Inklusion in Bayreuth: Über 100 Vorschläge

Es sind häufig Kleinigkeiten, die Behinderten das Leben schwer machen. Bayreuth soll barrierefrei werden. Foto: Archiv

18 Sitzungen, sechs Arbeitsgruppen, 200 Mitwirkende und ein Jahr Zeit: Für die Stadt gibt es ein nun Handlungsprogramm, das auf die Belange von Menschen mit Behinderungen eingeht. Es soll ihnen mehr Teilhabe ermöglichen und Barrieren abbauen. Der Aktionsplan Inklusion ist auf 214 Seiten niedergeschrieben. Er enthält mehr als 100 Vorschläge.

Bettina Wurzel, die Behindertenbeauftragte der Stadt, ist seit drei Jahren im Amt. Hinter ihr liegt ein Marathon aus ungezählten Treffen und Gesprächen. Netzwerkerei nennt man das heute. Mit dem Ergebnis ist sie zufrieden. Sie war bei all den Sitzungen dabei. Sie hat gehört, wo der Schuh drückt. Sie hat auch vernommen, was sich ändern soll. Bettina Wurzel hat verstanden.

"Wir hatten eine konstruktive Stimmung", sagt sie. Und: "Wir haben viel erreicht." Schließlich stammen alle Vorschläge und Anregungen von Betroffenen und somit aus erster Hand. Die Stadt verfügt damit über sehr genaue wie auch breit gefächerte Erkenntnisse über die besonderen Bedürfnisse der Betroffenen. Eben das mache die große Errungenschaft des Aktionsplans aus, sagen Bettina Wurzel und Manuela Brozat, die Sozialreferentin der Stadt.

UN-Konvention

Der erste Plan für die Behindertenarbeit in der Stadt stammt aus dem Jahr 2002. Die Vereinten Nationen legen später mit ihrer Behindertenkonvention die Messlatte etwas höher. Deutschland hat die Übereinkunft im Jahr 2009 ratifiziert. Seitdem ist Inklusion das Ziel. Bürger mit und ohne Einschränkungen sollen danach zusammen leben können. Für alle sollen sich die gleichen Chancen eröffnen. Alle sollen an der Gesellschaft teilhaben können.

Der Aktionsplan Inklusion soll helfen, Barrieren in der Stadt abbauen. Nun heißt es, die Vorschläge umzusetzen. "In den vor uns liegenden Monaten werden wir darüber beraten, wo wir anfangen", sagt Bettina Wurzel.

Um den langwierigen Prozess für den Aktionsplan zu begleiten, hatte die Stadt für 30.000 Euro das Bamberger Institut beauftragt. Los gehen sollte es ursprünglich schon 2014. Doch dann beschäftigten die eintreffenden Flüchtlinge das Sozialamt. Noch im November 2016 wurden 2000 Fragebögen an Behinderte und deren Angehörige werden verschickt. Etwa ein Viertel der Empfänger antworteten. Zudem wurden ausführliche Interviews geführt. 93 Menschen kamen zur Auftaktveranstaltung im November 2016 ins Rathaus.

Ehrgeiziges Ziel gesetzt

Bettina Wurzel war schon damals optimistisch. Sie vertritt die Belange der Behinderten in der Stadt seit 2005. Mit dem Aktionsplan hatte sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Oft habe sie gehört: "Das bekommen wir hier doch nicht hin." Doch dann war der erste Schritt getan. Schon ein Dreivierteljahr später, sprich Sommer 2017, sollte der fertige Aktionsplan vorgestellt werden und dem Stadtrat zum Beschluss vorliegen. Doch dann wurde es April 2018.

Die Arbeitsgruppen beschäftigten sich mit den Themen Wohnen sowie Freizeit, Kultur und Sport. Information. Ein weiterer Kreis befasste sich mit Fragen der Öffentlichkeitsarbeit und der Barrierefreiheit in den Köpfen. Andere Gruppen berieten über Mobilität und Barrierefreiheit sowie frühkindliche Erziehung und das Thema Arbeit und Beschäftigung.

Praktische Vorschläge

Die oft praktischen Vorschläge sehen unter anderem Verbesserungen im Busverkehr vor. Es gibt aber Vorschläge, die langfristig gedacht sind: So im Bereich des behindertengerechten Wohnens. Der Aktionsplan ist die Grundlage für die nächsten Jahrzehnte.

Zeitnah stehen auch die Schulung und Sensibilisierung von Mitarbeitern der Stadt im Umgang mit Menschen mit Behinderung an. Es gelte aber auch, die Bereitschaft für den Bau von barrierefreien Wohnraum für Menschen mit Behinderung und für inklusive Wohnprojekte zu stärken.

Derartige Aktionspläne gibt es auch in Fürth, Regensburg, Fürstenfeldbruck und München. Bayreuth war im November 2016 die erste Stadt in Nordbayern, die sich um einen Aktionsplan kümmerte - trotz der angespannten Haushaltslage. Die für 2018 bereit gestellten Sachmittel bezifferte Brozat auf 25 000 Euro. Es sei aber sinnvoll, diesen Betrag im kommenden Jahr auf 50 000 Euro zu erhöhen. Derzeit prüfe die Regierung von Oberfranken den städtischen Haushalt. Liege die Genehmigung vor, könne die halbe Stelle fürs Inklusionsbüro ausgeschrieben werden. Darauf folgende das Auswahlverfahren unter den Bewerbern, so Brozat.

Jeder Zehnte schwerbehindert

Das Thema geht in Bayreuth viele an. In der Stadt ist die Zahl der Menschen mit Schwerbehinderung in den vergangenen 20 Jahren von 6858 auf 8160 gestiegen. Mehr als jeder zehnte Bayreuther ist schwerbehindert. Noch größer ist der Anteil derer, die eine körperliche oder geistige Einschränkung haben. Die meisten davon sind 65 bis 80 Jahre alt. Die größte Gruppe mit 67 Prozent bilden die Menschen mit körperlicher Behinderung, dann folgen chronisch Kranke und psychisch behinderte Menschen. 27 Prozent darunter sind gehörlos oder blind. ub

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