Hamburger Hochbahn verkauft Agilis

Eine EU-Verordnung zwingt den Senat, sich von allen Verkehrsbetriebs-Anteilen außerhalb von Hamburg zu trennen. Das wirkt sich bis Bayern aus. Die Fahrgäste spüren davon nichts.

Die Nachricht, dass sich die Hamburger Hochbahn (HHA) von allen Verkehrsbetrieben außerhalb der Hansestadt trennen möchte, ist an sich nicht neu. Bislang rätselten die Branchenbeobachter jedoch, wer die HHA-Anteile übernehmen würde. Diese Frage scheint nach längeren Verhandlungen hinter den Kulissen jetzt geklärt zu sein. Der bisherige Minderheits-Anteilseigner ist offensichtlich bereit, den 51-prozentigen Anteil der Hamburger zu übernehmen.

Viele Mitglieder

Rückblick: Bereits im Sommer 2015 hat ein ranghoher Privatbahnmanager im Gespräch mit unserer Zeitung nicht nur die Verkaufsabsichten für Agilis, sondern für die gesamte Benex GmbH bestätigt, unter deren Dach sich die HHA bislang an Ausschreibungen auf dem deutschen ÖPNV-Markt außerhalb von Hamburg beteiligte.

Zur 2007 gegründeten Benex-Gruppe gehören neben der Agilis Verkehrsgesellschaft, die mit ihren Zügen das Dieselnetz Oberfranken betreibt, und der Agilis Eisenbahngesellschaft mit ihrem E-Netz Regensburg auch die folgenden Bahngesellschaften mit Beteiligungen weiterer Partner: Cantus (Hessen), Metronom (Bremen und Niedersachsen), die Nordbahn (Schleswig-Holstein) und die Ostdeutsche Eisenbahngesellschaft ODEG (Berlin, Brandenburg, Sachsen); außerdem der Stadtverkehr Lübeck.

Wettbewerbsrechtliche Gründe

Dass sich die Freie und Hansestadt Hamburg als alleiniger Eigner der HHA nun von all diesen Tochtergesellschaften unter dem Dach der Benex GmbH trennen möchte, hat seinen Grund innerhalb Hamburgs: Der Senat plant eine Direktvergabe des Linienbusverkehrs an das eigene Verkehrsunternehmen. Die EU-Verordnung Nr. 1370 aus dem Jahr 2007 gestattet dies bei eigenen Verkehrsbetrieben. Dafür muss sich die HHA jedoch aus wettbewerbsrechtlichen Gründen von allen Beteiligungen außerhalb Hamburgs trennen. Der Vertrag für den städtischen Busverkehr läuft 2019 aus. Bis Ende 2018 muss also eine Lösung gefunden werden. Und die scheint nun vorzuliegen.

Wie Benex-Geschäftsführer Michael Vulpius im Gespräch mit unserer Zeitung bestätigt, wird die INPP Public Infrastructure Germany GmbH & Co KG (INPP) mit Sitz in Grünwald bei München, der bislang 49 Prozent der Benex-Anteile gehören, auch die 51 Prozent der HHA übernehmen. „Ich gehe davon aus, dass der Übernahmevertrag im Frühjahr nächsten Jahres unterschriftsreif sein wird“, sagt Vulpius, der in den Jahren 2013 und 2014 kaufmännischer Geschäftsführer von Agilis war.

Echte Privatbahn

Mit dem neuen alleinigen Anteilseigner INPP sei Benex eine „echte Privatbahn“, betont Vulpius. Damit grenzt sich der Benex-Chef von vielen Mitbewerbern auf dem deutschen Schienennahverkehrsmarkt ab. „Hinter fast allen Anbietern stehen ausländische Staatsbahnen“, sagt Vulpius. Als Beispiele nennt er die Länderbahn unter dem Dach von Netinera, die mehrheitlich der italienischen Staatsbahn gehöre, und die in mehreren Bundesländern beauftragte Abellio, hinter der die niederländische Bahn stehe.

Die Fahrgäste in den Agilis-Zügen werden wohl – wie die Erfahrung zeigt – kaum etwas von den Veränderungen bei den Mehrheitsverhältnissen in der Benex-Gruppe mitbekommen. Das zeigte sich auch beim dreimaligen Eigentümerwechsel der Länderbahn samt Regental- und Vogtlandbahn. Diese gehörte mehrheitlich zunächst dem Freistaat Bayern, der sie an den britischen Verkehrskonzern Arriva verkaufte.

Verstärkte Beteiligung an Wettbewerben

Nach der Übernahme von Arriva durch die Deutsche Bahn musste die DB die deutschen Anteile weiterverkaufen, die jetzt unter dem Konzernnamen Netinera der italienischen Staatsbahn und dem französisch-luxemburgischen Cube-Fonds gehören. Die offensichtlichste Veränderung war das Aufkleben und Entfernen des Schriftzuges „Arriva“ auf den Loks, Waggons und Triebzügen.

Durch die neuen Mehrheitsverhältnisse bei Agilis und dem Mutterkonzern Benex erwarten Branchenbeobachter eine verstärkte Beteiligung am Wettbewerb nicht nur in Deutschland, sondern auch im benachbarten Ausland.

So hatte sich Agilis nicht an der Ausschreibung für den Personenverkehr auf der im Dezember 2015 eröffneten internationalen Bahnlinie Hof-Asch-Cheb (Eger) beteiligt. Dazu hätte der Hamburger Senat erst in einem Grundsatzbeschluss entscheiden müssen, dass sich die HHA mit ihren Benex-Tochtergesellschaften auch außerhalb von Deutschland für SPNV-Leistungen bewerben darf.

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