Heide (77) und Brigitte (80) on Tour

Heide Bock und Brigitte Halenta beweisen bei ihrer Tour durch Deutschland – hier in Bischofsgrün – , dass alt zu sein relativ ist. Foto: Andreas Gewinner

Das Wort „Seniorinnen“ mögen sie gar nicht. Heide Bock läuft jeden Tag 20 Kilometer, Brigitte Halenta schreibt Bücher und liest daraus vor. Und das tun sie derzeit gemeinsam, der Länge nach durch ganz Deutschland, immer unter dem Motto „Heide (77) und Brigitte (80) on Tour“. Diese Woche war Station in Bischofsgrün.

Die Läuferin: Heide Bock (77) ist Marathonläuferin und Weltrekordlerin. Sie hat wiederholt die Weltbestzeit im Halbmarathon in ihrer Altersklasse geschafft, im Oktober will sie am Frankfurt Marathon teilnehmen. Die einstige Lehrerin hat erst mit 60 mit dem Dauerlauf begonnen und hat auch zuvor keinen Sport im engeren Sinne getrieben. Aber, erzählt sie: „Ich bin Kriegskind. Und nach dem Krieg fuhr nichts, überall, wo man hin musste, musste man zu Fuß gehen. Ich hatte nicht die Geduld zu gehen, und bin immer gelaufen. Und das hat mein Körper gespeichert. So wie man Radfahren oder Schwimmen auch nicht nach langer Zeit verlernt.“ Stundenlanger Dauerlauf sei auch mit 77 Jahren kein Problem, nur brauche der Körper länger als bei einem jüngeren Menschen, sich wieder zu generieren.

Die Autorin: Brigitte Halenta (80) war Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Lübeck. Ihre Patienten waren „ganz normale Leute“, Menschen mit Partnerproblemen oder mit posttraumatischen Belastungsstörungen, mit Zwangs- oder Angststörungen. Sie hat schon immer gerne geschrieben, Gedichte, Prosa, aber vor allem für sich selbst. Als sie mit 60 Literatur suchte, Belletristik über eine Frau in der vergleichbaren Situation wie sie selbst, „fand ich nichts“ – kein Roman über Frauen an der Schwelle zum vermeintlich letzten Lebensabschnitt. Also schrieb sie selber einen: „Die Breite der Zeit“. Ein Roman „über eine Frau, die erst im Alter zu sich findet und sich neu erfindet“, wie es eine Leserin in einer Rezension auf Amazon auf den Punkt bringt.

Das Projekt: Heide Bock und Brigitte Halenta kennen sich seit rund 40 Jahren. Kennengelernt haben sie sich in einem „Selbsterfahrungs“-Seminar. Das war so eine Sache, die in den 70er Jahren populär war. Sie leben heute in München und Bremen, haben durchaus unterschiedliche Interessen, „wir merkten, wir drifteten auseinander und wollten was gemeinsam machen“, so Brigitte Halenta. Also beschlossen sie, gemeinsam von München nach Lübeck zu reisen. Heide läuft jeden Tag 20 Kilometer (im Augenblick wegen der Hitze weniger) und Brigitte Halenta – sie fährt mit dem Auto und trifft sich unterwegs mit der laufenden Heide, um gemeinsam Picknick zu machen – liest dann abends für jeden, der zum Zuhören kommt, 20 Seiten aus ihrem Roman. Auch um auf diesem Weg ihren Roman und ihre anderen Bücher etwas zu „promoten“. An diesem Tag sind sie aus Kemnath nach Bischofsgrün gekommen. „Deutschland ist so schön!“, schwärmt Brigitte Halenta. In Kemnath sind sie zum Frühstück zufällig in eine der ältesten Bäckereien Deutschlands geraten, in 19. Generation in der Familie geführt. Von der Burgruine Waldeck aus haben sie die oberpfälzische Landschaft aufgesogen. Das Navi wird nur im Notfall aktiviert, sich auch mal zu verlaufen oder zu verfahren ist Teil der Erfahrung.

Die Philosophie: Beide tragen einen Button am Kleid: „Old ist great“ – „Alt ist großartig“. Auf Brigittes Auto sind große Aufkleber: „Alter wird im Kopf gemacht“ – „Alter braucht Farbe“ – „Think Young“. Brigitte Halenta sagt: „Die Altersbilder der Gesellschaft müssen sich ändern. Alter hat nicht nur mit drohender Pflegebedürftigkeit zu tun. Man kann auch mit 80 noch tolle Sachen machen. Man braucht Hoffnung und Zukunft. Wenn man die mit 60 abgibt, wird man schnell alt.“

Info:Wer den beiden jung gebliebenen Damen auf ihrer ungewöhnlichen und inspirierenden Reise folgen will, kann dies tun unter brigittehalenta.de/blog

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