"Hunde, die wildern, darf man schießen" Wildernder Hund reißt Rehkitz bei Benk

Foto: red

Herbert Dippold ist ziemlich fertig mit den Nerven. Seit ein Hund ein Rehkitz gerissen hat. Fußgänger hatten den Kadaver des knapp acht Monate alten Tieres gesehen, wie er auf der Wiese lag. Hinten war der Körper angefressen – angeschnitten, wie die Jäger sagen. Ein ganzer Schlegel war weg. Und die Innereien waren auch schon raus.

Seit zwei Jahren hat Dippold das fast 1000 Hektar große Revier bei Benk. Eigentlich fängt er gerade erst richtig an, es zu hegen. Und jetzt ein Riss. Ausgerechnet nach diesem Winter.

Auch wenn es deren Natur ist – wenn man sieht, wie brutal manche Hunde vorgehen, das sei „gottserbärmlich", sagt Adolf Reindl, der Vorsitzende des Jägervereins Bayreuth. Der Kampf der gerissenen Rehe gegen den Tod ist lange und er „ist grausam". Er weiß, dass es nur gelegentlich Hunderissen gibt. Viele, die meisten Besitzer seien vernünftig. Aber wie im richtigen Leben gebe es auch hier schwarze Schafe, die ihre Tiere nicht beaufsichtigen. „Eigentlich müsste ich den Herrn erschießen", zischt er. 200 Euro hat er mal einem abgeknöpft, dessen Hund ein Reh gejagt hatte.

Nichts zu machen

In diesem Winter seien fünf Fälle von wildernden Hunden in der Region bekannt geworden, Jäger rechnen mit einer wesentlich höheren Dunkelziffer. In der Region Bayreuth-Pegnitz gibt es fast 200 Reviere. Hunde, die dort wildern, sind für die Polizei ein spezielles Problem. Was soll man machen, sagt ein Sprecher, „Fußabdrücke der Pfoten nehmen?"

Kritisch ist es nur, wenn Herrchen oder Frauchen recht schwach sind, sich nicht durchsetzen können. Wenn sie „aus Statusgründen" einen Hund hätten. Reden helfe. Mit fast allen könnte man reden über ihre Hunde, sagt Jäger Reindl. Nur ein Drittel etwa seien harte Fälle. Was dem Jäger bleibt, ist nur an die Vernunft der Hundehalter zu appellieren.

Was treibt einen Hund dazu, derart auszuflippen? „Er muss gelernt haben, dass es Spaß macht zu jagen", sagt Alexander Becker, der Inhaber des Jagdzentrums Oberfranken. Und wenn der Hund Erfolg hatte – Hunde lernen mit Erfolg – „kriegt man es kaum wieder raus". Manchmal sei ein wildernder Hund einfach nur ein Zeichen dafür, dass er unterfordert sei, sagt Becker, und sich einen Ausgleich sucht. Zumindest aber sei es ein klares Zeichen dafür, dass der Hund nicht richtig hört. Beckers Rat: Immer an die Leine.

Jagdrecht erlaubt Schüsse auf Hund

Reißt der Hund ein Reh, hat der Besitzer seine Aufsichts- und Obhutspflicht vernachlässigt. Die Chance, das Tier zu finden und den Besitzer haftbar zu machen, sei gering. Die Alternative wäre, den Hund zu schießen. „Hunde, die nachweislich wildern, darf man schießen. Das erlaubt das Jagdrecht", sagt Becker, der Jäger. Allerdings: Wer erschieße schon gerne einen Hund?

Der Jäger müsse abwägen, was höher einzuschätzen sei: der Schutz des Wildtieres oder des Haustieres. Das Reh ist auf jeden Fall das von beiden, das gefährdeter ist: Weil es bejagt werden muss, es im Moment wenig zu fressen hat und in permanente Beunruhigung lebt wegen der „Beutegreifer" wie dem Luchs. „Dann noch die Hunde – der Cocktail ist ziemlich übel", sagt Becker.

Nur eine Ordnungswidrigkeit

Wird der Besitzer doch gefunden, droht ihm nicht viel: Ein gerissenes Reh ist nur eine Ordnungswidrigkeit. Höchstens den Schaden am verlorenen Wildpret muss er ersetzen, Wild gehört gar keinem. Es sei ein Schaden, der nicht „in Euro und Cent" zu messen sei, sagt Becker.  Es gehe um eine Form von Rücksichtnahme gegenüber der Natur.

Und die müsste gerade jetzt ziemlich groß sein. Denn die Wildarten seien relativ geschwächt, weil es sehr lange kalt war. Und alle Geißen, also die Weibchen, sind kurz vorm Setzen. Auf Deutsch: Sie sind alle schwanger. Eigentlich haben sie jetzt Schonzeit: weil es eine Notzeit ist, in der es nichts zu fressen gibt und sich die Embryonen sich im Mutterleib entwickeln.

Störungen kosten Energie

„Futter brauchen sie und Ruhe", sagt Becker. In erster Linie Ruhe. Mountainbiker, Skiläufer oder Nordic Walker, daran  ist es gewohnt. Aber streunende Hunde – das bedeutet für die Tiere puren Stress. Das Reh unterscheidet nicht zwischen einem Wolf und einem Hund.

Mountainbiker, Jogger, Skifahrer – solange die auf den Wegen blieben, daran haben sich die Rehe gewöhnt. Es wittert das Tier und schaltet sofort um auf höchste Notlage. Und das bei einem heruntergefahrenen Stoffwechsel. Binnen Sekunden. Das kostet nicht nur Energie, die es wieder hereinfressen muss. Was es im Frühling nur mit frischen Knospen schafft. Das kann ein Reh sogar krank machen.

 

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