In der Krise Therapeuten arbeiten am Limit

25.08.2018, Bayreuth, Neptunbrunnen, Keideaktion, Physiotherapeuten, Foto: Andreas Harbach

BAYREUTH. Es geht um Arbeitsbedingungen, Vergütung und gesellschaftliche Anerkennung: Am Samstag wiesen Bayreuther Physio- und Ergotherapeuten sowie Logopäden und Podologen auf dem Markt am Neptun-Brunnen auf ihre schwierige Lage hin. Mit Kreide malten mehr als ein Dutzend Beteiligte Slogans auf das Pflaster. Therapeuten am Limit, lautete die Botschaft. Gegen Mittag war so ein großes, buntes Gemälde entstanden.

Das Problem: In den vergangenen Jahren hatten selbstständige und angestellte Therapeuten versucht, mit den sich stets verschlechternden Bedingungen zurecht zu kommen. Doch nun sei die Situation in den einzelnen Berufszweigen nicht länger tragbar. Die Einkommen reichten kaum zum Überleben. Dass Therapeuten fehlen, wirke sich negativ aus Und zwar gleichermaßen auf die Beschäftigten und die Patienten. Letztere würden im 20-Minuten-Takt abgefertigt, obwohl längere Behandlungszeiten wünschenswert seien, so Lucia Sollik. Sie ist seit mehr als 20 Jahren Physiotherapeutin.

Forderungen: Die Vergütung im ambulanten Bereich, in dem die Mehrheit der Therapeuten tätig sei, müsse verbessert werden. 2300 Euro brutto im Durchschnitt genügten nicht, um eine Familie zu ernähren und den Lebensabend zu sichern. Dieses Einkommen sei auch kein Anreiz für junge Leute, den Beruf zu erlernen. Wichtig seien den Therapeuten auch längere Behandlungszeiten für ihre Patienten. Die Vergütungssituation, von den Krankenkassen vorgegeben, lasse das jedoch nicht zu. „Wir können uns natürlich für die Behandlung des Patienten mehr Zeit lassen“, sagt Sollik, „würden dann aber gratis arbeiten.“

Nachwuchskräfte: Die prekäre Lage wirke bis in den Nachwuchs hinein, schilderte Stefanie Meßner, Auszubildende am Klinikum. Wie sie sagte, fielen an privaten Schulen für die dreijährige Ausbildung 500 bis 600 Euro Gebühren pro Monat an. Es komme sogar vor, dass junge Therapeuten sich für die Ausbildung verschulden, weil es zu wenig staatliche Schulen gebe. Die junge Frau geht am morgigen Dienstag in die Prüfung. Anschließend will sie im Allgäu arbeiten. Für eine Stelle in einer größeren Stadt reiche das Einkommen nicht.

Patienten betroffen: Die Situation der Therapeuten erreicht unterdessen auch die Patienten. "Es kommt vor, dass selbständige Therapeuten wegen der hohen Arbeitsbelastung in ihren Praxen hilfebedürftige Kranke abweisen", so Lucia Sollik. Der hohe Druck und zudem wirtschaftliche Zwänge hätten noch eine andere für die Patienten schwerwiegende Folge: Die Therapeuten müssten auf Hausbesuche verzichten. Das trifft besonders ältere Menschen, Was es praktisch bedeutet, schilderte Jutta Billenstein, Bayreuth/Roter Hügel. Mit ihrem Mann pflegt sie ihre behinderte Tochter. Die 30-Jährige ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie bekommt einmal pro Woche eine neurophysiologische Therapie. "Wir brauchen die Hausbesuche", sagte Jutta Billenstein. Weil es die aber nicht mehr gibt, müssen die Billeinsteins ihre Tochter jede Woche zur Behandlung bringen. Dafür müssen sie mit dem Rollstuhl mehrere Stufen überwinden. Eine körperlich belastende Tätigkeit.

Die Politik: Während der Malaktion suchte die CSU-Landtagsabgeordnete Gudrun Brendel-Fischer das Gespräch mit den Therapeuten. Brendel-Fischer ist auch Mitglied des Gesundheitsausschusses. Sie erklärte, die Staatsregierung habe ein Antragspaket geschnürt, um die Lage in den Therapieberufen zu verbessern. Die Anträge wolle die Staatsregierung im Bundesrat vorlegen und dort für eine Mehrheit werben. Sollte sich die finden, könne der Bundesrat den Bundestag veranlassen, tätig zu werden.

Ausblick: Nach mehreren bundesweiten Aktionen seien Verbände und Politiker aufgewacht, so Lucia Sollik am Samstag. So finde am 13.September in Berlin ein Treffen der Berufsverbände mit Gesundheitsminister Jens Spahn statt. Ebenfalls im September fände in Bayern ein Therapiegipfel statt. Die Kreidemalaktion fand am Samstag auch in anderen Städten statt.

 

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