"Hitler. Macht. Oper" Schon 20.500 Besucher sahen die Sonderschau

Der Historiker und wissenschaftliche Mitarbeiter am Forschungsinstitut für Musiktheater in Thurnau ist einer der Kuratoren der Ausstellung. Foto: Ute Eschenbacher

THURNAU/NÜRNBERG. Das Forschungsinstitut für Musiktheater (fimt) in Thurnau ist mit seiner Sonderausstellung "Hitler. Macht.Oper" auf der Zielgeraden. Noch bis 3. Februar ist die Schau über Propaganda und Musiktheater in Nürnberg im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände zu sehen. Bisher wurden rund 20.500 Besucher gezählt.

Damit zeigten seit Mitte Juni 111 Besucher täglich Interesse an der historischen Verbindung zwischen Musiktheater und nationalsozialistischer Propaganda. Knapp 40 Gruppenführungen mit durchschnittlich 15 Teilnehmern wurden veranstaltet. "Beide Werte liegen leicht unter der als ungewöhnlich erfolgreich eingestuften Sonderausstellung zu Albert Speer im vergangenen Jahr 2017", teilt Daniel Reupke, einer der Kuratoren mit. Der Historiker arbeitet seit 2014 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsinstitut der Universität Bayreuth auf Schloss Thurnau.

Politik wird zu Theater, Theater zu Politik

Die Inszenierungspraktiken auf dem Reichsparteitagsgelände wiesen eine große Ähnlichkeit mit jenen Inszenierungen auf, die auf der Opernbühne zu sehen waren. Deshalb wollten die Wissenschaftler wissen: "Kommt in der Zeit nach 1933 auch NS-Ideologie auf die Opernbühne?" Politik wird zu Theater, Theater zu Politik: Eine fächerübergreifende Arbeitsgruppe unter der Leitung von Prof. Anno Mungen wurde gegründet, die sich genau mit diesen Wechselbeziehungen befasste. Mit dem Dokumentationszentrum als Partner seien zwei internationale Tagungen und die Sonderausstellung organisiert worden, so Reupke weiter. Zwei Abschlusspublikationen sollen im Sommer 2019 folgen.

Zeitzeugen erinnern sich zurück

"Hitler. Macht. Oper" ist Reupke zufolge mindestens die größte Ausstellung über Nationalsozialismus und Musiktheater seit dreißig Jahren, wenn nicht die größte seit dem Zweiten Weltkrieg. Sie erstreckt sich über mehrere Räume und weist eine Vielzahl von Exponaten auf. "Wer in die Ausstellung geht, soll Atmosphäre haben, der soll mitfühlen und inszenierte Kraft spüren können", sagt Reupke. Die Konzeption der Ausstellung begann mit einem Zeitzeugenaufruf. So sei es zu Kontakten zu Nachkommen ehemaliger Sänger gekommen. Danach seien Archivalien zum Beispiel im Nürnberger Stadtarchiv, im Bundesarchiv in Berlin und in der Theaterwissenschaftlichen Sammlung in Köln gesucht worden. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) förderte das Projekt von 2017 bis 2019.

Von den Meistersingern zur Götterdämmerung

Laut Reupke ist sogar so viel Material vorhanden, dass die deutsche Nachkriegszeit noch weiter erforscht werden könnte. Ein studentisches Teilprojekt über weibliche Künstlerbiographien und Frauenbilder sei gesondert gefördert worden. Die Sonderschau beginnt im Jahr 1922 mit der Übernahme der Intendanz von Johannes Maurer und erstreckt sich bis in die Mitte der 1950er Jahre. "Es kippt 1933 nichts spontan um und es gibt 1945 keine Stunde Null. Das waren Übergänge, die eine Vorgeschichte und eine Nachwirkung haben. Das darzustellen und zu zeigen, war uns wichtig." Die "künstlerische Klammer" bildet die "Meistersinger"-Aufführung von 1935 und die "Götterdämmerung" von 1944, mit der das Theater geschlossen wurde.

Nürnberg, der ideale Untersuchungsort

Warum wurde Nürnberg untersucht und Bayreuth nicht? Dies wäre durchaus ein Folgekonzept, lässt Reupke wissen. "Das Staatstheater in Nürnberg hat unser Projekt angeregt. Nürnberg ist ein idealer Untersuchungsort, um die Widerspiegelungen von Kultur und Politik, Opernbühne und Reichsparteitagsgelände zu untersuchen." Die Stadt der Meistersinger ist zugleich Stadt der Reichsparteitage - und die Nationalsozialisten bestimmten über den Theaterspielplan und die Ästhetik auf der Bühne. In Bayreuth gebe es keinen ständigen Opernbetrieb, sondern die Besonderheit eines jährlichen Festivals. Bayreuth sei zudem durch Brigitte Hamann bereits sehr gut untersucht worden.

In einem Raum geht es dennoch nur um Wieland Wagner, der 1943/44 in Nürnberg den "Ring" inszenierte. Er war auch für Bühnenbild und Kostüme der "Holländer"-Aufführung verantwortlich. Das Nürnberger Opernhaus sei mit der jährlichen Festaufführung stets Teil der Reichsparteitage gewesen. In den Meistersingern habe sich Richard Wagner ein Nürnberg ausgemalt, das es so längst nicht mehr gegeben habe. Die ersten Inszenierungen seien jedoch "fachwerkschwer", obwohl Nürnberg bereits eine vorindustrialisierte Stadt gewesen sei.

Eindeutiger, nationaler Charakter

Die Ideologisierung ist in Bayreuth unterschwelliger, findet Reupke. "Klar ist, dass die Festspiele und die gespielten Stücke einen eindeutig nationalen Charakter hatten." Allerdings habe sich Siegfried Wagner Ende der 1920er Jahre jede politische Stellungnahme verbeten. Hitler sei in Bayreuth viel stärker als Privatmann, im Frack und nicht in Uniform, und als Wagner-Fan aufgetreten. Dies zeigten privaten Bilder mit Wolfgang und Wieland Wagner. "Die politischen Ebenen in Bayreuth sind also bedeutend tiefschichtiger und haben weniger einen offensichtlich inszenatorischen Charakter, auch wenn die Festspiele natürlich eine größere nationale Bedeutung hatten, als die Nürnberger Oper."

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Passwort vergessen?
  2. * = Pflichtfeld
Sie haben noch keinen Benutzer-Zugang? Jetzt registrieren!

Wenn Sie einen Kommentar verfassen, so wird dieser unter Ihrem Klarnamen, also dem von Ihnen angegebenen Vor- und Nachnamen veröffentlicht. Sollte Ihr Kommentar nicht sofort erscheinen, bitten wir Sie um etwas Geduld. Wir behalten uns vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen. Bitte beachten Sie hierzu auch unsere Netiquette.

loading