blieb nur noch Rosenthal übrig. Umso deutlicher ist der 9. Januar 2009 vielen Porzellinern in bleierner Erinnerung. „Einen schwarzen Tag für Rosenthal“ nannte der damalige Vorstandschef der Rosenthal AG, Ottmar C. Küsel, den Tag vor genau zehn Jahren, als das einstige Vorzeigeunternehmen in die Insolvenz schlitterte. 

Angeschlagen war das Unternehmen vor allem wegen des immer schneller voranschreitenden Strukturwandels bereits vorher. Zwei Jahre zuvor, im Frühjahr 2007 gingen über 3000 Menschen auf die Straße, um gegen einen geplanten Stellenabbau zu demonstrieren. „Du warst für uns ein Held, seit deinem Tod ist Rosenthal in Not“, stand in großen Lettern auf Plakaten, die ein Bild von Philip Rosenthal, dem 2001 gestorbenen Unternehmer, zeigten. Ein Jahr später mussten trotzdem 270 Mitarbeiter gehen.

„Der Insolvenz ist ein quälender Prozess vorausgegangen“, erinnert sich der damalige Selber Oberbürgermeister Wolfgang Kreil im Gespräch mit unserer Zeitung. Zunächst hätten die Beschäftigten auf Teile ihrer Gehälter verzichtet, sagt Kreil. Doch das hätte am Ende nichts mehr gebracht. Die Nachricht der Insolvenz hat nach seinen Worten in der Stadt „wie eine Bombe eingeschlagen“. Als die Porzellanindustrie weggebrochen ist, hat es vielen die Füße weggezogen“, sagt er.

„Teilweise liefen ganze Familien Gefahr, dass ihnen die Lebensgrundlage entzogen wird“, sagt Ulrich Pötzsch, Kreils Nachfolger im Amt des Oberbürgermeister und damals in seinem ersten Jahr als Stadtrat. „Es war für alle eine Schocksituation und lange war nicht klar, wie und ob es überhaupt weitergeht.“ Auch am zweiten Rosenthal-Standort in Speichersdorf im Landkreis Bayreuth gab es bange Blicke nach Selb. „Mein Bürgermeister-Kollege war hochnervös“, sagt Kreil. 

Insolvenz zog Kreise bis nach München

Die Insolvenz des Porzellanherstellers zog weite Kreise, sogar bis nach München. Schon einen Tag, nachdem die Meldung der Insolvenz die Runde gemacht hat, stattete der damalige bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP), der Stadt einen Besuch ab und stellte die Hilfe der Staatsregierung in Aussicht. Und die kam auch, als Insolvenzverwalter Volker Böhm am 20. Juli 2009 mitteilte, dass der italienische Besteckhersteller Sambonet Paderno unter Führung von Pierluigi und Franco Coppo zum 1. August den Geschäftsbetrieb von Rosenthal übernimmt.  

Fünf Millionen Euro aus Mitteln der Regionalförderung hatte Zeil mit im Gepäck, als er nur wenige Tage nach der guten Nachricht in die Porzellanstadt kam. „Die Bedingung für finanzielle Unterstützung aus dem Wirtschaftsministerium war aber, dass Arbeitsplätze erhalten bleiben“, schildert Kreil die damaligen Überlegungen.  

„Pierluigi Coppo ist es gelungen, Rosenthal zu stabilisieren und in eine neue Zukunft zu führen“, lobt Pötzsch die Anstrengungen des Italieners. „Als neuer Eigentümer hat er sowohl den Wert der Firma als auch der Marke erkannt.“ Und Wolfgang Kreil ergänzt:  „Rosenthal hat seitdem wieder einen echten Unternehmer als Chef.“

Eine reine Monokultur

Rosenthal war gerettet. Jahrzehntelang hatte sich die Stadt Selb, die einmal knapp 24.500 Einwohner zählte und aktuell etwa 15.000 hat, einzig und allein auf die Porzellanindustrie konzentriert. „In den Porzellanfabriken waren Tausende Menschen beschäftigt, die Druckereien arbeiteten für die Porzellanindustrie, die Schreiner arbeiteten für sie“, zählt Kreil auf. Eine reine Monokultur.  

Selb sei glücklich, dass es nach wie vor Porzellanstadt sei, betont Pötzsch. „Mit porzellanproduzierenden Firmen vor Ort.“ Drumherum habe sich mittlerweile aber eine gesunde Wirtschaftsstruktur entwickelt: von Dienstleistern angefangen über andere Industriebetriebe, Behörden und Forschungseinrichtungen.

Ganz erholt habe sich die Stadt vom Strukturwandel zwar noch nicht, sagt Kreil. „Aber die großen Probleme sind weg.“ Und trotzdem: Selb hat weiterhin seinen Weltruf als Porzellanstadt. 2001, in seinem ersten Jahr als Bürgermeister, da hätten an manchen Tagen Dutzende junge Leute bei ihm im Büro gestanden, die keinen Job fanden, erinnert sich Kreil. „Heute werben die Firmen darum, dass junge Leute zurückkommen. Das ist doch ein Wandel.“ 


Unternehmensgeschichte

1879 gründet Philipp Rosenthal das Unternehmen in Selb

1950 tritt sein Sohn Philip Rosenthal ins Unternehmen ein

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verschärft sich die Konkurrenz aus Asien, 1995 gerät die Rosenthal AG tief in die roten Zahlen

1997 kauft der irisch-britische Konzern Waterford Wedgwood das Unternehmen

2007/2008 kommt es zu Entlassungen, die Zahl der Mitarbeiter sinkt auf 1350

Am 9. Januar 2009 meldet die Rosenthal AG Insolvenz an

Im August 2009 übernimmt die italienische Sambonet-Gruppe das Unternehmen

 

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