Heimerziehung Lehren aus dem Kinderleid

Wenn Kinder Gewalt erfahren: Tausendfach geschehen in Einrichtungen, die eigentlich zum Schutz von Kindern da sind. Foto: Archiv/Patrick Pleul/dpa

KOMMENTAR. Was für ein Glück, denke ich oft, dass ich bei liebevollen Eltern aufwachsen durfte. Und was für ein Unglück, wenn Kindern das nicht vergönnt ist und sie ins Heim müssen. An meine Kindheit in den 60er Jahren denke ich gern zurück. Tausende, die zur selben Zeit aus unterschiedlichsten Gründen in Kinderheimen verschiedenster Träger untergebracht waren, leiden noch heute unter traumatischen Erlebnissen aus dieser Zeit.

Kinder, deren Seelen ohnehin verwundet waren, wurden dort auch noch gedemütigt, misshandelt, isoliert, missbraucht. Keine Einzelschicksale, sondern mehrtausendfache Realität. Das hat unter anderem die Arbeit des runden Tisches in Berlin und der bayerischen Beratungsstelle am ZBFS gezeigt.

Bedrückend, was Sonja Djurovic von ihrer Jugend im Neuenmarkter „Mädchenerziehungsheim“ berichtet hat, das von Diakonissen betrieben worden war. Eine Geschichte von Erniedrigungen, Ausbeutung, Isolation, Gewalt.

Mit 50 Jahren Verspätung

Unbegreiflich und beschämend, wie lange Staat und Gesellschaft die Augen verschlossen hielten vor dem Leid der Kinder, das mit der Volljährigkeit nicht vorbei war. Stellen Sie sich vor: Ihr Kind würde gequält und sie stopften sich die Ohren zu, um die Schreie nicht zu hören. Genau so hat sich die Gesellschaft jahrzehntelang verhalten.

Mit 50 Jahren Verspätung kamen die Missstände plötzlich ans Licht, als wäre ein Damm gebrochen: Unmenschliche Zustände in früheren DDR-Heimen, sexueller Missbrauch und Misshandlungen in Heimen, Internaten, bei Knabenchören. Auffällig oft waren die Täter kirchliche Würden- und Funktionsträger.

Bei der späten Aufarbeitung stand nie das Geld im Vordergrund – ein paar tausend Euro entschädigen nicht für eine verlorene Kindheit. Es ging vor allem darum, die vieltausendfachen Leidensgeschichten überhaupt zur Kenntnis zu nehmen.

Aufarbeitung beginnt erst

Die Arbeit des bayerischen Fonds für ehemalige Heimkinder endet jetzt. An anderen Stellen hat die Aufarbeitung noch nicht einmal begonnen. Eine bundesweite Studie der katholischen Kirche hat kürzlich ergeben, dass 1946 bis 2014 mindestens 3677 Minderjährige von 1670 katholischen Kirchenmännern missbraucht worden sein sollen.

Auch die evangelische Kirche geht von hunderten Missbrauchsfällen in Gemeinden und diakonischen Einrichtungen aus. Sie hat gerade erst beschlossen, eine Untersuchung einzuleiten. Das Thema ist mitnichten vom Tisch. Leid und Missbrauch von Kindern gab es nicht nur in den fünfziger und sechziger Jahren, sondern gibt es noch heute auch in unserem Land.

Nie wieder, das ist die Lehre aus den vielen Leidensgeschichten, dürfen Verantwortliche, Aufsichtsbehörden und wir alle wegsehen, wenn Kinder in Not geraten. Und wer es doch tut, muss zur Verantwortung gezogen werden.

 

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