Hagen in der Todesrinne

Nicht nur Wagner feiert in diesem Jahr Jubiläum, sondern auch Jean Paul. Die Stadt hatte dafür einen Stadtschreiber engagiert, fünf Monate schrieb der Berliner Autor Volker Strübing über die Stadt. Nun ist er für einen Kurzbesuch zurückgekehrt, um sich dem zweiten großen Bayreuther zu widmen - und hat nach dem Besucher der Generalprobe gleich mal ein neues Regie-Konzept für die "Götterdämmerung" entwickelt.

Wenn einem Autor verboten wird, über etwas zu schreiben, juckt es ihn natürlich erst recht in den Fingern. Ich habe letzten Mittwoch die Generalprobe zu Castorfs Neuinszenierung der „Götterdämmerung“ besucht. Auf der Eintrittskarte stand ausdrücklich, dass jede öffentliche Kritik untersagt sei. Vielleicht meinte Frank Castorf ja das, als er von „purer DDR“ sprach? Klar, es ist eine Probe gewesen, work in progress. Ich mag es auch nicht, wenn mir jemand beim Schreiben über die Schulter schaut. Und am Ende würde jemand noch vor der Premiere verraten, wer der Mörder ist! (Es ist Hagen – ups!)

Zum Glück kann mir niemand verbieten zu schreiben, wie es nicht war, aber hätte sein können. Wenn nämlich ich statt Frank Castorf die „Götterdämmerung“ neu inszeniert hätte...

Vorspiel: Die drei Nornen (Marie-Luise Marjan, Thekla Carola Wied, Iris Berben) fahren auf einem Kinderkarussel im Kreis herum. Sie tragen Guy-Fawkes-Masken und rosa Strickpullover – schon hier wird deutlich, dass heuer die ganz großen Themen verhandelt werden. Das Seil, an dem das Karussell aufgehängt ist, reißt; die Nornen stürzen in die Tiefe.

Auftritt Siegfried (schlecht wie immer: Axel Prahl) und Brünnhilde (Cindy aus Marzahn). Sie treten aus einer kik-Filiale und besingen ihre Liebe. Aus ihren vollgestopften Tüten tropft Blut. Siegfried muss noch mal kurz los, „zu neuen Taten“, er lässt Brünnhilde als Liebesbeweis sein Handy da und verschwindet in einer Spielhalle, während die Zurückgelassene in ihre Bratwurstbude zurückkehrt. Ein Statement gegen Banker-Boni und fußgängerunfreundliche Ampelphasen, dessen Kompromisslosigkeit sich wohltuend vom mutlosen Einerlei auf deutschen Bühnen abhebt.

Erster Aufzug: Die Halle der Gibichungen. Mit untrüglichem Gespür für die Größe (und die Banalität!) alles Menschlichen, verlegt der Regisseur die Handlung in ein Nagelstudio, in dem russische Gewichtheberinnen in Latexwäsche mit Vorschlaghämmern Hörl’sche Wagnerzwerge an Kruzifixe nageln. Gutrune (von den Festspielen nicht mehr wegzudenken: Angela Merkel), ihr Bruder Gunther (mit Pandamaske: Bushido) und ihr Halbbruder Hagen (Heino) sitzen am Rhein, der verdächtig an die Todesrinne erinnert. Alle drei tragen DB-Zugbegleiter-Uniformen und Sprengstoffgürtel.

Hagen hat einen finsteren Plan: Gunther soll Brünnhilde zur Frau und Gutrune Siegfried zum Manne nehmen. Was niemand ahnt: Ihm selbst geht es nur um Siegfrieds Handy, ein nagelneues iphone 7 (Kritik an Konsumgesellschaft)! Er berichtet von einem magischen Trank, durch den Siegfried Brünnhilde vergessen und sich in Gutrune verlieben würde.
Auftritt Siegfried. Er trägt jetzt ein FDJ-Hemd, hochhackige Schuhe und einen Zylinder. Diese Metapher über die Vereinzelung des Menschen in der Konsum- und Mediengesellschaft wird sich nicht jedem sofort erschließen, doch umso nachhaltiger im Bewusstsein bleiben. Siegfried trinkt den Zaubertrank aus einer Flasche mit der Aufschrift „Kristall-Met“, verliebt sich in Gutrune und befreundet sich auf Facebook mit Gunther. Dann setzt er sich Gunthers Pandamaske auf, um Brünnhilde für ihn aus der Bratwurstbude zu holen.

Nächste Szene: Brünnhilde in ihrer Bratwurstbude. Nackt. Bis auf einen Spaß-Tanga mit aufgeklebten Wackelaugen und Elefantenrüssel aus dem Sex-Gags-Automaten. Im Hintergrund läuft eine Videoprojektion mit Werbeclips aus den 70er und 80er Jahren, während Smeagul Gollum (Joko und Klaas) mit einem Brautschleier auf dem Kopf einen mit Kartoffeln gefüllten Kinderwagen eine Treppe hinunterrollt. Ein in seiner Radikalität gerade noch so vom Recht auf die Freiheit der Kunst gedeckter Aufruf zum Umsturz!
Die Walküre Waltraute tritt auf, dargestellt von der als Femen-Aktivistin verkleideten Veronika Ferres, auf deren Brüsten „Wer das liest ist doof“ steht, sowie, in etwas kleinerer Schrift, der Beweis der Fermatschen Vermutung. Sie fordert Gutrune auf, Siegfrieds Handy den Rheintöchtern (wieder in Originalbesetzung: Tic Tac Toe) zurückzugeben. An dieser Stelle kommt es zu einigem Gemurre und mehreren Herzinfarkten im Publikum, als klar wird, dass Brünnhilde unterdessen in Gebärdensprache die Ringparabel aus „Nathan der Weise“ deklamiert.

Der Rest des ersten Aufzuges, der gesamte zweite Aufzug und der größte Teil des dritten Aufzuges finden in völliger Dunkelheit statt, um gegen Kürzungen im Kulturbereich zu protestieren und weil dem Regisseur zwischenzeitlich die Ideen ausgegangen sind. Erst für das letzte Bild geht das Licht wieder an: Die Rheintöchter ertränken Hagen vor einem brennenden Karstadt-Gebäude in der Todesrinne. Dann schmieren sie sich gegenseitig von oben bis unten mit Leberwurst ein und drehen in einer schaurig-schönen Splatterszene Hagens Leiche durch die archimedische Schraube… das Rinnla färbt sich rot von Blut, der Vorhang fällt, stürmischer Applaus, Wagner ist endlich im Hier und Jetzt angekommen, Presse und Publikum sind begeistert, nur der „Nordbayerische Kurier“ bemängelt die „banale Abfolge von Versatzstücken aus der 80er-Jahre-Mottenkiste des routinierten Bildungsbürgerschrecks“, aber der Kurier hat ja dauernd was zu mäkeln.
So also hätte es sein können, war es aber nicht. Doch was nicht ist … Ich halte mir vorsichtshalber die nächste Probenzeit frei.

P.S.: Einen klitzekleinen Regieeinfall habe ich zugegebenermaßen von Frank Castorf geklaut („zitiert“, wie man unter Autoren sagt). Ich verrate aber nicht, welchen.

INFO: Volker Strübing war von Anfang Februar bis Ende 
Juni Stadtschreiber 
in Bayreuth, und zwar der erste seiner Zunft. Was er in der Stadt erlebt und beschrieben hat, ist in seinem Bayreuther Tagebuch nachzulesen. Strübing (42) lebt in Berlin 
und ist Mitglied der Lesebühne LSD (Liebe statt Drogen).

 

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