"Holländer" bei Festspielen "Ein Mann, der seine Gefühle verlernt hat"

BAYREUTH. Er möchte absurdes Theater für eine immer absurdere Welt machen und hat ein Herz noch für Menschen, die ihm Kapitalismus ihre Gefühle verlernt haben. Jan Philipp Gloger entdeckte im „Holländer“ die tieftraurige Seite der Titelfigur. Zweimal setzt sein „Holländer“ in Bayreuth noch Segel, dann lichtet Gloger den Anker und nimmt Kurs aufs Staatstheater Nürnberg.

Hier standen Sie vor sechs Jahren mit dem „Fliegenden Holländer“ von Richard Wagner im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, jetzt sind Sie am Richard-Wagner-Platz in Nürnberg Schauspiel-Direktor. Eine Reise von Wagner zu Wagner sozusagen.

Jan Philipp Gloger: Ja, das stimmt, er lässt mich nicht los. Er hat mich überhaupt die vergangenen Jahre hindurch begleitet, es war nur im vergangenen einmal Pause. Überhaupt hat mich auch Bayreuth die vergangenen sechs Jahre lang begleitet, ich bin jedes Jahr gerne einige Male hierher gefahren. Das Angebot, hier jedes Jahr nochmal weiter zu arbeiten, habe ich auch wirklich gerne angenommen.

Was macht für Sie dieses Haus am Grünen Hügel so attraktiv?

Gloger: Letztlich sind es die Menschen, die ein Theater tragen, nicht die Ideen. Gerade ein Regisseur, dem die Figuren erstmal wichtiger sind als die Bilder findet, dass das, was die Schauspieler tun, was sie auf der Bühne verhandeln, das wichtigste ist, ist das Arbeiten hier etwas Besonderes. Man kann hier bei jeder Sängerpersönlichkeit eigens ansetzen und mit ihr kontinuierlich arbeiten. Es wird immer mehr Usus in der Oper, dass die Leute gerade mal kurz eingearbeitet werden. Ich aber nehme Angebote gar nicht an, wenn die Probenzeiten zu kurz sind.

Aber gerade Sie hatten ja ziemlich Pech mit Ihrem Hauptdarsteller, damals, als Evgeni Nikitin wegen eines mutmaßlichen Hakenkreuz-Tattoos auf der Brust die Rolle schmiss.

Gloger: Gerade dann, wenn man sich so auf die Arbeit an der Figur konzentriert, ist das richtig schlimm. Was man in sechs Wochen erarbeitet hat, lässt sich nicht in einer Probe nachholen. Insofern wurde der „Holländer“ erst in den folgenden Jahren gewonnen. Er war damals natürlich beschädigt. Man kann das auf dem Niveau, das in Bayreuth herrscht, nicht einfach ausgleichen, wenn man ein paar Stunden vor der Generalprobe einen neuen Holländer bekommt.

"Meine Opernkarriere hat nach Bayreuth begonnen"

Ja, wenn man nun den Anruf erhält, der einem sagt, dass man ein richtiges Problem hat: Wie geht man mit dem Schock um?

Gloger: Mich hat Katharina Wagner persönlich informiert. Nun ist es so, dass man im Theater immer gegen die Zeit arbeitet. Man steht immer unter Strom. Theater ist Krise, hat Heiner Müller mal gesagt. Wenn man keine Lust hat, sich mit Krisen auseinanderzusetzen, dann ist man falsch in diesem Beruf. Bei mir griff der Automatismus so, dass ich nicht im Schock verharre, sondern versuche, damit produktiv umzugehen. Also habe ich mir nicht so wahnsinnig viele Gedanken gemacht, ich habe einfach nur überlegt, wie wir schnell den besten Weg aus der Problematik rausfinden.

Sie waren damals noch ein relativ unerfahrener Opernregisseur.

Gloger: Meine Opernkarriere hat eigentlich überhaupt erst nach Bayreuth begonnen. Davor hatte ich nur zwei Opern gemacht.

Die erste, glaube ich, habe ich gesehen. Den „Figaro“ in Augsburg...

Gloger: Wie hat es Ihnen gefallen?

Ganz gut, ist allerdings auch schon acht, neun Jahre her. Da war etwas mit Transparenten...

Gloger: Richtig, damit haben die Hausangestellten damals demonstriert, im Keller, einer Art Waschküche. Sie demonstrierten gegen einen Arbeitgeber, der eine Kampagne gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ausgerufen hatte, sich aber selbst nicht so ernsthaft daran halten wollte. Ich kam später aus Bayreuth mit neuen Kenntnissen zurück und habe die umsetzen können. Ich habe mir sozusagen die Opernwelt danach ein bisschen erobert. Ich bin immer gerne hierhergekommen, es lässt sich sehr gut arbeiten in Bayreuth, man ist sehr konzentriert hier, und man merkt, dass die Leute gern hier sind. Doch, ich bin wirklich sehr gerne hierher zurückgekommen. Mir wurde mit der Zeit immer klarer, dass ich irgendwann die Verantwortung einer Leitung übernehmen wollte. Ich habe einfach Lust, Verantwortung zu tragen. Am besten in der Kunstform, aus der ich komme. Und das ist das Schauspiel. Deswegen dieser Gang nach Nürnberg.

"Ich habe den Holländer nicht als Phantom gezeichnet"

Nach Augsburg hätten Sie, wenn man sich die heutige Diskussion über Macht und sexualisierte Machtausübung ansieht, auch als Prophet Ihr Geld verdienen können...

Gloger: Die Figaro-Inszenierung müsste man eigentlich im Rahmen der #Metoo-Debatte wieder aufnehmen. Mozart ist so unglaublich gut darin, dauerhafte Themen aufzunehmen. Und so beschreibt er fesselnd auch das Phänomen, dass Macht sexy machen kann. Die ganze Geschichte ist doch ambivalent, Susanna ist immerhin auch ein bisschen in den Grafen verliebt. Macht und Machtmissbrauch: Das sind spannende Ambivalenzen. Da sieht man, wie die La-Ponte-Opern den Kern der Sache treffen. Ich hoffe, dass ich bald mal einen „Don Giovanni“ machen kann.

Auch Ihr Holländer ist ein ambivalenter Mann, nicht einfach ein Verfluchter, sondern einer, der sich erstmal mit Gefühlen auseinandersetzen muss.

Gloger: Ganz richtig. Ich habe den „Holländer“ nicht als Phantom gezeichnet, nicht als Projektion Sentas, sondern als Figur, die Gefühle verlernt hat, in einer Welt, in der es nur noch um Geld geht. Das ist doch so in der Welt, und seit der Premiere des „Holländers“ vor sechs Jahren ist das nicht besser geworden.

Sind Sie schon angekommen in Nürnberg?

Gloger: Im Moment bin ich noch Gast. Ich bin gerade auch umgezogen, wir proben aber schon an einer fulminanten Eröffnung. Wir werden da Ionesco zeigen, präsentieren also den Großmeister des absurden Theaters in einer immer absurderen Welt. Es ist doch so, man schaut morgens in die Zeitung und denkt sich: „Das gibt es doch nicht.“ Es ist höchste Zeit, das absurde Theater zu entstauben. Wir werden unter dem Ionesco Zitat „Ein Stein Fing Feuer“ als Titel verschiedene Texte von Ionesco kombinieren. Das ist das erste, was die Leute in der kommenden Saison von uns sehen werden. Ich würde mich freuen, wenn viele Bayreuther den Weg zu uns finden. Wir haben uns in Nürnberg viel vorgenommen, ich hoffe auf eine ganz tolle erste Spielzeit. Das wichtigste ist mir, das Spektrum von Theater in seiner ganzen Breite zu zeigen. Wir werden Dieter Dorn in Nürnberg haben, aber auf der anderen Seite auch Boris Nikitin aus der freien Szene, wir haben in Anne Lenk eine Hausregisseurin, wir haben psychologisches Figurentheater, Literaturtheater, neben einigen Experimenten. Zum Beispiel haben wir eine freie Gruppe, die bei Recherchen in Nürnberg, aber auch im Südsudan das ambivalente Phänomen der Unabhängigkeit untersucht. Wir freuen uns, wenn wir die Menschen mit einem breiten Spektrum mit großer Qualität und großen Bandbreite überraschen können. So, das musste jetzt sein: mein Werbespruch fürs Staatstheater Nürnberg.

Kommt Dieter Dorn mit Bühnenbildner-Legende Jürgen Rose, mit dem er hier in Bayreuth auch schon mal den „Holländer“ inszeniert hat?

Gloger: Dorn arbeitet nicht mehr ausschließlich mit Rose zusammen. Er will Beckett und Feydeau zeigen und hat sich für ein spannendes junges Ausstatterteam entschieden, mit dem er schon gearbeitet hat. Ich arbeite gern mit Dieter Dorn zusammen. Als er Intendant am Residenztheater im München war, habe ich meine ersten vier Jahre als Regisseur dort erlebt und konnte ein, zwei Inszenierungen pro Jahr machen. Was mich dort beeindruckt hat, ist die Liebe zu den Figuren. Keine Figur hat einfach unrecht, jede wird ernst genommen.

Wenn ein neuer Schauspieldirektor kommt, müssen oft altgediente Schauspieler gehen. Auch bei Ihnen. Wie sind die Reaktionen darauf?

Gloger: Wir haben aktuell Zahlen, wie viele Abonnements gekündigt wurden, und das sind völlig normale Zahlen. Ein Viertel des neuen Ensembles besteht aus Mitgliedern des alten Ensembles. Das ist nun auch wahrlich kein Kahlschlag, und die Stimmung ist auch nicht aufgebracht.Es gibt einige Menschen, die traurig sind. Das verstehe ich auch nach einer Direktion von 18 Jahren. Gerade diese 18 Jahre sind aber auch ein Argument, einiges neu anzufangen. Ich kann nur sagen, dass ich viele Arbeitsbeziehungen fortsetzen werde und dass das Ensemble internationaler wird. Die Gesellschaft hat sich gewandelt, und sie soll sich auch auf der Bühne wiederfinden. Ein Viertel der Schauspieler ist mit einer anderen oder zweiten Muttersprache aufgewachsen. Das legt nahe, dass diese Menschen andere Geschichten zu erzählen haben. In einer Stadt mit so hohem Migrantenanteil wie in Nürnberg ist das geboten. Wir machen weiterhin Figuren- und Literaturtheater auf hohem Niveau, aber eben auch neue Formen. Die Gesellschaft ist jetzt eine andere. Warum sollte die Kulturinstitution, in der es um den Menschen und seine Probleme geht, davor die Augen verschließen?⋌


Zur Person

Jan Philipp Gloger (Jahrgang 1981) ist ab der kommenden Saison Schauspieldirektor des Staatsschauspiels Nürnberg. Gloger inszenierte nach dem Studium in Gießen und Zürich unter anderem am Residenztheater, am Deutschen Theater Berlin und am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. 2010 inszenierte er in Augsburg als erste Oper Mozarts „Le Nozze di Figaro“, nach seinem Bayreuther Regiedebüt 2012 mit dem „Holländer“ inszeniert Gloger weriterhin überweigend Schauspiel, aber auch zunehmend Opern.

 

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